Von der Schwerzi in die albanische Nati?
Am Donnerstag galt es für Heroid Gjoshi nach der Winterpause wieder ernst. Im ersten Vorbereitungsspiel gegen den FC Luzern (0:2) konnte er sich in den letzten 25 Minuten dem neuen Coach Ronny Teuber präsentieren. «Es ist sicher mein vierter oder fünfter Trainer hier in Wil», sagt der Mönchaltorfer und schmunzelt.
Seit dem Einstieg der türkischen MNG-Gruppe im Sommer 2015 sind die Erwartungen beim St. Galler Challenge-League-Klub erheblich gestiegen. Doch auch die Fluktuation ist gross – Trainer wie Spieler kommen und gehen. Nur mit dem erhofften Aufstieg wird es erneut nichts.
Gjoshi hat zur gleichen Zeit wie die neue türkische Führung den Weg nach Wil gefunden. Beim FC Zürich wurde er als zu wenig gut für die U 21 eingestuft. Der Oberländer mit kosovarischen Wurzeln wechselte deshalb in das in der 2. Liga interregional spielende U-20-Team des FC Wil und drängte sich von dort aus für die erste Mannschaft auf.
Schnell ans Tempo gewöhnt
Auf dem Bergholz hat sich Gjoshi schnell an das höhere Tempo im Trainingsalltag mit gestandenen Fussballern gewöhnt. Bereits im letzten Mai gab der 19-Jährige sein Debüt in der Challenge League, dem weitere drei Teileinsätze folgten, in denen er zwei Torvorlagen beisteuern konnte. Als Lohn für die Leistungen erhielt Gjoshi einen Vertrag bis 2020 und einen Platz im Profikader.
Zu weiteren Bewährungschancen in der Meisterschaft kam er aber in dieser Saison nicht mehr. Den einzigen Pflichtspieleinsatz absolvierte Gjoshi im Schweizer Cup gegen den Erstligisten Stade Lausanne-Ouchy. Ansonsten blieben ihm zuletzt einige wenige Ernstkämpfe mit der U 20.
Das üppige Kader abgespeckt
Ein Grund für seine bisherige Nichtberücksichtigung war das üppige Wiler Kader. So stand Gjoshi beispielsweise auf seiner Position im defensiven Mittelfeld mit arrivierten Kräften wie dem ehemaligen senegalesischen Nationalspieler Rémi Gomis oder Frano Mlinar (ex Aarau) im direkten Konkurrenzkampf. Die beiden sind noch immer im Kader der St. Galler – doch bekanntlich kann es in Wil schnell zu Veränderungen kommen.
Immerhin trennte sich der Verein jüngst von Stammspielern wie Egemen Korkmaz und Murat Akin sowie Gjelbrim Taipi. Und da der Tabellendritte bei Halbzeit schon 22 Punkte hinter dem Leader FCZ liegt, kämen derzeit grössere Investitionen einer Überraschung gleich. Dementsprechend hofft Gjoshi in der Rückrunde auf Einsatzzeit und mittelfristig auf den Durchbruch in der Challenge League.
Werbung in eigener Sache will der 1,71 Meter grosse Techniker aber nicht nur in Wil, sondern ab nächstem Mittwoch im Kreis des albanischen U-21-Nationalteams machen. Gjoshi wurde im Hinblick auf die bereits im März beginnende neue EM-Phase erstmalig zu einem zehntägigen Zusammenzug nominiert. «Ich will mich für die EM-Qualifikationsspiele aufdrängen», sagt er. Für den Mönchaltorfer ist es aber nicht das erste Aufgebot in eine Nachwuchsauswahl, spielte er doch schon für die U 17 von Albanien.
Die Nummer 60 für den Vater
Neben dem Fussball gilt es für Gjoshi in diesem Frühling des Weiteren, die KV-Ausbildung erfolgreich abzuschliessen. Es war für ihn in der Vergangenheit nicht immer einfach, den Spagat zwischen Schule und Sport zu bewältigen. «Noch vor einem halben Jahr spielte ich mit dem Gedanken, die Lehre aufgrund der grossen Belastung vorzeitig abzubrechen», sagt er offen. Mut sprach ihm in dieser schwierigen Zeit sogar der Wiler Verwaltungsrat Abdullah Cila zu.
Die grösste Unterstützung erhält Gjoshi aber seit je sowieso von seinen Eltern. Jahrelang fuhren sie ihn seit seinem Wechsel im Alter von 12 Jahren vom FC Mönchaltorf zu GC und später zum FCZ fast täglich zu den Trainings und Spielen. Als Verbundenheit trägt er deshalb auch die Rückennummer 60 auf dem Trikot. Es ist für ihn eine Wertschätzung an seinen im Jahr 1960 geborenen Vater Muhamet. «Weil ich ihm so viel zu verdanken habe», wie Gjoshi betont. Den Weg in die Ostschweiz nimmt er aber mittlerweile eigenständig mit dem Zug auf sich.
