Rahmani: «Man fühlt sich mit den Federn wie auf Wolken»
100-m-Sprinterin Abassia Rahmani aus Wila überraschte an der Leichtathletik-EM in Grosseto (wir berichteten). Ihr grosses Ziel sind die Paralympics in Rio de Janeiro.
Einfach nur überwältigt war sie von der Anzahl an Reaktionen. «Damit habe ich wirklich nicht gerechnet», sagt Abassia Rahmani. Zurück in der Schweiz posierte sie direkt am Flughafen stolz für ein Bild mit Bundesrat Ueli Maurer. Und ihre Gemeinde Wila will die 23-Jährige am 11. Juli für ihre Leistung sogar noch ehren. «Das ist doch erstaunlich», sagt sie fast ein wenig ungläubig.
Rahmani war letzte Woche aus Schweizer Sicht die grosse Überraschung an der Leichtathletik-Europameisterschaft im Behindertensport in Grosseto (ITA). Mit einem starken Finish sicherte sie sich bei ihrer EM-Premiere im 100-m-Rennen sogleich die Bronzemedaille. Dabei überspurtete sie auf den letzten Metern noch die Italienerin Federica Maspero. Es war die insgesamt siebte Medaille für die achtköpfige Schweizer Delegation. «Abassias Erfolg ist das Resultat harter Arbeit und freut mich sehr», betont Luana Bergamin, die Delegationsleiterin und Leiterin Spitzensport bei Plusport Behindertensport Schweiz.
«Start ging in die Hose»
Dabei war der beidseitig Unterschenkel-amputierten Rahmani in der italienischen Toskana gar nicht der perfekte Lauf gelungen. «Der Start ging völlig in die Hose», sagt Rahmani. «Bei den ersten drei, vier Schritten fehlte noch der Rhythmus. Erst dann konnte ich Tempo aufnehmen.» In 14,78 Sekunden blieb sie dann auch deutlich unter ihrer persönlichen Bestzeit von 14,33. Dafür war allerdings nicht nur der durchzogene Start, sondern auch der starke Gegenwind mitverantwortlich.
Ganz an die Weltspitze dürfte es Rahmani, deren Vater gebürtiger Algerier ist, aber sowieso (noch) nicht reichen. Über eine Sekunde nahmen ihr die beiden Spitzensprinterinnen Irmgard Bensusan (GER) und Laura Sugar (GBR) im EM-Final ab. Und die niederländische Weltrekordhalterin Marlou van Rhijn war in Grosseto gar nicht am Start.
Die Limite im Visier
Ungeachtet davon hat Rahmani ehrgeizige Pläne. Noch in diesem Jahr will sie die 14-Sekunden-Marke knacken. Für die Tösstalerin stehen als nächstes Wettkämpfe in Olten, Nottwil und Berlin an. Dort will sie nochmals Werbung in eigener Sache machen, um sich womöglich für die Paralympics in Rio de Janeiro vom September zu qualifizieren. Der Entscheid wird am 20. Juli gefällt und hängt von der Anzahl an Quotenplätzen ab. Die B-Limite (15 Sekunden) hat sie klar unterboten – zur A-Limite (14,10) fehlen ihr noch ein paar Hundertstelsekunden.
Für Luana Bergamin von Plusport Behindertensport Schweiz zählt Rahmani aber ungeachtet von Rio zu den ganz grossen Zukunftshoffnungen. «Abassia weiss ganz genau, was sie will», lobt Bergamin und beschreibt sie als «äusserst zielstrebig».
Sechs Einheiten bestreitet Rahmani in der Woche. Drei davon mit Trainer Georg Pfarrwaller von der LV Winterthur auf dem Deutweg – als einzige Athletin einer Gruppe mit einer Prothese. «Den einen oder den anderen habe ich auch schon überholt», sagt sie und lacht herzhaft.
Die ersten Versuche
Überhaupt ist die Entwicklung der in Fehraltorf als kaufmännische Angestellte tätigen Rahmani erstaunlich. Erst etwas mehr als zwei Jahre ist es her, seit sie ihren ersten Wettkampf bestritt.
Zur Leichtathletik war sie zuvor durch einen Jogging-Workshop von Heinrich Popow gekommen. «Er hat mir die Federn aus Karbon druntergeschraubt und gesagt – probiere es mal aus.» Der deutsche Goldmedaillen-Sprinter der Paralympics 2012 in London löste bei Rahmani damit sogleich Begeisterung aus. «Man fühlt sich mit den Federn wie auf Wolken», sagt sie.
Diese Emotionen will Rahmani noch stärker ausleben. In Kürze wird sie erstmals über die 200-Meter-Distanz laufen und sich mit dem Weitsprung in einer nächsten Disziplin versuchen.
