Wahlen

Das Schwerzenbach-Geheimnis: Respekt statt Krawall

Andernorts kracht es kurz vor den Wahlen, nicht so in Schwerzenbach. Versammlungen haben etwas Familiäres, Differenzen werden sachlich ausgetragen – und Gemeindepräsident Martin Hermann (FDP) gilt vielen als Schlüssel zu dieser bemerkenswert ruhigen politischen Kultur.

Das Schwerzenbach-Geheimnis: Respekt statt Krawall

Andernorts kracht es kurz vor den Wahlen, nicht so in Schwerzenbach. Versammlungen haben etwas Familiäres, Differenzen werden sachlich ausgetragen – und Gemeindepräsident Martin Hermann (FDP) gilt vielen als Schlüssel zu dieser bemerkenswert ruhigen politischen Kultur.

Der Politikbetrieb in Schwerzenbach ist harmonisch. In dem 5000-Seelen-Dorf kann eine Gemeindeversammlung durchaus den Charakter eines Familienfests haben.

Die Behördenvertreter zeigen sich gegenüber den Stimmberechtigten leutselig. Lässt ein Gemeinderatsmitglied einen lockeren Spruch fallen, wird auch mal herzhaft gelacht, und am Ende einer Versammlung gibt es Applaus. Die freiwilligen Stimmenzähler erhalten nach getaner Arbeit einen Blumenstrauss.

Exekutiven der Nachbargemeinden wie Fällanden oder Volketswil können von solchem Wohlwollen nur träumen. Dort macht eine kleine, aber laute Schar Protestbürger ihrem Ärger regelmässig an Versammlungen oder in Leserbriefspalten Luft. Das gibt es in Schwerzenbach nicht.

Ein Präsident, der aufs Wort wartet

Natürlich sorgt wie an jedem guten Familienfest auch das Zusammentreffen im Dorf, ob Gemeindeversammlung oder Info-Veranstaltung, für Diskussionen und Uneinigkeit. Eine Mehrheit war etwa bei der Bau- und Zonenordnung (BZO) anderer Meinung als der Gemeinderat.

Das Geschäft fiel noch in die Ära des alten Präsidenten Thomas Weber (parteilos), der damit zusammen mit dem damaligen Gemeinderat Schiffbruch erlitt: Die BZO wurde an der Gemeindeversammlung zurückgewiesen und zur Hinterlassenschaft seines Nachfolgers Martin Hermann (FDP).

Dieser zog die überarbeitete BZO mit dem Schlachtruf «Kleinere Brötchen backen» über die vorberatende Gemeindeversammlung mit wenigen Änderungen an die Urne und kam damit durch.

Auffallend war, wie Hermann zuvor an der Info-Veranstaltung und auch während der Gemeindeversammlung mit dem Mikrofon in der Hand die Schwerzenbacherinnen und Schwerzenbacher zu «weiteren Wortmeldungen» und «Anträgen» aufforderte.

… ohne dass es allzu kuschlig wird.

Kiki Jungfer

Co-Präsidentin Grüne Schwerzenbach

Und auch wenn sich eine gefühlte Ewigkeit keiner zu Wort meldete, gab der Gemeindepräsident nicht auf, sondern wartete einfach noch ein wenig länger, bis sich selbst einige Hinterbänkler noch bemüssigt fühlten, etwas einzubringen.

Auch beim Feuerwerksverbot oder beim Widerstand gegen die unbeliebten Pläne des Kantons für die neue Ortsdurchfahrt gehen Gemeinderat und Volk den gleichen Weg.

Einen Rückweisungsantrag musste der Gemeinderat in dieser Legislatur doch noch hinnehmen: Die Totalrevision der Abfall- und Entsorgungsverordnung schickten die Stimmberechtigten zurück an den Absender.

Lob von allen Parteien

Dieses harmonische Miteinander müssen auch die Ortsparteien neidlos anerkennen, die in Schwerzenbach nicht im Gemeinderat sitzen. Auf Anfrage bei SP und SVP gibt es Anerkennung zum ausgewogenen politischen Klima. Und Kiki Jungfer, Co-Präsidentin der Grünen, sagt, dass die gute Zusammenarbeit beim Dorffest zu spüren gewesen sei, als ihre Partei zusammen mit der FDP, der GLP und der Mitte einen Stand betrieben habe. «Das funktioniert gut, die Parteien wollen konstruktiv miteinander schaffen.»

Weber übergibt den Gemeindehausschlüssel an Hermann.
Feierliche Stabsübergabe am 27. Juni 2022 von Gemeindepräsident Thomas Weber (alt) an Martin Hermann (neu), Hof Wiederkehr in Schwerzenbach.
Feierliche Stabsübergabe im Jahr 2022 vom damaligen Gemeindepräsidenten Thomas Weber (links) an seinen Nachfolger Martin Hermann. (Archiv)

An den Gemeindeversammlungen macht Jungfer ein «höfliches und respektvolles Miteinander» aus – «ohne dass es allzu kuschlig wird». Wenn es mal ein Aufregerthema wie die BZO gebe, schaffe es der Gemeindepräsident, die Situation zu entschärfen.

Generell kommuniziere der Gemeinderat in den letzten vier Jahren sehr gut. Das trage dazu bei, dass es gar nicht erst eskaliere, sagt Jungfer. «In Schwerzenbach staut sich nichts auf. Es macht keiner die Faust im Sack.»

Traditionelle Eintracht

Vonseiten der GLP tönt es ähnlich. Die Grünliberalen sind mit Christiane Dasen und Ivar Schmutz im Gemeinderat vertreten. Ortsparteipräsident Andreas Pinsini sagt: «In Schwerzenbach wird diskutiert, doch es geht um die Sache, nicht um Parteipolitik.» Dass es so gehässig wie vor den Wahlen in Volketswil zu und her gehe, das kenne man hier nicht.  

Allerdings kommt es im Schwerzenbacher Gemeinderat im Gegensatz zu Volketswil auch nicht zu Kampfwahlen.

Von einer traditionellen Schwerzenbacher Eintracht berichtet Mitte-Präsident Hansjörg Steiner, der selber von 2006 bis 2018 Gemeinderat war. «Wir waren immer um eine Lösung bemüht, mit der alle leben können.» Die Atmosphäre im Gemeinderat sei von Verständnis geprägt gewesen, was der jetzige Präsident Martin Hermann bestens fortsetze.

Wir sind stolz drauf, dass es bei uns sehr kultiviert zu und her geht.

Denis Hofmann

Präsident FDP Schwerzenbach

Von der Mitte will Reto Haltinner erneut in die Exekutive. Zudem greift die Partei mit Linda Werner nach einem zweiten Sitz.

Gleich mit drei bisherigen Kandidaten tritt die FDP am 12. April wieder zur Wahl in den Gemeinderat an. Neben Martin Hermann sitzen Thomas Kuhn und Rahel Hofmann im siebenköpfigen Gremium.

«Ein bisschen langweilig»

Denis Hofmann ist Präsident der Schwerzenbacher FDP und Ehemann von Gemeinderätin Rahel Hofmann. Zum Politikbetrieb sagt er augenzwinkernd: «Ein bisschen langweilig.» Freilich stört sich die Partei mit der Dreiervertretung in der Exekutive wenig daran, dass sich im Dorf kein politisches Erdbeben ankündigt. «Wir sind stolz drauf, dass es bei uns sehr kultiviert zu und her geht.»

Als Garanten für das Wohlfühlklima im Dorf sieht auch er den Gemeindepräsidenten aus den eigenen Reihen. «Martin Hermann bringt Ruhe rein und kann Konflikte managen. Das sieht man an den Gemeindeversammlungen.»

Und was sagt der vielfach Gelobte selbst zum fast schon kitschig melodischen Zusammenspiel zwischen Souverän und Regierung?

Martin Hermann: «Diesen Goodwill aus der Bevölkerung spüre ich und geniesse ihn auch.» Hermann glaubt, dass vor allem der respektvolle Umgang mit vermeintlich andersdenkenden Minderheiten wichtig für ein gutes Zusammenleben ist. «Wir gestehen allen zu, dass sie das Beste für die Gemeinde wollen. Keinem wird eine böse Absicht unterstellt.»

In diesen Behörden kommt es zu Kampfwahlen

Primarschulpflege:
Für die fünf Sitze treten auf der offiziellen Liste sechs Kandidierende an: Michela Casanova (parteilos, bisher), Silvia Huder (parteilos, bisher), Sarina Lehn (parteilos, neu), Karin Lienhard Kunz (parteilos, neu), Francis Rodriguez (parteilos, neu) sowie Hansueli Zellweger (parteilos, bisher). Nachträglich meldete zudem Frank Ohoven (FDP) seine Kandidatur für die Schulpflege und das Präsidium an, wo er gegen Hansueli Zellweger antritt.

Rechnungsprüfungskommission (RPK):
Durch die nachträglichen Kandidaturen von Marc Berthoud (FDP) und Armin Wagner (parteilos) kommt es bei der RPK ebenfalls zur Kampfwahl. Sie treten gegen die Bisherigen Markus Diggelmann, Reto Portmann, Antonio Spitale und Rolf Untersander (alle parteilos). Reto Portmann strebt erneut das Präsidium an. Stefan Stocker (parteilos) kann durch seinen Wegzug aus Schwerzenbach nicht mehr gewählt werden.

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