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Vorschau auf die Wahlen

Deshalb sind die Parteilosen im Oberland so erfolgreich

In vielen Gemeinden prägen parteilose Politikerinnen und Politiker das lokale Geschehen. Drei Lokalpolitiker zeigen, weshalb der Verzicht auf eine Partei Vor- oder auch Nachteile haben kann.

Philip Hirsiger (links), Marco Hirzel (Mitte) und Daniel Wunderli (rechts): Die drei Männer sind oder waren parteilos. Und wissen, was dieses Label bedeutet.

Fotos: Simon Grässle/Christian Merz/PD

Deshalb sind die Parteilosen im Oberland so erfolgreich

Vorschau auf die Wahlen

In vielen Gemeinden prägen parteilose Politikerinnen und Politiker das lokale Geschehen. Drei Lokalpolitiker erklären, weshalb der Verzicht auf eine Partei Vor- und auch Nachteile haben kann.

Im kommenden Frühling stehen wieder die Behördenwahlen an. Etliche Kandidatinnen und Kandidaten treten mit der Unterstützung einer etablierten Partei im Rücken an – andere wiederum sind bewusst parteilos. Vor allem in kleineren Gemeinden sind Letztere erfolgreich.

Bei den Gemeindewahlen 2022 schafften in der Region 53 parteilose Kandidatinnen und Kandidaten den Sprung in die Gemeindeexekutive. Bei insgesamt 221 Sitzen ist das eine Quote von fast 24 Prozent.

Auffällig ist dabei: In den Parlamentsgemeinden Wetzikon, Uster, Dübendorf und Illnau-Effretikon sitzen keine Parteilosen in den Stadträten. In den Parlamenten, wo Sitze nach Listenstimmen vergeben werden, ist eine Wahl für eine Person ohne eine Gruppierung im Rücken gar unmöglich.

In den vergleichsweise kleineren Gemeinden im Tösstal gewannen die Parteilosen hingegen 21 von 34 Sitzen, knapp 62 Prozent. Spitzenreiter ist die Gemeinde Schlatt. Dort sind alle Mitglieder des Gemeindevorstands parteilos.

Stefan Kalberer überrascht das nicht. Er ist Doktorand am Zentrum für Demokratie in Aarau und kennt sich mit der Parteienlandschaft in der Lokalpolitik aus. Die Faustregel besagt: Je kleiner eine Gemeinde ist, desto mehr Parteilose sind im Gemeinderat vertreten. «In Gemeinden bis zirka 500 Einwohner gibt es in der Regel keine Parteien», sagt Kalberer.

Sobald eine Gemeinde die Schwelle von gut 2500 Einwohnern überschreitet, sind im gesamtschweizerischen Vergleich nur noch etwa 10 Prozent der Behördenvertreter parteilos. «Dort leisten Parteien dann auch einen wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung.»

Meinungsbildung und Rekrutierung

Mit Partei meint Kalberer nicht nur die etablierten Namen wie SVP, SP oder EVP – sondern auch lokale Gruppierungen. Selbst wenn diese sich teilweise nicht als Partei bezeichnen wollen.

Eine klare Definition, was eine Partei ist, gibt es in der Schweiz nicht. Für Kalberer müssen Parteien aber zwei Kernaufgaben erfüllen: «Wenn eine Gruppierung Amtsträger rekrutiert und zur Meinungsbildung beiträgt, ist sie eine Partei.»

Solche Gruppierungen oder lokalen Parteien gibt es im Oberland zahlreiche, beispielsweise das Forum Hittnau, die Freie Demokratische Vereinigung in Dürnten oder der Demokratische Gemeindeverein Fehraltorf. Sie sind Zeichen eines Trends, der in der ganzen Schweiz festzustellen ist.

«Lokale Gruppierungen von nationalen Parteien wie der SVP oder der FDP verlieren immer mehr an Bedeutung», sagt Kalberer. In den 1980er Jahren gab es noch in 70 Prozent der Gemeinden lokale Parteisektionen, heute ist das nur noch in 60 Prozent der Gemeinden der Fall. Zudem sind die Parteien weniger aktiv und organisiert als früher.

An die Stelle der grossen Namen treten lokale Parteien. «Diese lassen sich oft nicht ins Links-rechts-Schema einordnen und fokussieren sich auf lokale Themen.»

Turnverein statt Partei

Doch auch Personen, die ganz ohne Unterstützung einer Partei auskommen, haben in der Lokalpolitik gute Chancen. «Vor allem in kleinen Gemeinden gibt es zahlreiche andere Möglichkeiten, für sich zu werben und Stellung zu beziehen», sagt Kalberer. Sei es in der Musikgesellschaft oder im Turnverein. «Wer im Dorf bekannt ist, hat auch bei den Wahlen gute Chancen.»

In der Arbeit nimmt derweil die parteipolitische Zugehörigkeit einen untergeordneten Stellenwert ein. «Gemeindepolitik ist sehr stark sachpolitisch orientiert.» Oftmals sei es möglich, auch über Parteigrenzen hinweg einen Kompromiss zu finden.

Doch wie lebt es sich in der Lokalpolitik als Parteiloser? Wir haben einen überzeugten parteilosen Gemeindepräsidenten gefragt, einen seit zwei Jahren neu parteilosen Gemeindepräsidenten – und einen ursprünglich parteilosen Gemeinderat, der sich nun einer Partei angeschlossen hat.

Der parteilose Gemeindepräsident, für den es keine Partei gibt

Der Russiker Gemeindepräsident Philip Hirsiger probt als Dirigent mit seinem Chor Landenberg in Wila.
Dirigent Philip Hirsiger gibt im Gemeinderat als Parteiloser den Takt an – und das passt für ihn so.

«Ich hätte gar keine Zeit für die Parteiarbeit», sagt Philip Hirsiger. Der parteilose Gemeindepräsident von Russikon ist auch Leiter von drei Chören. «Zusammen mit den Gemeinderatssitzungen bin ich an mindestens vier Abenden pro Woche ausgebucht.»

Doch das ist nicht der einzige Grund, wieso der 48-jährige Profimusiker nicht Mitglied einer Partei ist. «Eine Partei, die zu mir passt, die gibt es gar nicht.» Er sei bewusst ein unabhängiger Politiker, der sich selbst als bürgerlich und wirtschaftsnah bezeichne. Und so hätten die lokale FDP und auch die SVP bereits versucht, ihn zu rekrutieren. Ohne Erfolg.

Parteilos zu sein, bietet in den Augen von Hirsiger Vor- und Nachteile. «Als Parteiloser wird man nicht schon vorab in einen Topf geworfen.» Doch es könne auch hilfreich sein, eine Partei im Rücken zu haben, beispielsweise im Wahlkampf.

Hirsiger wird auch künftig ohne diese Unterstützung auskommen. Er tritt 2026 nochmals zur Wahl als Gemeindepräsident an, ein Amt, das er seit 2022 innehat. Er ist überzeugt, dass die Russikerinnen und Russiker wissen, mit wem sie es zu tun haben. «Als Gemeindepräsident bin ich für die Bevölkerung da und muss Lösungen im Sinne der Gemeinde finden.» Das passiere oft weit weg von der Bundespolitik.

Ein Netzwerk einer Partei braucht Hirsiger auch nicht, wie er meint. «Wenn ich mit jemandem reden will, zum Beispiel einem Regierungsrat, kriege ich diese Person auch so ans Telefon.»

Vom SVPler zum Parteilosen

Bundesfeier mit Festansprache durch Regierungsrat Mario Fehr im Chesselhuus
Der Pfäffiker Gemeindepräsident Marco Hirzel trat 2023 aus der SVP aus.

14 Jahre lang war Marco Hirzel Mitglied der Pfäffiker SVP. Doch im November 2023 kam es zum Bruch zwischen dem Gemeindepräsidenten und der Volkspartei. Hirzel trat aus der Partei aus. Als Grund nannte er die «zunehmend erschwerte Zusammenarbeit» mit der Ortspartei.

Hirzel, der seit 2018 Gemeindepräsident ist, tritt im kommenden Frühling nochmals zur Wahl an – dieses Mal als parteiloser Kandidat. Dieses Label hat für ihn Vor- und Nachteile.

«Ein Nachteil ist, dass einige Wähler einfach dem Vorschlag einer Partei folgen, da falle ich aus dem Raster», sagt Hirzel. «Mein grosser Vorteil hingegen ist, dass die Leute bei mir wissen, wen sie als eigenständige Person wählen, die nicht einen ganzen ideologischen Rucksack mittragen muss.»

Er ist sich sicher, dass er als Person gewählt wurde – und nicht als Kandidat einer Partei. «Viele Pfäffikerinnen und Pfäffiker wissen, wofür ich als Person einstehe und dass mir ihre Anliegen und die Zukunft der Gemeinde näher waren als ein Parteiprogramm.» Dass er elf Jahre Präsident des Fussballvereins war, hat ihm ebenfalls geholfen.

Und so geht er den anstehenden Wahlkampf nicht anders an als bisher. «Ich engagiere mich für die Sache und für Pfäffikon. Das hatte ich schon so gemacht, als ich noch in einer Partei war.»

Und auch wenn Hirzel der Parteiarbeit den Rücken gekehrt hat, will er die Rolle der Parteien nicht kleinreden. «Die Ortsparteien und vor allem die Parteienvielfalt sind sehr wichtig für eine fundierte politische Zusammenarbeit», sagt er. Für ihn ist die grosse Vielfalt an Parteien in Pfäffikon ein Zeichen einer funktionierenden Demokratie.

Der Ex-Parteilose, der mehr Connections wollte

Man sieht das Porträtfoto eines Mannes vor einem grünen Blätterhintergrund.
Gemeinderat Daniel Wunderli aus Turbenthal ist seit diesem Jahr Mitglied der SVP. Als Parteisoldat sieht er sich aber nicht.

Daniel Wunderli ist seit 2022 Tiefbau- und Werkvorsteher in Turbenthal. Bei seiner Wahl war er erst 31 Jahre alt – und parteipolitisch unabhängig. «Ich hatte damals viele Ideen und habe sie auch heute noch», betont Wunderli. «Aber ich wollte politisch mehr Einfluss nehmen können.» Deshalb hat er sich im Frühling dazu entschieden, der SVP beizutreten.

«Ich wollte politisch immer unabhängig sein», sagt er. Aber gleichzeitig wollte er sich in der Politik besser vernetzen. Mit einer Partei im Rücken habe er durch Kontakte mit Kantonsräten einen besseren Draht in die kantonale Politik. «Denn in der Gemeinde müssen wir vor allem umsetzen, was dort beschlossen wird.»

Dass die Wahl auf die SVP fiel, war nicht von Anfang an klar. Zwar war Wunderli schon vor seinem Parteibeitritt Mitglied des Bürgerlichen Gemeindevereins und bezeichnet sich als bürgerlichen Politiker. Doch er überlegte sich auch einen Beitritt zur FDP.

Gelandet sei er schliesslich trotzdem bei der SVP, da diese politisch mehr Gewicht habe. Als Hardliner will er sich aber nicht bezeichnen. «Und in der Gemeinde geht es sowieso vor allem um die Sache.»

Und so sieht er seine Parteizugehörigkeit für die kommenden Wahlen weder als Vor- noch als Nachteil. «Ich werde an meiner Arbeit gemessen, entweder sind die Leute zufrieden mit mir – oder sie sind es nicht.»

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