Nervenprobe für Monika Keller im Rennen um den Regierungsrat
Entscheidung an FDP-Delegiertenversammlung
Die FDP hat sich für zwei Männer entschieden, die sie im kommenden April an die Regierungsratswahlen schicken wird. Die «Lady in Red» aus Greifensee hätte jedoch auch gute Chancen gehabt. Wir waren dabei.
Auch im Saal des Zürcher Hotels Glockenhof ist es drückend heiss am Dienstagabend. Trotzdem sind viele Männer in formeller Businesskleidung an der Delegiertenversammlung der FDP Kanton Zürich auszumachen.
Inmitten der dominierenden Grautöne sticht eine Frau in leuchtend rotem Blazer aus der Masse heraus. Die Farbe symbolisiert Power – und passt zu ihrer Trägerin, Monika Keller. Die Gemeindepräsidentin von Greifensee ist eine von vier möglichen Kandidierenden für die Regierungsratswahlen 2027. An diesem Abend fällt die Entscheidung.
Unter der roten Jacke trägt Keller weisse Kleidung, was ihrem Auftreten Frische verleiht. «Ich habe mein Outfit am Vorabend mit einer Kollegin besprochen», verrät sie augenzwinkernd. «Die Kleidung ist ein wichtiger Faktor bei so einem Anlass.»
Die 57-jährige Politikerin schüttelt mal da jemandem die Hand, führt dort einen Small Talk. Mit einem Handfächer wedelt sie sich Luft zu, was sie sehr lässig und entspannt wirken lässt. Ist das so, oder täuscht der Schein? «Vor meinem Online-Pitch war ich deutlich nervöser.» Mit einem Pitch ist ein kurzes, überzeugendes Gespräch gemeint.

Allerdings sei sie gerade doch etwas weniger «gechillt» als gedacht. Das lasse sich auf einen kurzen Moment der Hektik zurückführen. Sie habe erst heute Nachmittag realisiert, dass die Versammlung eine halbe Stunde früher starte als ursprünglich geplant. «So musste ich doch etwas Gas geben beim Paratmachen», sagt sie, die sich eigentlich bewusst Zeit nehmen wollte für ihre mentale Vorbereitung. «Doch vielleicht ist das auch gut so, sonst hätte ich nur meinen Pitch fünfmal umgeschrieben.»
Kollegialität trotz Konkurrenz
Inzwischen ist sie in ein Gespräch mit Andri Silberschmidt vertieft. Ihr Parteikollege gilt als Favorit für ein Ticket und ist somit ihr «härtester Gegner». Monika Keller bezeichnet den Wettbewerb allerdings als gesunde Konkurrenz. «Ich mags auch anderen gönnen und würde eine Niederlage sicher nicht persönlich nehmen.»
Die Stuhlreihen haben sich gefüllt. Auch Keller und ihre drei Mitbewerber nehmen Platz – in der vordersten Reihe. Unablässig wedelt sie sich Luft zu. «Hat fast den gleichen Effekt wie ein Fidget Spinner», flüstert sie zwischendurch kurz rüber. Also ist die Anspannung vielleicht doch etwas grösser?

FDP-Präsident Filippo Leutenegger eröffnet die Versammlung. «205 Delegierte haben sich für heute angemeldet», verkündet er. Unter den Gästen seien auch alle FDP-Nationalräte und viele Kantonsräte. Im Eiltempo führen er und seine Vorstandskollegen durch die Traktanden – «um etwas mehr Zeit zu haben für das Thema, das Sie alle emotional am meisten interessiert», wie Leutenegger es ziemlich zutreffend sagt.
Dann kommt der Moment, auf den alle gewartet haben: Erst einmal klärt eine Abstimmung, ob die FDP für die Regierungsratswahlen auf ein Einer- oder ein Zweierticket setzt. Ein grosses Mehr spricht sich für ein Zweierticket aus.

Die vier Kandidierenden erhalten der Reihe nach die Gelegenheit, die Delegierten mit einem Pitch von sich zu überzeugen. «Fünf Minuten pro Person», ermahnt Filippo Leutenegger und stellt für alle sichtbar einen Timer.
Andri Silberschmidt macht den Anfang. Der Auftritt des in Gossau aufgewachsenen Nationalrats wirkt souverän, auch die anschliessenden Fragen von Leutenegger beantwortet er prompt und doch überlegt. Der anschliessende Applaus zeigt, dass der junge Politiker gut ankommt bei den Leuten.
Jetzt wirds ernst
Währenddessen zupft Monika Keller ihr rotes Jackett zurecht, sie ist die Nächste. Nur zwischendurch ist ihr die Anspannung anzusehen, dann setzt sie gleich wieder ihr professionelles «Pokerface» auf. Sie stellt sich lässig neben das Rednertischchen und stützt sich während der nächsten fünf Minuten nur selten darauf ab. Meist argumentiert sie lebhaft mit den Händen. Es sprudelt nur so heraus aus der ETH-Biologin und Konfliktberaterin. Und aus den fünf Minuten werden dann doch etwas mehr.
Zwei-, dreimal verliert sie kurz den Faden, doch ihre Ansprache wirkt authentisch und persönlich. «Als Metzgertochter weiss ich, jetzt gehts um die Wurst», schliesst sie ihren Pitch humorvoll ab. Die anschliessenden Fragen Leuteneggers bringen sie nicht aus dem Konzept. «Es hat eigentlich sogar Spass gemacht», verrät sie uns später.

Die Auftritte danach könnten unterschiedlicher nicht sein: Bodenständig und volksnah ist der von Martin Huber – der Betriebsökonom, Landwirt, Kantonsrat und alt Gemeindepräsident von Neftenbach «ginggt» gerne mal nach links und rechts. Und Frank Rühli (Professor, Institutsdirektor und Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich sowie alt Gemeinderat der Stadt Zürich) legt ein intellektuell geprägtes, sehr kompetentes Auftreten an den Tag.



Im Anschluss an die Auftritte werden die Kandidierenden aus dem Saal geschickt, damit die Delegierten offen diskutieren können. Das Bild ist ausgeglichen: Für alle vier Anwärter gibt es Votanten.
Draussen vor dem «Glockenhof» löst sich die Spannung. Silberschmidt und Huber verschwinden kurz – für einen Snack im Restaurant gegenüber. «Ich kann noch nicht ans Essen denken», sagt Monika Keller.
Sie tippt eine Nachricht an ihren Partner. «Er hat sich meinen Pitch tagelang anhören müssen», sagt sie und lacht. Jetzt zählt vor allem die Erleichterung, «dass es dure isch». Mit ihrem Auftritt? Zufrieden. Und doch bleiben die Gedanken hängen – an Antworten, die erst jetzt kommen.
Der erste …
Dann werden Keller, Silberschmidt, Huber und Rühli wieder in den Saal geholt, und das Wahlprozedere wird erklärt. Mit dem hellblauen Wahlzettel wählen die Anwesenden erst mal für den ersten Platz auf dem Zweierticket. Die Wahlzettel werden in Urnen eingesammelt und vom vierköpfigen Wahlbüro ausgezählt.


Nach einer kurzen Pause ist es klar: Andri Silberschmidt ist mit 145 Stimmen von 191 gültigen Wahlzetteln deutlich gewählt. Ganz kurz huscht eine leichte Enttäuschung über Kellers Gesicht. Mit 15 Stimmen liegt sie hinter Martin Huber, aber vor Frank Rühli mit 11 Stimmen. Dennoch gratulieren alle dem frischgebackenen Nominierten.
Dann geht es um den zweiten Platz – der rosa Wahlzettel wird gezückt. Nach der Auszählung steht fest, dass 95 Stimmen für das absolute Mehr nötig wären. Diese hat Huber mit 74 Stimmen nicht erreicht. Keller und Rühli folgen mit 60 und 55 Stimmen.
Das bedeutet: ein weiterer Wahlgang. Helferinnen sammeln die orangen Zettel ein. Die Spannung steht im Raum – und in den Gesichtern der Kandidierenden. Sie fächeln sich Luft zu, reden leise, warten.
… und der zweite Platz sind vergeben
Filippo Leutenegger tritt erneut ans Mikrofon. «Gewählt ist mit 82 Stimmen», setzt Leutenegger an, «Martin Huber.» Dieser wirkt sichtlich gerührt. Und Monika Keller dann doch etwas enttäuschter, als sie sich wohl zugestanden hätte.

Mit Standing Ovations feiern die Anwesenden ihre zwei Kandidaten. Überall Händeschütteln, Umarmungen, lange Schlangen von Gratulanten. Mittendrin eine wieder gefasste Monika Keller. Und schon während des Gesprächs kehrt ihre Energie zurück. «Ich gebe zu, ich hätte die Aufgabe sehr interessant gefunden», sagt sie. Sie gewinnt aber auch der Niederlage etwas ab: «So kann ich einen entspannteren Sommer erleben und mich auf meine anderen Ziele konzentrieren.»
Dazu zählt ihre Kandidatur als Präsidentin des Gemeindepräsidentenverbands (GPV). Und ein privater Schritt: «Im Herbst heirate ich meinen Lebenspartner.» Vor dem Regierungsratswahlkampf habe sie schon Respekt: «Ein Aufwand, der kaum Luft für anderes lässt.»
Trotzdem überwiegt die Dankbarkeit. Für die Erfahrung, für die Unterstützung – und für die neue Bekanntheit. «Jetzt kennt man mich», sagt sie. Ob das ein Vorgeschmack auf einen nächsten Anlauf ist, lässt sie offen.
