Turbenthaler Kantonsrätin will Hörnli-Bergland stärken: «Der Natur sind unsere Grenzen egal»
In ihrem letzten Vorstoss forderte Theres Agosti Monn ein Konzept für das Hörnli-Berggebiet, das nicht an der Kantonsgrenze haltmacht. Ein Gespräch auf einem Spaziergang mit der abgetretenen SP-Kantonsrätin.
Der Parkplatz des Strandbads Bichelsee ist trotz sommerlichem Wetter nicht sonderlich voll. Die offizielle Saison hat bei unserem Besuch Ende April noch nicht begonnen, doch sonnen sich auf dem Areal schon einige Ausflügler.
Turbenthal und die nach ihm benannte Thurgauer Gemeinde Bichelsee-Balterswil teilen sich den See, der von einem national bedeutenden Flachmoor umringt wird. Er gehört zudem zur Naturlandschaft Tössbergland/Hörnli, die wegen ihrer Einzigartigkeit und der Qualitäten als Lebensraum als «Landschaft von nationaler Bedeutung» gilt.
In einem Postulat fordert die inzwischen abgetretene Turbenthaler Kantonsrätin Theres Agosti Monn (SP) ein Gesamtkonzept für diese Region. Es ist ihr letzter Vorstoss, Ende April hat sie ihr Mandat beendet.
Das Konzept, das Agosti Monn und fünf weitere Parlamentarier anstreben, soll nicht an der Gemeinde- oder Kantonsgrenze haltmachen, sondern alle anliegenden Regionen einbeziehen. Auf einem Spaziergang entlang dem Seeufer spricht die ehemalige Kantonsrätin über ihre Beweggründe.
Frau Agosti Monn, wir stehen am Ufer des Bichelsees, Sie wohnen gleich nebenan in Seelmatten. Ist Ihr persönlicher Bezug zur Region der Grund, weshalb Sie einen übergeordneten Plan für diese Landschaft fordern?
Theres Agosti Monn: Das ganze Tössbergland war für mich als gebürtige Wetzikerin schon immer ein wichtiges Gebiet. Seit ich hier wohne, merke ich in vielen Bereichen noch deutlicher, dass wir in den jeweiligen Kantonen als Randregion zählen. Ich als Kantonsrätin, aber auch die regionalen Naturschutzvereine müssen viel Aufwand betreiben, um mit unseren Partnern ennet der Kantonsgrenze in Kontakt zu bleiben.
Das Tössbergland ist, könnte man sagen, der Biodiversitätsschatz des Kantons.
Genau, es gibt hier sehr viele aussergewöhnliche Lebensräume mit einzigartigen Pflanzen- und Tierarten. Die Landschaft ist aber auch schweizweit von Bedeutung, mit der Kombination aus Schluchten, Tobeln und Bergrücken und den weit verzweigten Bächen. Sie ist ein eigentliches Wasserschloss.

Die Region ist bereits als Ganzes im kantonalen Richtplan und im Bundesinventar der national bedeutenden Naturdenkmäler gelistet, hinzu kommen verschiedene Schutzgebiete. Warum braucht es da noch ein Konzept?
Innerhalb dieser Landschaft gibt es kommunale, regionale und kantonale Schutz- und Fördergebiete. Die Frage ist jetzt, wie wir ihr Potenzial nutzbar machen und die verschiedenen Lebensräume miteinander vernetzen. Der Druck auf die Infrastruktur nimmt auch in diesen schützenswerten Gebieten stetig zu. Wir sollten im Landschaftsschutz vom Reagieren ins Agieren kommen und den Schutz dieser naturbelassenen Landschaften erhöhen, solange sie es noch sind.
Schutz ist das eine, doch wenn man sich hier umsieht, erkennt man unschwer: Die Region ist auch für die Landwirtschaft wichtig. Wollen Sie das Hörnli-Gebiet zu einem Freilichtmuseum machen?
Politisch geht es darum, eine mehrheitsfähige Vorlage auszuarbeiten. Deshalb probiert man stets, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Erholung, Forst- und Landwirtschaft – all das braucht es weiterhin. Viele Bäuerinnen und Bauern in der Region machen bereits sehr viel für den Naturschutz. Und doch sehe ich als Umweltpolitikerin den enormen Handlungsbedarf im Artenschutz und bei der Vernetzung der Lebensräume.
Woran sehen Sie das?
(Agosti Monn zeigt auf einen Bach.) Zum Beispiel hier am Rietbach, er ist nur noch ein schmaler Streifen und quert die Strasse unterirdisch. Dadurch fallen wichtige «Pendelstrecken» für kleine und grössere Lebewesen weg.
Und trotzdem weiss man, dass die Natur manchmal doch recht viel verzeiht.
Wenn man es ermöglicht. Letztes Jahr wurde in Seelmatten beispielsweise ein Kiebitz gesichtet – ein stark gefährdeter Vogel. Damit er zurückkommt, bräuchte es mehr Feuchtstellen. Mehlschwalben und Neuntöter sind inzwischen ebenfalls selten. Ein anderes Beispiel sieht man am Schauenberg …
… wo seit einiger Zeit Gämsen vorkommen.
Hier müsste man mal genauer hinsehen: Wie entwickeln sich die Bestände längerfristig? Wie hängen sie mit den Gämsen um den Tössstock zusammen? Und wie steht es um die Korridore? Alles Fragen, die man übergeordnet klären müsste. Im Schaffhausischen, wo es einen regionalen Naturpark gibt, sieht man zum Beispiel, dass sich die Anzahl der Feldhasen sehr gut entwickelt, während wir hier praktisch keine mehr haben.
Die Idee eines Naturparks, den man auch entsprechend hätte vermarkten können, ist nicht per se neu, verschwand nach einer Machbarkeitsstudie aber in der Schublade. Und auch Tourismusoffensiven haben es in der Gegend schwer, wie das Projekt «Erlebnisraum Tösstal» zeigt.
Es ist natürlich immer ein Abwägen. Wenn ein Ort «zu attraktiv» wird, wird es umso wichtiger, die Besucher zu lenken – zum Beispiel mit guten ÖV-Verbindungen. Aber es beginnt schon im Kleinen, beispielsweise beim Weg, auf dem wir gerade laufen. (Sie deutet auf die weiter oben liegende Grenze.) Hier an der Kantonsgrenze hört er einfach auf. Aber der Natur sind diese menschengemachten Grenzen egal.

Ihr letzter Vorstoss als Kantonsrätin bringt die Kernthemen Ihrer Politik zusammen. Mit Ihnen verabschiedete sich nicht zuletzt eine wichtige Stimme für das Tösstal als Randregion aus dem Parlament. Wie geht es mit Ihren Anliegen weiter?
Der Vorstoss ist ein Gemeinschaftswerk, da werden meine Mitunterzeichner dranbleiben. Im Idealfall wird das Thema auch in den benachbarten Kantonsparlamenten angestossen. Und thematisch werden die zwei nachrückenden Kantonsrätinnen aus dem Wahlkreis Winterthur Land, meine SP-Nachfolgerin Stephanie Hugentobler und Viviane Kägi (GLP), sicherlich ähnliche Akzente setzen.
Als Präsidentin von Birdlife Zürich ist der Vogelschutz eines Ihrer politischen Steckenpferde. Wird dieser Sie auch ausserhalb des Kantonsrats begleiten?
Ja, das Präsidium werde ich weiterführen. Seit ein paar Jahren bin ich ausserdem im Vorstand des Naturschutzvereins Turbenthal-Wila. Hier freue ich mich, das Thema auf einer etwas anderen Flughöhe zu begleiten und an lokalen Projekten mitzuwirken, etwa bei einem ornithologischen Grundkurs.