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Wäfler übernimmt

So tickt der neue Gemeindepräsident von Gossau

Vor einem Monat verdrängte Daniel Wäfler seinen langjährigen Vorgänger Jörg Kündig aus dem Gemeindepräsidium. Wer ist der Mann, der die Geschicke von Gossau zumindest für die nächsten vier Jahre leitet?

Er hat es mit einem sehr grossen Stimmenanteil geschafft und übernimmt im Juli das Zepter in Gossau: der neue Gemeindepräsident Daniel Wäfler.

Foto: Simon Grässle

So tickt der neue Gemeindepräsident von Gossau

Wäfler übernimmt

Bei den Wahlen im März verdrängte Daniel Wäfler seinen langjährigen Vorgänger Jörg Kündig aus dem Gemeindepräsidium. Wer ist der Mann, der die Geschicke von Gossau zumindest für die nächsten vier Jahre leitet?

Sein Wesen wirkt geerdet, seine Ausstrahlung gemütlich. Er ist einer von jenen, denen man die eigene Grossmutter anvertrauen würde, wie es so schön heisst. Und zwar unabhängig davon, ob man seine Partei mag oder nicht.

Ein bodenständiger Familienmensch, zielgerichtet und weitsichtig – alles Attribute, die wie auf ihn zugeschnitten zu sein scheinen. Es mag sich scherzhaft anhören, doch die politische Laufbahn dieses nach eigener Aussage ungemein heimatverbundenen Oberländers begann streng genommen bereits in der Primarschule. Schon als Kind äusserte sich der neue Gemeindepräsident und langjährige Kantonsrat Daniel Wäfler (SVP) aus Gossau gerne politisch.

Dies erstmals anlässlich einer Kritik in Bezug auf den 700. Geburtstag der Eidgenossenschaft im Jahr 1991 – angeblich mit nickender Zustimmung im Klassenzimmer. An diesen Moment denkt der Landwirt und scheidende Bauführer bei Grün Stadt Zürich noch heute gern zurück – er war gerade einmal elf Jahre alt.  

«Die Lehrerin meinte, die Feierlichkeiten seien eine Geldverschwendung, was ich entschieden anders sah, und ich sagte, wie wichtig die Geschichte der Schweiz für uns alle sei», erzählt das einstige Gründungsmitglied der Jungen SVP Gossau mit etwas Stolz. Passenderweise ist in seinem selbstverfassten Buch über die Geschichte der 1936 in Gossau gegründeten lokalen Volkspartei ein Zitat von Wilhelm von Humboldt hervorgehoben: «Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.»

Inzwischen ist der ursprünglich gelernte Gärtner 47 Jahre alt, Vater von zwei Töchtern und einem Sohn im Erwachsenenalter und will politisch noch einiges bewegen. Die Leitlinien dafür geben ihm sein Instinkt sowie seine Parteizugehörigkeit vor. Aber: «Das Fundament für die Politik und Öffentlichkeitsarbeit ist und bleibt meine Familie.»

Wer im Privaten auf einer «Baustelle» lebe, könne kaum etwas erreichen und schon gar nicht so viel Zeit für die Politik opfern. Bisher tat er das seit elf Jahren im Kantonsrat. Noch mindestens eine Legislatur wolle er dranhängen, was allein schon wegen der Deponiepläne des Kantons von Wichtigkeit sei. Im Juli übernimmt er zusätzlich das Kommando über die Geschicke seiner Heimatgemeinde.

«Ich habe grossen Respekt vor der Aufgabe, freue mich aber darauf.» Schon nach Ostern hat Wäfler angefangen, sich mit den Budgetposten der Verwaltung zu beschäftigen. Was ihn besonders freut: «Ich erhielt bereits unglaublich viele positive Rückmeldungen nach der Wahl. Und zwar auch von Stimmberechtigten, die anders gewählt haben.»

Ein Hof, zwei Ämter

Um den Erwartungen im Dorf auch gerecht werden zu können, hängt der frischgebackene Gemeindepräsident seinen Job als Bauführer bei der Grün Stadt Zürich pünktlich auf den Sommer hin an den Nagel. Neben seinem Präsidiumsamt wird er sich «nur» noch um seinen Bauernhof mit 17 Mutterkühen und einem Muni sowie im Schnitt 17 Kälbern pro Jahr widmen.

Bisher übernahm diese Aufgabe zu grossen Teilen sein inzwischen 75 Jahre alter Vater, der nun etwas kürzertritt. Den Hof übergeben hat Wäfler senior seinem Sohn schon vor zehn Jahren. Daniel Wäfler verkörpert die dritte Generation auf dem Hof an der Tägernauerstrasse, wo auf den Feldern auch Ackerbau mit Dinkel betrieben wird. «Meist werde ich nun noch montags in Zürich an Kantonsratssitzungen teilnehmen, ansonsten fokussiere ich mich komplett auf Gossau.» Also auf das honorige Amt und den Hof – dafür ist er sogar aus dem Vorstand der SVP Gossau zurückgetreten.

«Sozi» hat ihm imponiert

Konkrete Vorbilder, an denen sich Wäfler orientieren will, gibt es keine. Doch wenn er einem seiner Vorgänger etwas würde abschauen wollen, wären seine Augen auch auf die Vorgänger von Jörg Kündig (FDP, seit 2002) gerichtet. Wobei nicht zwingend auf den FDP-Gemeindepräsidenten Gerhard Schnurrenberger (1986–2002), sondern auf den SP-Mann Heinrich Walther.

Dieser sei ein grosser Mann und Visionär gewesen – «und das sage ich als SVPler». Er habe benachteiligte oder beeinträchtigte Jugendliche aus ihren engen Verhältnissen in Heimen befreit und dafür gesorgt, dass sie einen vernünftigen Ausbildungsplatz gefunden hätten, um auch einen «normalen» Weg gehen zu können. «Sein sozialer Geist hat mir sehr imponiert. Er hat gehandelt und nie selbstgefällig oder in moralischer Manier dahergeredet.»

Und genau so schliesst sich der Kreis: An einem weiteren Geburtstag der Eidgenossenschaft, also nicht am 700., als Wäfler den Arm im Klassenzimmer hob und protestierte, sondern am 703. anno 1994, sass Wäfler gemeinsam mit anderen Jugendlichen an einem Schülerpodium in der Altrüti neben alt Gemeindepräsident Heinrich Walther.

Im vergangenen Februar stand Wäfler dann – deutlich gereifter – an einem Podium in der Altrüti Jörg Kündig gegenüber. Also genau dem Mann, dem er wenige Wochen später den Rang ablaufen sollte. Übrigens: Auch Jörg Kündig sei 1994 – damals als frisch gewählter Gemeinderat – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Publikum gesessen.

Porträtbilder von zwei Männern.
Jörg Kündig (FDP) und Daniel Wäfler (SVP) duellierten sich im Februar noch in der Altrüti an einem Podium.

Über Militär und EWR zur SVP

Tatsächlich in die Politik sowie in seine Partei, die SVP, stiess Wäfler um die Jahrtausendwende. Mit bürgerlichen Ansichten kam der Offizier aber auch schon verstärkt im Militär in Berührung. Ausserdem bewegten ihn die emotional geführten Diskussionen zur Abstimmung über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) im Dezember 1992. Damals stimmten 50,3 Prozent der Bevölkerung gegen einen Beitritt, wofür Wäfler heute noch dankbar ist. «Man stelle sich vor, wir wären Teil der EU. Ich möchte nicht wissen, wie es der Schweiz gehen würde.»

Aber da sei noch diese Personenfreizügigkeit mit Vor- und Nachteilen, die es EU-Bürgern ermögliche, vereinfacht und für längere Zeit in der Schweiz zu bleiben. «Wir müssen auf jeden Fall unsere Unabhängigkeit bewahren und darauf achten, dass unser Sozialstaat nicht noch mehr durch Ausnutzung unterlaufen wird.» Auch die «niedergewirtschaftete Armee» bereite ihm mit Blick auf die derzeitige Weltlage doch grosse Sorge.

Wäfler will eine Schweiz sehen, die auch über die nächsten Jahrzehnte einen hohen sozialen und wirtschaftlichen Standard halten kann. Dafür müsse vor allem der gesellschaftliche Zusammenhalt wieder verstärkt werden. Wäfler spricht von der «Enkeltauglichkeit», die ein Handeln, Wirtschaften und Leben bezeichnet, das ökologische, soziale und ökonomische Lebensgrundlagen für zukünftige Generationen erhält oder gar noch verbessert.

Eine schlaflose Nacht

In Gossau allein wird der neue Gemeindepräsident seine Ziele für die gesamte Schweiz oder die Ziele seiner Partei nicht verwirklichen, aber einen «Beitrag an der Basis» leisten können, wie er sagt. Überhaupt die Möglichkeit dafür zu bekommen, stand aber vor nicht allzu langer Zeit noch gar nicht zur Debatte.

Wäfler fokussierte sich auf den Kantonsrat. Er hätte auch einfach seine persönliche Karriere vorantreiben können, meint er. «Aber wir leben in einer Welt, in der über den Mainstream alles normiert und automatisiert wird.» Die Möglichkeit einer Ausgestaltung eigener Wege sei äusserst gering. In Gossau sieht er auf kommunaler Ebene allerdings mehr Spielraum. «Und überhaupt stimmten die äusseren Rahmenbedingungen in unserer Gemeinde nicht mehr.» Er habe sich gefragt: «GZO-Spital-Krise, Grossbaustelle im Dorf und Gewerbesterben, was kommt als Nächstes?»

Wäfler fühlte sich prädestiniert, als «neuer» Mann nach einer 24-jährigen Amtszeit seines Vorgängers nun Verantwortung zu übernehmen. Im letzten Oktober hatte er eine schlaflose Nacht verbracht, in der er sich ausmalte, wie es wohl wäre, an der «Spitze von Gossau» zu stehen.

Ein Mann im Anzug steht vor einer Landschaft.
Im Hintergrund ist die Heimat von Daniel Wäfler zu sehen. Sein Hof liegt in unmittelbarer Nähe des Walds beim Tägernauer Holz.

«Die alte Führung ist verantwortlich für die Gegenwart, für das, was noch kommt, wollte ich die Verantwortung übernehmen», sagt Wäfler. Zunächst konnte er sich im vergangenen Spätsommer vorstellen, nur für den Gemeinderat zu kandidieren. «Aber ich wollte nicht dem alten System zudienen, setzte alles auf eine Karte und warf im November den Hut in den Ring.» Wie sich Anfang März zeigte: ein äusserst erfolgreicher Wurf.

Seine erste grosse Aufgabe wird – sofern sie durchgeführt wird – entweder die Gemeindeversammlung im September oder die sicher stattfindende Budgetversammlung im November sein. Wäfler fühlt sich vorbereitet: «Ich habe die letzten Jahre vieles beobachtet und habe auch andere Gemeindeversammlungen besucht, um Erfahrungen zu sammeln.» Er freue sich schon, vor den Gossauerinnen und Gossauern zu stehen.

In seiner Freizeit hingegen steht Wäfler gern in seinem Garten, widmet sich der Botanik und dem Studium der unterschiedlichsten Baum- und der alten Obstsorten. Auch Exkursionen in historische Garten- und Militäranlagen sind für ihn immer ein willkommener Ausgleich zum politischen Tagesgeschäft. Ob ihm nach seiner Amtsübernahme noch Zeit dafür bleibt?

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