Politik

Eine Datengeschichte

Karin und Stefan Keller regierten vier Jahre lang das Oberland

221 Exekutiv- und 148 Parlamentsmitglieder prägen seit 2022 die Politik im Oberland. Viele sind alte Hasen, manche waren Neulinge – und die Unterschiede zwischen Gemeinderäten und Parlamenten könnten grösser kaum sein.

Wie sieht das Geschlechterverhältnis aus? Und welche Parteien dominieren?

Grafik: Jessica Petz / Foto: Pixaby

Karin und Stefan Keller regierten vier Jahre lang das Oberland

221 Exekutiv- und 148 Parlamentsmitglieder prägen seit 2022 die Politik im Oberland. Viele sind alte Hasen, manche waren Neulinge – und die Unterschiede zwischen Gemeinderäten und Parlamenten könnten grösser kaum sein.

Der Präsident des Oberlands heisst seit 2022 Stefan Keller, schreibt seinen Vornamen wahlweise mit «ph», ist im Jahr 1963 geboren und Mitglied der FDP. Sein erster Vizepräsident ist Thomas Rüegg (parteilos) und hat den Jahrgang 1966. Der zweite Vize ist Andreas Schmid (SVP), geboren 1969.

Nein, das stimmt natürlich nicht. Jedoch erzählen die Daten zu den Kommunalwahlen 2022 genau diese Geschichte – sozusagen. Denn bei diesen drei fiktiven Charaktere stehen für die jeweils häufigsten Vor- und Nachnamen, Parteien und Jahrgänge von Personen, die damals in die Exekutive des Oberlands gewählt worden sind – jeder 15. Mann heisst nun mal Stefan.

Doch diese Legislatur ist fast vorbei, weswegen im Frühjahr 2026 die nächsten Kommunalwahlen im Oberland erneut anstehen. Während Parteien und Gemeinden fleissig ihre Kandidatinnen und Kandidaten vorstellen, fragten wir uns: Wer hat denn überhaupt die letzten vier Jahre das Oberland regiert?

Wie wir bei dieser Recherche vorgegangen sind

Für diese Geschichte trugen wir Daten aller Politikerinnen und Politiker aus den 33 Politischen Gemeinden zusammen, die für die Legislatur 2022 bis 2026 gewählt wurden. Wir schauten uns zum einen bei den 221 Politikerinnen und Politikern in der Exekutive – also in den Gemeinderäten und Stadträten – um, zum anderen gesondert bei den 148 Personen in der Legislative – in den Parlamenten.

Wir bezogen uns dabei auf die effektiv gewählten Personen im Frühjahr 2022. Denn in den vier Jahren zwischen 2022 und 2026 gab es in der Politik einige Wechsel. Dabei erfassten wir Partei, Jahrgang, Geschlecht und ob die Person neu ins Amt gewählt worden ist.

Wir berücksichtigten die Gemeinden Bäretswil, Bauma, Bubikon, Dübendorf, Dürnten, Egg, Fehraltorf, Fischenthal, Fällanden, Gossau, Greifensee, Grüningen, Hinwil, Hittnau, Illnau-Effretikon, Lindau, Maur, Pfäffikon, Russikon, Rüti, Schlatt, Schwerzenbach, Seegräben, Turbenthal, Uster, Volketswil, Wald, Wangen-Brüttisellen, Weisslingen, Wetzikon, Wila, Wildberg und Zell.

Wobei Zell bei der Kalkulationen bezüglich des Alters ausgeschlossen ist, weil dafür die Daten von der Gemeinde nicht freigegeben wurden. (mgp)

Das fiktive Präsidenten-Trio lässt bereits erahnen, wer denn de facto in der Region regiert: Männer in der zweiten Lebenshälfte. Doch schauen wir uns an, was die Auswertungen der Wahlprotokolle sonst noch für eine Geschichte erzählen.

Alte Hasen im Amt

Die 221 Politikerinnen und Politiker in der Exekutive, also Gemeinderats- und Stadtratsmitglieder, sind auf 33 Gemeinden verteilt. Als Erstes eine kurze Erklärung zu den Zusammensetzungen: Im Gemeindegesetz ist festgehalten, dass der Gemeinderat mindestens aus fünf Mitglieder bestehen muss, einschliesslich der Präsidentinnen und Präsidenten. Eine Maximalzahl gibt es nicht.

Von den berücksichtigten Gemeinden haben lediglich fünf Gemeinden eine Fünfer-Exekutive. Fehraltorf, Lindau und Weisslingen haben je sechs Personen in der Exekutive. Ganze 23 Gemeinden haben sieben Personen im Rat. Und dann gibt es noch die beiden Ausnahmen: Fällanden mit acht und Rüti mit neun Gemeinderäten.

Rund zwei Drittel der 2022 gewählten Personen in der Exekutive hatten ihr Amt bereits und sind wiedergewählt worden. Die Bisherigen waren damals knapp 55 Jahre alt. Insgesamt 73 Politikerinnen und Politiker traten ein Amt neu an, im Durchschnitt waren sie vier Jahre jünger als die alten Hasen.

Den grössten Wechsel in der Regierung gab es in Rüti: Von den neun Gemeinderäten stiessen sechs neu dazu, inklusive Gemeindepräsidentin Yvonne Bürgin (Die Mitte). In Wetzikon und Hinwil gab es jeweils vier Neulinge – der Bezirk Hinwil war am meisten vom Wandel in den Räten betroffen. Gar keinen Wechsel gab es in den Gemeinden Pfäffikon und Wildberg.

Das konstante Drittel Frauen

Neben den vielen Stefans und Thomas’ sind selbstverständlich auch Frauen in der Oberländer Exekutive vertreten: Rund 34 Prozent sind Gemeinderätinnen oder Stadträtinnen. Von den 73 Neulingen – wie zuvor beschrieben – waren 26 Frauen, auch etwas mehr als ein Drittel.

Erstellen lässt sich damit auch das weibliche Pendant zu Stefan Keller. Die fiktive Präsidentin des Oberlands wäre laut der Statistik Karin Keller (FDP), Jahrgang 1963, denn das sind bei den Politikerinnen die häufigsten Angaben – die Übereinstimmung mit Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter ist ein wunderbarer Zufall, oder? Frau Kellers Vizepräsidentin ist Barbara Furrer (parteilos) und ist vier Jahre älter als die Präsidentin.

Doch auch die Präsidien werden in den Gemeinden von Männern dominiert. Von insgesamt 33 Präsidenten sind lediglich sechs Frauen an der Spitze, also nicht einmal jede Fünfte. Der Bezirk mit den meisten Frauen ist Hinwil, mit etwas mehr als einem Drittel – der Drittel scheint in der Regierung eine Konstante zu sein.

Für die weibliche Besetzung gibt es also noch etwas Spielraum, denn der Frauenanteil in der Bevölkerung liegt zwischen 48 und 51 Prozent. Dafür schlagen die Politikerinnen ihre Kollegen in ihrer Lebenserfahrung: Während der Mann zum Zeitpunkt der Wahl im Durchschnitt 52 Jahre alt war, war die Durchschnittspolitikerin in der Exekutive damals 54 Jahre alt.

Gleichzeitig stellen die Frauen die zwei jüngsten aller Mitglieder: Seraina Billeter (SVP) aus Bubikon ist 2000 geboren, die zweitjüngste Politikerin hat den Jahrgang 1993 – Personen aus den 90er Jahren gibt es lediglich drei.

Der Vergleich zur Nation

Doch hinkt das Oberland in der weiblichen Repräsentanz hinterher oder entspricht es dem nationalen Durchschnitt? Das Bundesamt für Statistik (BFS) hat die Entwicklung des Frauenanteils in der Politik zwischen 1983 und 2024 analysiert und hat eine deutliche Entwicklung nach oben festgestellt.

Beispielsweise war der Frauenanteil in den Gemeindeexekutiven 1983 noch lediglich bei 5,8 Prozent, während er 2024 um mehr als das Fünffache gestiegen ist. 2022 waren 32,5 Prozent der Frauen in Stadt- und Gemeinderäten. Somit ist das Oberland der Schweiz minimal voraus – genau genommen sind es im Oberland 33,9 Prozent Frauen.

Dafür stehen laut BFS die Legislativen auf Gemeindeebene in der Schweiz etwas besser da: Im Durchschnitt hat die Schweiz 39 Prozent Frauen in den politischen Institutionen. Die Legislativen im Oberland sind zum einen die Stimmberechtigten bei der Gemeindeversammlung, zum anderen die Stadtparlamente. Letzteres sind für diese Recherche relevant.

Werfen wir also einen Blick auf die Parlamentsgemeinden Dübendorf, Illnau-Effretikon, Uster und Wetzikon. Jedes Parlament hat jeweils 36 Mitglieder, ausser Dübendorf, das 40 Mitglieder hat.

Im nationalen Vergleich schneidet das Oberland nicht so gut ab. Hier waren bloss 29,7 Prozent der Mitglieder Frauen. Somit hinkte das Oberland 2022 in puncto Geschlechterquote um beinahe 10 Prozentpunkte der Schweiz hinterher.

Eine Zahl, die überraschen mag, denn auf den ersten Blick wirken die Oberländer Parlamente einiges durchmischter als die Gemeinderäte – im Geschlecht wie im Alter. Am meisten Frauen im Parlament sitzen in Dübendorf: 15 weibliche Mitglieder. Dies überrascht wiederum, da es im Stadtrat genau umgekehrt ist: Dübendorf gehört zu den Städten und Gemeinden, die am wenigsten Frauen vorzuweisen hat, eine Stadträtin von insgesamt sieben Mitgliedern.

Parlament ist einiges jünger

Im Parlament mag es einen niedrigeren Frauenanteil haben, trotzdem ist es um einiges durchmischter als die Gemeinderäte und Stadträte. Denn diese sind um einiges älter.

Während 2022 der durchschnittliche Gemeinderat 53 Jahre alt war, so war der durchschnittliche Parlamentarier 45 Jahre alt. Im Parlament war damals jede dritte gewählte Person jünger als 40 Jahre, während es in der Exekutive jeder 13. war.

Doch all diese Zahlen und Anteile gehören schon bald der Vergangenheit an, denn ab 2026 regieren vielerorts andere Politikerinnen und Politiker. Und wer weiss, vielleicht ist der fiktive Präsident in den nächsten Wahlen eine Frau: vielleicht die 38-jährige Brigitte Fehr (Die Mitte)?

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