Weshalb in diesem Quartier in Egg nur wenige Häuser stehen
Streit zwischen Bürger und Gemeinde
Im Quartier Lindenhof in Egg könnten viele Wohnungen an attraktiver Lage entstehen. Doch das Projekt kommt seit über einem Jahrzehnt kaum vom Fleck.
In Sichtweite der Forchbahn-Haltestelle Hinteregg liegt das Gebiet Lindenhof. Dieses befindet sich zwischen Forch-, Berg-, Lindenhof- und Püntstrasse. Auf zwei Dritteln der Fläche stehen bereits Häuser. Jedoch bieten gut 15’000 Quadratmeter unbebautes Land grosses Potenzial für die Gemeinde Egg. Denn die Fläche in der Grösse von etwas mehr als zwei Fussballfeldern könnte ideal für weitere Wohnungen genutzt werden.
Bevor aber Bauten geplant werden, geschweige denn die Bagger auffahren können, braucht es den sogenannten Quartierplan. Ohne diesen sind keine Überbauungen realisierbar.
Der Quartierplan dient dazu, die Grösse und die Lage der künftigen Strassen und Wege zu definieren. Diese sind insbesondere für Rettungskräfte, Postzusteller, Kehrichtfahrzeuge oder Unterhaltsdienste zentral. Zudem legt die unterirdische Erschliessung die Zufahrt zur Tiefgarage fest. Aber auch der Anschluss an die Wasser- und Energieversorgung wie auch weitere benötigte Infrastruktur werden im Quartierplan festgehalten. Dabei können jedoch die Grössen der einzelnen Grundstücke variieren.

Doch beim Quartierplan Lindenhof ist der Wurm drin. Die Planung läuft bereits seit über einem Jahrzehnt. Aktuell setzt sich das Gericht mit dem Plan auseinander, da sich ein Grundstücksbesitzer mit der Gemeinde im Rechtsstreit befindet. Und ein Ende dieses langwierigen Prozesses ist immer noch nicht in Sicht. Aber alles der Reihe nach.
Der erste Versuch, einen Quartierplan auszuarbeiten, scheiterte bereits im Jahr 2007. Drei Jahre später startete der zweite Anlauf. Die Grundstücksbesitzer beauftragten die Gemeinde Egg, die Erschliessung des Gebiets Lindenhof mittels Quartierplan sicherzustellen.
Danach folgten eine jahrelange Planung, mehrere Versammlungen mit den Grundstücksbesitzern und Planentwürfe. Erst im Mai 2022 – mehr als zwölf Jahre nach dem Startschuss – setzte der Gemeinderat den Quartierplan fest. Das Amt für Raumentwicklung des Kantons Zürich genehmigte diesen Beschluss wenige Monate später.
Verärgerter Grundstücksbesitzer
Ernst Schenk, Grundstücksbesitzer im Lindenhof, beobachtete von Beginn an die Entwicklung des Plans. Im Büro des pensionierten Architekten stapeln sich derweil die Ordner mit Karten, externen Gutachten und Beschlüssen. Alles legte er fein säuberlich ab, denn mit dem Ergebnis des langen Verfahrens ist er sichtlich unzufrieden. «Der Quartierplan hat sich in finanzieller, zeitlicher und planerischer Hinsicht im Lauf der Jahre zu einem totalen Desaster entwickelt.»

Gegen den Beschluss des Egger Gemeinderats und des Kantons, den Quartierplan festzusetzen, legte er deshalb Rekurs ein. Das Baurekursgericht gab in erster Instanz der Gemeinde recht. Schenk legte Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Zürich ein, der zweiten Instanz. Seit Ende 2023 ist das Geschäft dort hängig. Wie das Gericht auf Anfrage schreibt, ist es noch nicht absehbar, wann der Entscheid folgt.
Der Grund für den Konflikt zwischen Schenk und der Gemeinde liegt unter anderem in unterschiedlichen Vorstellungen, wo künftig die Wege und Strassen durch das Quartier führen sollen. Egg beschloss, den Hauptzugang von der viel befahrenen Forchstrasse aus über den Postweg in den Lindenhof festzusetzen. Auch der Zugang zu einer Tiefgarage wäre über diesen Weg angedacht.
Eine zweite Zufahrt, die auch als alternative Route für Rettungskräfte vorgesehen ist, würde auf der anderen Seite des Quartiers zu liegen kommen.
Welche Variante ist die bessere?
«Die Erschliessung funktioniert in der vom Gemeinderat genehmigten Variante nicht», sagt der Rekurrent. Die Haupterschliessung über den Postweg sei nicht geeignet, die Platzverhältnisse seien zu knapp bemessen. So müsse beispielsweise das Kehrichtfahrzeug von der Forchstrasse her rückwärts in den Postweg hinein- oder hinausfahren, was für die anderen Verkehrsteilnehmer gefährlich sei.
Die Forchstrasse gehört bereits heute zu einer der viel befahrenen Strassen auf dem Gemeindegebiet. Ein Radweg entlang dieser Hauptachse befindet sich in Planung. Zudem queren wegen der Forchbahn-Haltestelle Hinteregg viele Fussgänger die Strasse. Durch den Zugang zum Quartier Lindenhof über den Postweg würde sich das Verkehrsaufkommen zusätzlich erhöhen, da auch die Ein- und Ausfahrt der Tiefgarage über diesen Weg vorgesehen ist.


Schenk reichte bei der Gemeinde deshalb einen Gegenvorschlag für eine alternative Wegführung ein. Zugleich liess er seine Variante und die der Gemeinde auf eigene Kosten von einem Ingenieurbüro überprüfen, welches den Plan des Rekurrenten befürwortete.
In Schenks Variante führt ein Weg von der Gartenstrasse her quer durchs Quartier. Nach einer Kurve würde dieser letztlich in die Lindenhofstrasse münden. Den Zugang zur Tiefgarage sieht Schenk dafür an der Ecke zur Püntstrasse vor.
Robert Rupp, Bausekretär und stellvertretender Gemeindeschreiber von Egg, sagt zur Variante Schenk: «Die vorgeschlagene Erschliessung wäre nicht genehmigungsfähig.» Denn der Zugang zur Tiefgarage von der Püntstrasse her tangiere öffentliches Gewässer und wäre deshalb rechtlich nicht umsetzbar.
Schenk entgegnet, dass der Bach über der Zufahrt der Tiefgarage geführt werden könnte – wie auch die Limmat und die Sihl über dem S-Bahn-Tunnel zwischen dem Bahnhof Stadelhofen und dem HB. Doch dieser Vorschlag sei trotz mehrmaliger Erwähnung weder beim Bauamt noch beim Planer angekommen.
Zwischen dem Rekurrenten und der Gemeinde fanden bisher zwar mehrere Gespräche statt. Zu einer Einigung ist es bis heute nicht gekommen, da beide Seiten an ihren Standpunkten festhalten.
Langjährige und teure Planung
Schenk kritisiert die Gemeinde aber nicht nur für den Erschliessungsplan. Auch die Dauer, wie lange sich die Planung bereits hinzieht, kann er nicht nachvollziehen.

Der Bausekretär der Gemeinde sagt, es habe für die Ausarbeitung viel Effort gebraucht. So hätten mehrere Faktoren die Planung erschwert. Dazu gehört das Projekt der Forchbahn, die Haltestelle Hinteregg behindertengerecht auszubauen. Aber auch die Umstellung von einem Misch- auf ein Trennsystem bei den Abwasserleitungen, die Aufhebung der Baulinien aus dem Jahr 1965 und die Corona-Pandemie hatten einen Einfluss.
«Zudem haben die Prüfung der verschiedenen Varianten für den Quartierplan wie auch die Koordination mit dem Kanton viel Zeit beansprucht», erklärt Rupp. Und dann hätten ein Rekurs in der Planungsphase und jetzt der vorliegende Rekurs für weitere Verzögerungen gesorgt.
Dass Schenk die Planung durch den Rekurs zusätzlich verzögert, ist ihm bewusst. Er betont deshalb die Bedeutung des Quartierplans. «Sind die Wege erst mal definiert, kann man nachher fast nichts mehr daran verändern.»
Der Rekurrent stört sich zudem an den Kosten, die gegenüber der Offerte auf über das Neunfache angestiegen sind. Die Planung des Quartierplans kostet mittlerweile über eine halbe Million Franken. Schenk sieht hier die Pflichten der Gemeinde verletzt und prangert mangelnde Transparenz an.
Der Bausekretär weist den Vorwurf zurück: «Die Kosten haben wir 2016 und ebenso im Jahr 2021 an den Grundeigentümerversammlungen offen dargelegt.»
Die Gesamtkosten dürften zu einem späteren Zeitpunkt aber nochmals Thema werden. Denn das Gesetz sieht es vor, dass die Grundeigentümer im Verhältnis ihrer Grundstücksflächen für die Kosten aufkommen. Schenk lässt durchblicken, dass dies die Eigentümer nicht ohne Weiteres hinnehmen dürften.
Die Fronten scheinen verhärtet zu sein, eine zeitnahe Lösung ist nicht in Sicht. Ob der Quartierplan Lindenhof in der Variante der Gemeinde festgesetzt wird, muss erst das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich entscheiden. Danach könnte sich der Rechtsstreit weiter in die Länge ziehen, sofern das ausstehende Urteil vor Bundesgericht weitergezogen würde.