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SP-Gemeinderat fordert Halteplatz für Fahrende in Uster

Noch immer fehlt im Oberland ein fester Platz für Fahrende – trotz Pflicht im Richtplan. In Uster sollen nun neue Lösungen gesucht werden.

Jenische waren im Jahr 2016 für einige Wochen auf dem Eselriet-Platz in Effretikon. Geht es nach Balthasar Thalmann, soll Uster einen fixen Halteplatz für Fahrende erhalten. (Archiv)

Foto: Fabio Meier

SP-Gemeinderat fordert Halteplatz für Fahrende in Uster

Für Sinti und Jenische

Noch immer fehlt im Oberland ein fester Platz für Fahrende – trotz Pflicht im Richtplan. In Uster sollen nun neue Lösungen gesucht werden.

«In der Richtplankarte wird folgender Standplatz für Fahrende festgelegt: Noch offen.» Dieser Text steht so im regionalen Richtplan Zürcher Oberland. Eigentlich müssten in der Region zwei Halteplätze vorhanden sein, und zwar ein Standplatz und ein Durchgangsplatz – das sieht der kantonale Richtplan vor.

Ein Standplatz dient den fahrenden Minderheiten als ständiger Wohnsitz, insbesondere als Winterquartier, während ein Durchgangsplatz für den temporären Aufenthalt während der Reisetätigkeit vorgesehen ist.

Doch bei der letzten Revision des regionalen Richtplans 2019 wollten die Gemeinden keine solchen Plätze bezeichnen. Die Vorschläge, die die Regionalplanung Zürcher Oberland unterbreitet hatte, lehnten sie ab. Sei es aus Sicherheitsbedenken oder mit Verweis auf die falsche Zone. Auch Uster wollte damals keine Hand bieten für eine Lösung.

Den vorgeschlagenen Standort am Acherbüelweg im Gebiet Hard stufte der Stadtrat damals als «problematisch» ein, dies vor allem wegen seiner Abgeschiedenheit.

Und so gibt es vorderhand nur einen Durchgangsplatz für Fahrende in der Region, und zwar bei der Altrüti in Gossau mit insgesamt vier Plätzen.

Im Standbericht 2021 der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende wurde der Platz aber kritisiert: Es sei ein Parkplatz ohne Infrastruktur, und er sei zu klein. Zeitweise wurden auch andere Orte im Oberland vorübergehend von Fahrenden genutzt. Eine definitive Lösung mit der notwendigen Infrastruktur lässt aber weiterhin auf sich warten.

Stadtrat soll Standort suchen

In Uster soll jetzt aber Bewegung in die Sache kommen – das zumindest wünscht sich Balthasar Thalmann von der SP. Er hat ein Postulat eingereicht. Der Stadtrat solle prüfen, wo in Uster ein Halteplatz für die anerkannten nationalen Minderheiten von Jenischen und Sinti errichtet werden könne. Für den Bau des Platzes soll laut Thalmann der Kanton aufkommen, die Stadt würde den Platz – kostendeckend – betreiben.

Jenische und Sinti

Jenische und Sinti sind in der Schweiz als nationale Minderheiten anerkannt.

Jenische sind vor allem in der Schweiz, aber auch in Deutschland, Frankreich, den Benelux-Staaten und in Österreich verwurzelt. Hierzulande sind Jenische, oft unter Verfolgung und Zwang, mehrheitlich sesshaft geworden.

Sinti sind vor allem in Deutschland und Österreich angesiedelt. In der Schweiz leben laut dem Bund einige hundert Sinti.

Von den rund 30’000 Schweizer Jenischen und Sinti pflegen etwa 2000 bis 3000 eine nomadische Lebensweise. Im Winter leben sie auf einem Standplatz, und von Frühjahr bis Herbst sind sie mit ihren Wohnwagen «auf der Reise».

(Quelle: Themendossier Jenische/Sinti/Manouches und Roma der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus sowie Bundesamt für Kultur)

In seinem Postulat kritisiert Thalmann auch die Haltung von Uster bei der Standortsuche 2019. «Dieser damalige Beschluss reiht sich bestens in das Verhalten anderer Gemeinden ein, mit dem Ergebnis, dass weiterhin kein Halteplatz in der Region zur Verfügung steht.»

Das sei vor allem darum stossend, weil der Bundesrat kürzlich die Verfolgung von Jenischen und Sinti im Rahmen des Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt habe.

Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse

Zwischen 1926 und 1973 nahm das selbst ernannte «Hilfswerk», das zur Stiftung Pro Juventute gehörte, in Zusammenarbeit mit den Behörden fast 600 Kinder aus jenischen Familien ihren Eltern weg. Das Ziel war, die Kinder zu sesshaften und – nach damaliger Ansicht – «brauchbaren» Menschen zu erziehen.

Jahrzehntelang wehrten sich Betroffene ohne Erfolg gegen die Fremdplatzierung ihrer Kinder – erst nach einem Artikel im «Beobachter» Anfang der 1970er Jahre fanden sie bei der breiten Öffentlichkeit Gehör. 1973 wurde das «Hilfswerk» aufgelöst.

Die Pro Juventute distanziert sich heute von der Praxis und unterstützt gemäss eigenen Aussagen die Aufarbeitungs- und Aufklärungsarbeit ideell und finanziell – «im Wissen und mit der Demut, dass das Leid der Opfer bis heute anhält». (bes)

Der Stadtrat hat zum Postulat von Balthasar Thalmann noch nicht Stellung genommen – Zeit hat er bis Mitte Mai. Voraussichtlich im September kommt der Vorstoss dann in den Gemeinderat.

Stiftung will Dialog fördern

Schweizweit fehlt es an Halteplätzen für Jenische und Sinti – nicht nur im Oberland. «Es ist deshalb wichtig, dass alle Akteure ihren Handlungsspielraum nutzen», sagt Simon Röthlisberger. Er ist Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende. Die Stiftung, die 1995 vom Bund gegründet wurde, will dazu beitragen, dass die während langer Zeit diskriminierten und verfolgten Minderheiten ihr kulturelles Selbstverständnis wahren können.

Die Umstände, die dazu führten, dass im Oberland noch kein Standort im regionalen Richtplan eingetragen wurde, will er nicht kommentieren. Doch ihm ist bewusst, dass die Suche nach geeigneten Plätzen für Jenische und Sinti immer wieder zu Widerspruch und Bedenken bei der Bevölkerung und den Behörden führt. «Auch negative Einzelfälle, die oft länger zurückliegen, erhalten viel Raum.»

Für ihn ist es deshalb zentral, dass ein Dialog stattfinden kann. «Und zwar nicht über Sinti und Jenische, sondern mit ihnen.» Es gehe hier um Menschen, auch um Familien. Für den Geschäftsführer ist klar: «Mit mehr Stand- und Durchgangsplätzen kann man eine effektive Verbesserung der Lebenssituation der nationalen Minderheiten erreichen.»

So schwierig wie im Oberland sei die Standortsuche nicht in jedem Fall, betont er. «Es gibt immer wieder Gemeinden, wie beispielsweise die Stadt Zürich, die solche Projekte einfach umsetzen.»

Röthlisberger appelliert dabei an die Verantwortung aller, sich für nationale Minderheiten einzusetzen. «Eine Minderheit braucht immer die Achtsamkeit der Mehrheit.»

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