«Pfäffikon muss den Steuerfuss nicht anheben»
Gemeindepräsidenten im Gespräch
Der Pfäffiker Gemeindepräsident Marco Hirzel (parteilos) und sein Wildberger Amtskollege Dölf Conrad (SVP) weibeln für eine Fusion ihrer Gemeinden. Es sei der richtige Schritt – und der richtige Zeitpunkt.
Am 9. Februar ist es so weit: Die Wildbergerinnen und Wildberger stimmen über die Aufnahme von Fusionsverhandlungen mit Pfäffikon ab. Bei einem Ja steht die gleiche Abstimmung auch noch in Pfäffikon an.
Für Gemeindepräsident Dölf Conrad (SVP) aus Wildberg und seinen Pfäffiker Amtskollegen Marco Hirzel (parteilos) ist eine Fusion ein Schritt in die Zukunft.
Herr Hirzel, wieso will eine Gemeinde mit 12’700 Einwohnern eine mit knapp 1000 Einwohnern aufnehmen? Was bringt Pfäffikon eine Fusion?
Marco Hirzel: Wir haben eine Anfrage von Wildberg erhalten, die für uns sehr nachvollziehbar ist. Für uns geht es nicht ums «Profitieren» von einer Fusion, sondern um die Entwicklung der Region für die Zukunft und um die Zusammenarbeit in der Region. Wildberg ist eine mutige Vorreiterin. Die Gemeinde will sich einer grösseren anschliessen, weil man sieht, dass man alle Aufgaben langfristig nicht selber stemmen kann. Wir sehen uns deshalb als Bezirkshauptort oder Zentrumsgemeinde in der Verantwortung, Hand zu bieten.
Herr Conrad, kann Wildberg also nichts in diese Ehe mitbringen?
Dölf Conrad: Die Fusion mit Wildberg bringt Pfäffikon sicherlich nicht viel. Aber es ist nicht so, dass wir nichts zu bieten haben. Es gibt durchaus zwei, drei Sachen, die wir als Mitgift mitbringen. Wir haben Baulandreserven und Zonen für öffentliche Bauten, die man in der zusammengeführten Gemeinde abtauschen könnte. Auch haben wir ein ansehnliches Nettovermögen von über 4500 Franken pro Kopf und eine tiefe Sozialquote mit in der Regel zwei, drei Sozialfällen.
Sie sprechen das hohe Nettovermögen an. Wildberg hat aber einen hohen Steuerfuss von 127 Prozent, Pfäffikon im Vergleich nur 110 Prozent. Da müssen die Steuern in Pfäffikon nach einer Fusion doch steigen.
Hirzel: Pfäffikon muss den Steuerfuss infolge der Fusion mit Wildberg nicht anheben. Wir haben aktuell die detaillierte mittelfristige Finanz- und Aufgabenplanung 2025 bis 2035 erhalten, die die Finanzvorstände unserer beiden Gemeinden zusammen mit einem Beraterbüro erstellt haben. Nicht nur das. Wir stehen nach einer Fusion finanziell sogar leicht besser da. Wildbergs hohes Pro-Kopf-Nettovermögen hat bei uns einen leicht positiven Effekt. Und die Gemeinde will jetzt fusionieren, wenn sie finanziell gesund ist.
Conrad: Wir hätten dieses Jahr den Steuerfuss senken können, aber das haben wir nicht gemacht. Denn dann hätten wir Pfäffikon betrogen. Der Steuerfuss bleibt hoch, weil wir uns fit machen wollen für die Fusion und zum Beispiel unser Abwasser- und Frischwassersystem auf den neusten Stand bringen.
Wildberg kommt immer mehr unter Zugzwang. Wie lange ist eine eigenständige Gemeinde noch möglich?
Conrad: Wir müssen nicht fusionieren, wir wollen. Im Moment sind wir noch gesund aufgestellt, aber ich kann nicht beurteilen, wie das in fünf oder zehn Jahren aussieht.
Hirzel: Wildberg hat sich mit Fragen beschäftigt, um die sich viele Gemeinden Gedanken machen müssen. Beim Gemeindeforum 2024 des Kantons war das Thema «Sind unsere Strukturen fit für die Zukunft?». Bei einer Umfrage haben 82 Prozent der Anwesenden eine Fusion für mittlere und kleine Gemeinden als sinnvoll oder sehr sinnvoll eingestuft. Das zeigt: Die Leute, die am Ruder sind, kennen den Druck, ob man mittelfristig noch alle Gemeindeaufgaben allein meistern kann.

Denkt Pfäffikon also schon an weitere Zusammenschlüsse?
Hirzel: Die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden Fehraltorf, Russikon und Hittnau wird sich in Zukunft vermutlich verändern. In welche Richtung, wird sich zeigen. Wir stehen gegenüber den Steuerzahlern in der Verantwortung, Synergien und personelle Ressourcen besser zu nutzen. Die Gemeinde Pfäffikon nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. In der Zwischenzeit führen wir beispielsweise das Betreibungsamt, die Ergänzungsleistungen oder das Zivilstandsamt für weitere sechs bis zwölf Gemeinden.
Wildberg gehört auch zum Zivilstandsamt Pfäffikon. Doch in anderen Belangen scheint die Zusammenarbeit mit dem Tösstal viel enger. Fusioniert man nicht in die falsche Richtung?
Conrad: Es ist falsch, wenn man sagt, dass wir bisher primär mit dem Tösstal zusammenarbeiten. Es sind aber vor allem die Dinge, die jedermann sieht, wie die Sekundarschule, die Feuerwehr oder das Altersheim. Wir haben genauso viele Verbindungen ins Oberland. Aber auf das Zivilstandsamt geht man bestenfalls einmal im Leben. Und das Spital Uster will man lieber gar nicht spüren, wie auch verschiedene Amtsstellen wie das Bezirksgericht. Und das Tösstal ist einfach nicht bereit und willig für eine Fusion. Nehmen wir das Thema Schulgrenzen: Es kommt und kommt im Tösstal nicht vorwärts. Es ist ein Treten an Ort. Und wir wollen vorwärtsmachen.
Welche Vorteile bietet das Oberland im Vergleich zum Tösstal?
Conrad: Für uns kommt fundamental hinzu: Wollen wir langfristig eingebettet sein in eine Zentrumsgemeinde im Oberland oder am äussersten Rand der Region Winterthur? Nur ein Beispiel: Schon seit Jahren «stürmen» wir für einen durchgängigen Veloweg von Fehraltorf über Russikon bis nach Turbenthal. Man wird vom Kanton immer vertröstet. Mit Pfäffikon im Rücken hat man mehr Gewicht.
Dieser Veloweg ist auch Teil der Diskussion bei der Sekundarschule. Die Sek-Schüler fahren im Moment acht Monate pro Jahr mit dem Velo nach Turbenthal – ohne Veloweg.
Conrad: Es ist eine Frage, die sich die Eltern stellen müssen. Die Schule in Turbenthal ist näher. Aber wollen sie, dass ihre Kinder mit dem Velo nach Turbenthal «dorabfräsed» oder lieber sicher mit dem Postauto nach Pfäffikon gebracht werden?
An einer Info-Veranstaltung der Schulen hiess es, dass beide Optionen möglich sind: ein Verbleib in Turbenthal – oder dass die Sek-Schüler neu in Pfäffikon die Schulbank drücken. Gibt es da schon weitere Details?
Hirzel: Wir warten zuerst die Grundsatzabstimmung ab. Wir sind in Pfäffikon aber flexibel, und es gibt nicht Schwarz oder Weiss. Ein Wechsel der Oberstufenschüler nach Pfäffikon ist möglich, aber auch ein Verbleib in Turbenthal. Auf keinen Fall wollen wir die Wildberger Eltern brüskieren. Das ist ein Entscheid, der reifen muss. Wir werden schauen müssen, wie die gemeinsame Primarschule funktionieren würde und wie es in Turbenthal mit der Sekundarschule weitergeht. Aber die Schulfrage sollte für die Abstimmung nicht matchentscheidend sein, da würden wir zu gegebener Zeit sicher eine akzeptierte Lösung finden.


Auch bei den Zweckverbänden wie etwa der Feuerwehr könnte es zu Änderungen kommen. Wie könnten da Lösungen aussehen?
Conrad: Lösungen haben wir noch nicht. Zweckverbände sind auch eine sehr emotionale Sache, gerade die Feuerwehr. Theoretisch könnte man sie nach einer Fusion auch belassen. Wenn wir wechseln, dann zu einem vernünftigen Zeitpunkt und mit gegenseitiger Absprache. Bei der Feuerwehr gehe ich ohnehin davon aus, dass in den nächsten Jahren generell grosse Veränderungen auf uns zukommen. Künftig wird die Feuerwehr ausrücken, die am schnellsten auf Platz sein kann – egal, ob aus Russikon, Turbenthal oder Pfäffikon.
Es scheinen noch viele Fragen offen. Aber allgemein gefragt: Wie würde sich das Leben der Wildberger in einer fusionierten Gemeinde wandeln?
Conrad: Das Leben ändert sich sowieso durch die Digitalisierung. Es wird mit Sicherheit keine Gemeindeverwaltung mehr geben im Dorf, ab 2027 sind zum Beispiel Baugesuche sowieso elektronisch einzureichen. Und dann ist es völlig egal, ob ich die nach Pfäffikon oder Honolulu schicke. Aber ein Schalchemer wird sich weiterhin als Schalchemer fühlen, ein Ehriker als Ehriker, ob er jetzt zu Wildberg oder Pfäffikon gehört. Und wir bauen auch keinen Stacheldraht an der Grenze zu Turbenthal.
Haben Sie keine Angst vor einem Identitätsverlust?
Conrad: Ich sehe da sogar einen Vorteil in einer grossen Gemeinde, als Kleiner geht man etwas unter. Und das meine ich positiv. Wir können unsere Eigenheiten behalten, wenn wir das wollen. Ich sehe nicht ein, wieso es künftig keinen Turnverein Schalchen-Wildberg mehr geben soll – oder die Frauenvereine oder die Wildbergete. Wenn jemand Lust hat, darf er auch eine 1.-August-Feier auf der Oberen Luegeten organisieren. Ob wir den Dorfcharakter beibehalten, haben wir in der Hand.
Will Pfäffikon diese «Eigenbrötler» überhaupt aufnehmen, Herr Hirzel?
Hirzel: Wenn wir keine Schlafgemeinde werden wollen, dann müssen wir in Pfäffikon unsere Quartiere stärken und dafür sorgen, dass sich die Bevölkerung einsetzt für das Zusammenleben. Wir sind sehr interessiert daran, dass Wildberg seine Vereine und Traditionen weiterpflegt, und sehen darin kein Problem.
Was gefällt Ihnen am besten an Ihrer vielleicht bald neuen Aussenwacht?
Hirzel: Es sind zum einen sicher die Natur und die schöne Aussicht, die man etwa von der Luegeten hat. Aber es geht auch um die Mentalität und den Stolz, den die Wildberger haben. Es ist ein Ort, wo das Leben funktioniert, und das ist beeindruckend.
Und Herr Conrad, was gefällt Ihnen an Pfäffikon am besten?
Conrad: Ich bin oft in Pfäffikon unterwegs, sei es mit dem Velo oder im Fitness. Dort haben sie diese Zürcher Oberländer Mentalität und Freundlichkeit. Und ich finde, wir ticken gleich und würden gerne Teil sein dieser Region im Zürcher Oberland. Ich bin klar der Meinung, wir gehören dorthin.
