Architektengruppe stellt sich gegen neue Unterführung in Uster
«Unnötig und zu teuer»
Eine neue Unterführung an der Winterthurerstrasse bringe keine Entlastung. Dieser Meinung ist Martin Eicher von der Gruppe Echolot – und hat einen Alternativvorschlag auf Lager.
Sie sind bereits heute ein Ärgernis in Uster: die Barrieren in der Stadt. Etwa an der Winterthurerstrasse sind die Schranken pro Stunde für 34 Minuten geschlossen. Wenn die SBB wie geplant den Takt verdichten, wären es ab 2035 38 Minuten und 30 Sekunden.
Der Kanton und die SBB wollen deshalb Abhilfe schaffen – mit einer neuen Unterführung. Das Projekt haben sie Anfang November 2024 erstmals öffentlich vorgestellt.

Einer, der mit den Plänen wenig anfangen kann, ist Martin Eicher. Der Ustermer ist Architekt und Teil der Gruppe Echolot, eines losen Gremiums aus Planerinnen und Planern aus der Stadt. Ihr Ziel ist es, Ideen zur Entwicklung von Uster zu erarbeiten und die Planung zu reflektieren. Den Unterführungsplänen von Kanton und Stadt steht die Gruppe schon seit Jahren kritisch gegenüber.
Angst vor Verlagerung
Das Verdikt zum präsentierten Projekt ist für Eicher klar: «Die Unterführung Winterthurerstrasse bringt nichts.» Er ist sich sicher, dass die bestehenden Querungen für den Verkehr ausreichen.
«Denn es ist einfach rechnerisch nachgewiesen: Wenn man eine Unterführung baut, zieht man wieder mehr Verkehr an.» Er vergleicht es mit einer Wasserleitung. Vergrössert man den Querschnitt, fliesst auch mehr Wasser durch.
«Zudem verlagert eine Unterführung das Problem nur, sie löst es nicht.» Denn bereits heute stockt der Verkehr an der Berchtoldstrasse und um den Nashornkreisel. «Und das wäre auch bei einer Unterführung weiterhin der Fall, weil die beiden Achsen Winterthurerstrasse und Dammstrasse dort zusammentreffen.»
Der Kanton hat bereits angekündigt, dass flankierende Massnahmen notwendig sind, um das Stauproblem nicht zu verlagern. So ist beispielsweise ein Lichtsignal am Ortseingang bei der Winterthurerstrasse geplant. Und auch Tempo 30 soll im Gebiet eine zusätzliche Entlastung bieten.
«Tempo 30 ist dort primär aus Lärmschutzgründen notwendig, hat aber auch den positiven Nebeneffekt, dass es die Verkehrssicherheit erhöht und bei hohem Verkehrsaufkommen den Verkehrsfluss verbessert», sagt Thomas Maag, Mediensprecher der Baudirektion.
Ustermer seien verwöhnt
Die Argumentation kann Martin Eicher nicht überzeugen. Er hält die Unterführung weiterhin für unnötig. Den Leidensdruck der Autofahrer an der Barriere, der oft ins Feld geführt wird, kann er nicht nachvollziehen.
«Uster hat kein Lichtsignal, nur Barrieren, wir sind hier verwöhnt.» Man könne aber die beiden Dinge durchaus gleichsetzen. «Wenn ich durch die Stadt Zürich fahre, muss ich an zig Lichtsignalen anhalten.»
Eicher schätzt, dass ein Signal pro Stunde 45 Minuten auf Rot ist – länger als die geschlossene Barriere bei der Winterthurerstrasse auch nach dem Bahnausbau.
«Wir müssen uns einfach daran gewöhnen, dass der Verkehr zu Spitzenstunden nicht flüssig laufen kann», meint Eicher. «Aber wir können unser ganzes Verkehrssystem nicht darauf auslegen, das kostet viel zu viel.»
Der Architekt hält es ausserdem nicht für sinnvoll, gleichzeitig Geld in den Bahnausbau zu stecken, um dann für den motorisierten Verkehr grosse Unterführungen zu bauen. «Der verdichtete Takt wird eine Entlastung bringen, wenn mehr Leute auf den Zug umsteigen», ist er überzeugt.
Denn ein grosser Teil des Verkehrs in Uster – und damit auch die Überlastung – sei hausgemacht. «Das sind nicht nur Franzosen, die nach Rimini fahren.»
Eine andere Unterführung
Eicher und die Gruppe Echolot haben deshalb einen anderen Vorschlag, und zwar eine neue Unterführung für Fussgänger und Velofahrer am Bahnhof Uster. Zwei Optionen dieser Zentrumsunterführung hat die Gruppe bereits ausgearbeitet. «Dort wäre das Geld besser investiert», sagt er.
Die Idee für eine solche Unterführung hat Echolot bereits bei der Überarbeitung des Ustermer Richtplans eingebracht – damals wurde der Vorschlag von der Stadt aber nicht aufgenommen. Eicher vermutet finanzielle Gründe. Denn die Unterführung müsste anders als bei der Winterthurerstrasse die Stadt mitbezahlen – und nicht der Kanton.
Ob ihr Vorschlag jetzt auf offene Ohren stösst, ist offen. Echolot wird weiterhin dafür weibeln. «Auch die SBB hätten Interesse daran, an die Zukunft zu denken», argumentiert der Architekt. Seine Hoffnung ist klar: «Der Kanton soll das Unterführungsprojekt an der Winterthurerstrasse sistieren.»
Gegen den Volkswillen?
Ihm ist bei dieser Forderung bewusst, dass sich die Ustermer Stimmbevölkerung 2012 an der Urne für eine Unterführung ausgesprochen hat – und zwar deutlich mit einem Ja-Anteil von knapp 60 Prozent. Da die Winterthurerstrasse eine Kantonsstrasse ist, hätte die Stadt für die Umsetzung die Erlaubnis aus Zürich gebraucht. Diese wurde damals aber verweigert.
Stellen sich Eicher und seine Kolleginnen und Kollegen aus der Gruppe Echolot also auch gegen den Willen der Ustermerinnen und Ustermer? «In der Zwischenzeit ist einiges passiert», sagt er und nennt als Stichwort die Klimakrise. «Und ausserdem lag damals die Takterhöhung der SBB noch nicht auf dem Tisch. Heute wissen wir, sie kommt und bringt fast einen Tramverkehr für Uster.»
Eicher ist sich sicher: «Würde man heute über die Unterführung Winterthurerstrasse abstimmen, käme ein knappes Nein heraus.»
So geht es weiter
Im vergangenen November haben der Kanton und die SBB das Vorprojekt für die Unterführung präsentiert. Bis Mitte Dezember konnte die Öffentlichkeit zum Projekt Stellung nehmen – dies hat auch die Gruppe Echolot gemacht. Gemäss der Medienstelle der Baudirektion sind insgesamt 14 Einwendungen eingereicht worden, die Anregungen für das Projekt enthalten.
Der Kanton bearbeitet die Stellungnahmen und Einwände aus dem Mitwirkungsverfahren und erstellt das Bauprojekt. Dieses wird nochmals öffentlich aufgelegt.
Das Tiefbauamt schätzt, 2029 mit dem Bau beginnen zu können. 2032 soll die Unterführung dann fertig sein.
Aktuell gehen Kanton und SBB von Kosten in Höhe von rund 40 Millionen Franken aus. Wie die Aufteilung zwischen dem Kanton Zürich und dem Bundesamt für Verkehr aussieht, ist noch offen. Bisher konnte noch keine Einigung erzielt werden. Unter Umständen wird der Kanton bis zur definitiven Klärung die gesamten Kosten vorschiessen. (bes)
