Erlebnisraum Tösstal droht das Aus
Gemeinden verlassen Verein
Die Gemeinden Bauma und Fischenthal wollen aus dem Trägerverein Erlebnisraum Tösstal austreten. Damit hat das Projekt in seiner geplanten Form keine Zukunft mehr. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Es waren ambitionierte Ziele, die sich der Verein Erlebnisraum Tösstal bei seiner Gründung setzte: Mit verschiedenen Erlebnisformaten wollten die Gemeinden Turbenthal, Wila, Bauma, Fischenthal und Wald den sanften Tourismus in der Region fördern.
Themenwege, Dorfrundgänge, ein Kulinarik-Guide und der Wassergeist Tossa, der die Besucher begleitet – das sind nur einige der Ideen, die das Projektteam gemeinsam mit der Luzerner Firma Erlebnisplan AG auf dem Reissbrett entworfen und in einer Machbarkeitsstudie beurteilt hat.
Rund anderthalb Jahre nach der Vereinsgründung scheint das Projekt vor dem Aus zu stehen. Mit Bauma und Fischenthal haben sich zwei der fünf teilnehmenden Gemeinden aus dem Vorhaben zurückgezogen, noch bevor dieses richtig an Fahrt aufnimmt.
Was ist passiert?
Ende Juni hat die Gemeinde Bauma in einem Beschluss festgehalten, dass sie sich aus dem Projekt «Erlebnisraum Tösstal» zurückziehen will. Sie stützt sich dabei unter anderem auf die Machbarkeitsstudie, die der Verein ausarbeiten liess. Im Juli wollte der Vorstand des Vereins Erlebnisraum Tösstal bei den Mitgliedsgemeinden in Erfahrung bringen, ob diese nach wie vor eine Zukunft für das Projekt sehen.
Mit dem Austritt Baumas sei ein durchgängiges Projekt von Turbenthal bis Wald nicht mehr möglich, sagt Michael Hutzli, Leiter des vereinsinternen Projektausschusses. «Bauma ist, zumindest geografisch gesehen, die zentrale Gemeinde des Planungsperimeters.» Kurz darauf beschloss auch Fischenthal, aus dem Projekt auszusteigen. Hier liegt aber noch kein offizieller Beschluss vor.
Womit begründen Bauma und Fischenthal den Ausstieg?
Die Gemeinde Bauma begründet den Ausstieg aus dem Projekt mit dem Kosten-Nutzen-Verhältnis. Der Gemeinderat sehe keine Vorteile, die den grossen Mitteleinsatz rechtfertigen würden, schreibt er. Es sei schwierig, den potenziellen Nutzen in Zahlen auszudrücken. Ausserdem befürchtet er «Kollateralschäden durch ein touristisch ‹zu› attraktives Tösstal». Die schädlichen Auswirkungen von «Overtourism» könne man schon in betroffenen Gebieten in der Schweiz beobachten.
In Fischenthal gehen die Beweggründe in eine ähnliche Richtung. Mit dem Austritt Baumas falle «einer der ausschlaggebenden Gründe für ein gemeinsames Projekt» weg, schreibt Vanessa Fasser, Gemeindeschreiberin ad interim. Die Machbarkeitsstudie erfüllt die Voraussetzungen des Gemeinderats nicht. Ein gemeindeübergreifendes Angebot muss aus seiner Sicht niederschwellig sein und die Besucherströme so steuern, dass keine Gefahr für die Pflanzen- und Tierwelt – etwa im Tössstockgebiet – entsteht.


Wie teuer wäre das Projekt für die Gemeinden gewesen?
Die Gemeinde Bauma hat Stand Mai mit Gesamtkosten von rund einer Viertelmillion Franken gerechnet. Davon wären rund 20’500 Franken jährlich angefallen. Die Gemeinde Fischenthal kann keine konkreten Angaben zu den geschätzten Kosten machen, teilt aber mit, dass sich diese im gleichen Rahmen bewegen wie in Bauma.
Laut Hutzli handelt es sich bei den Beträgen, die aktuell im Raum stehen, um eine «erste vorsichtige Kostenschätzung». Um diese konkret zu beziffern, bestünden noch zu viele Unsicherheiten.
Die Kosten beziehen sich ausserdem auf das Szenario, dass alle in der Studie erwähnten Ideen umgesetzt würden. «Wir haben aber immer kommuniziert, dass jedes einzelne Modul oder Erlebnisformat unter Berücksichtigung der gemeindeindividuellen Budgetvorstellungen grösser oder kleiner geplant werden könnte», betont Hutzli.
Wie hat der Verein reagiert?
Die kritische Grundhaltung Baumas gegenüber dem Projekt ist dem Vereinsvorstand bereits länger bekannt. Man habe das Projekt bewusst in Etappen geplant und «Sollbruchstellen» eingebaut, in denen ein Ausstieg möglich sei, sagt Hutzli.
«Ein Austritt schon aufgrund einer Machbarkeitsstudie ist aber natürlich schon etwas überraschend.» Die Studie verfolgte laut Hutzli das Ziel, alle theoretisch machbaren Formate auf ihre Machbarkeit zu prüfen. Dass die Wertschöpfung schwer vorherzusehen ist, anerkennt auch der Leiter des Projektausschusses.
«Gleichzeitig ist ja die Wertschöpfung nicht der einzige Nutzen eines Naherholungsprojekts.» Ein attraktives Freizeitangebot sowie die Vermittlung von Wissen und die Sensibilisierung seien auch für die Tösstaler Bevölkerung von Nutzen. Eine breit angelegte Befragung ebendieser wäre in einem nächsten Schritt geplant gewesen.
Der Gemeinde Zell war das Projekt bereits seit Beginn zu teuer. Ist es schlicht überdimensioniert?
Der Leiter des Projektausschusses betont, dass der Entscheid der Gemeinde Zell, aus dem Projekt auszusteigen, nicht mit jenem aus Bauma oder Fischenthal zu vergleichen ist. Denn: «Als die Gemeinde Zell sich gegen eine Mitwirkung in diesem Projekt entschieden hatte, war die Kostenkalkulation noch viel theoretischer, als sie jetzt ist.» Man habe eine Redimensionierung von Anfang an berücksichtigt. Der Verein fand es laut Hutzli wichtig, die Gesamtvision im Blick zu behalten, auch wenn einzelne Aspekte später hätten angepasst werden können.
Wie geht es jetzt weiter?
In den kommenden Wochen will der Vereinsvorstand konkrete nächste Schritte beschliessen. Hutzli räumt aber ein: «Wir müssen selbstkritisch konstatieren, dass das Projekt ‹Erlebnisraum Tösstal› in der aktuellen Form keine Zukunft hat.» Jetzt gilt es, die richtigen Schlüsse zu ziehen und «die jahrelange Arbeit nicht zu einem Papiertiger verkommen zu lassen». Dass das Projekt weitergeht, ist laut Hutzli vielen ein grosses Anliegen – offen bleibt die Frage, in welcher Form.
Bauma hat seinerseits angekündigt, die Burg Altlandenberg besser erschliessen zu wollen. Allerdings soll es keine überregionale Vermarktung geben – anders als die Machbarkeitsstudie, die eine gemeinsame Inszenierung der drei Ruinen Alt-, Breiten- und Hohenlandenberg vorgesehen hatte.