Deshalb hatte flächendeckendes Tempo 30 in Wetzikon keine Chance
Student erforscht Temporeduktion
Austin Widmer aus Ettenhausen hat in seinem Studium viel über die Vorteile von Tempo 30 erfahren. In Wetzikon scheiterte die Temporeduktion in einer Abstimmung. Er wollte herausfinden, wie man es besser machen könnte.
64 Prozent der Wetzikerinnen und Wetziker sagten im vergangenen November Nein zur Einführung von flächendeckenden Tempo-30-Zonen in den Quartieren. Das wuchtige Nein hat viele überrascht, auch Austin Widmer.
Der ETH-Student aus Ettenhausen nahm dies zum Anlass, der Sache in seiner Masterarbeit im Studiengang Raumentwicklung und Infrastruktursysteme auf den Grund zu gehen.
«Im Studium haben wir viel über Tempo 30 gelernt», sagt er. In der Wissenschaft gelte die Temporeduktion als gute Massnahme, um den Verkehr sicherer zu machen und den Lärm zu senken. Doch noch gebe es sehr wenige Studien, die sich mit der Akzeptanz von Tempo 30 auseinandersetzten.
Für seine Arbeit erstellte Widmer deshalb eine Online-Umfrage, an der 350 Personen aus Wetzikon teilnahmen. Darin wurden die Teilnehmer unter anderem über ihr Abstimmungsverhalten im November befragt – und nach ihren Beweggründen. Es zeigte sich: Die Tempo-30-Zone an der Usterstrasse und in Robenhausen war für viele der Grund, ein Nein in die Urne zu legen.
Die Krux mit den Fussgängerstreifen
Das überrascht nicht: Die Zone, die im Sommer 2022 vergrössert wurde, sorgt seither für Kritik. Besonders oft stehen die Rechtsvortritte auf der Usterstrasse unter Beschuss – die Bevölkerung störte sich aber auch an verschwundenen Fussgängerstreifen oder den Einengungen auf der Buchgrindelstrasse. Die Stadt hat teilweise Nachbesserungen angekündigt.

Widmer kann die Kritik aus fachlicher Sicht nachvollziehen. «Die Zone kam sehr plötzlich und ist nicht gut durchdacht», hält er fest, «vor allem auf der Usterstrasse.» Man habe eine existierende Strasse genommen und neue Markierungen angebracht. «Tempo 30 soll sich nicht langsam anfühlen, aber genau das ist auf der Usterstrasse der Fall.»
In einer gut ausgestalteten Tempo-30-Zone würden Autofahrerinnen und Autofahrer das Tempo intuitiv anpassen. «Wenn die Strasse beispielsweise nur schon ein bisschen schmaler wäre, würde es sich ganz anders anfühlen.»
Hinzu kommt, dass das Entfernen von Fussgängerstreifen in Robenhausen bei der Bevölkerung für Unmut sorgte. In Tempo-30-Zonen sind die gelben Streifen nur in Ausnahmefällen zulässig, beispielsweise für Schulwege oder bei Heimen. «Den Leuten geben sie aber subjektive Sicherheit», sagt Widmer. Wenn man sie ohne Information entferne, sorge das für Verunsicherung.
Aus seinem Studium weiss er aber: Fussgängerstreifen können auch eine falsche Sicherheit vorgaukeln. So ereignen sich ein Drittel der tödlichen Unfälle und mehr als 40 Prozent der Unfälle mit Schwerverletzten an der vermeintlich sicheren Stelle. «Wie sinnvoll Fussgängerstreifen sind, ist vor allem vom Verkehrsvolumen abhängig», betont er.
Es gebe auch andere Wege, um die Sicherheit für Passanten zu erhöhen. Er nennt dabei ein Beispiel aus Bern: «Dort hat man in der Mitte der Strasse einen Querungsstreifen gemacht.» So wurde nicht nur die Fahrbahn schmaler, Fussgängerinnen und Fussgänger können die Strasse auch sicherer überqueren. Eine Massnahme, die man in Wetzikon noch vergebens sucht.
«Bereitschaft ist da»
Das Nein im vergangenen November lag aber wohl nicht nur am Rechtsvortritt und an den aufgehobenen Fussgängerstreifen. Für Austin Widmer steht auch fest, dass die flächendeckende Einführung von Tempo 30 auf allen Quartierstrassen der falsche Ansatz war. «Das hat die Leute überfordert», meint der Ettenhauser.
Trotzdem zeigt seine Umfrage: «Die Bereitschaft für Tempo 30 ist in der Wetziker Bevölkerung da.» Und dies auch bei einer Mehrheit der Personen, die bei der Abstimmung im November gegen die Einführung gestimmt haben.
Widmer hat nämlich nicht nur das Abstimmungsverhalten untersucht, sondern wollte mit einer fiktiven Tempo-30-Zone auch herausfinden, welche Massnahmen den Rückhalt der Temporeduktion erhöhen. Er hat dazu mehrere Varianten einer Zone auf der Binzackerstrasse ausgearbeitet und einander gegenübergestellt.
Besonders beliebt sind Begrünungen. «Und auch die Kosten sollten nicht zu hoch sein», sagt Widmer. Infrastruktur bei Velofahrern, beispielsweise ein abgetrennter Veloweg, kommt hingegen vor allem bei Personen gut an, die einen solchen auch nutzen.
Für Widmer steht nach der Umfrage fest: Eine allgemeingültige Lösung für eine gute Tempo-30-Zone gibt es nicht. «Man muss immer auf die lokalen Gegebenheiten achten und vor allem die Bevölkerung gut informieren.» Widmer empfiehlt der Stadt Wetzikon dabei auch ein langsameres Vorgehen, um die Zonen gut auszugestalten.
Mit der Stadt hat der Student den Austausch bereits gesucht – so gab es für die Arbeit auch Lob von Stadtrat Heinrich Vettiger (SVP). «Die Arbeit ist sehr interessant», sagt er. «Aber es gibt eben auch den politischen Prozess, und wir müssen den Volkswillen akzeptieren.»
Vettiger hat bereits nach der Abstimmung im November neue Tempo-30-Zonen in den nächsten Jahren ausgeschlossen – ausser, wenn die Massnahme wegen des obligatorischen Lärmschutzes eingeführt werden müsste. Widmer ist aber davon überzeugt, dass die Temporeduktionen bald wieder zum Thema werden.
Autofahrer und Befürworter
Auch nach dem Schreiben der Arbeit sieht der Ettenhauser weiterhin die Vorteile von Tempo 30, aber auch die Schwierigkeiten in der Umsetzung. Für ihn ist dabei wichtig zu betonen, dass er überhaupt nicht gegen den Autoverkehr ist.
«Ich bin im Oberland aufgewachsen und wie viele hier sehr oft mit dem Auto unterwegs», sagt er. «Das Vorurteil, dass sowieso nur Personen aus dem links-grünen Lager Tempo 30 befürworten, ist schlichtweg falsch.»
Wichtig sei aber, dass die Politik bei der Verkehrsplanung mit der Bevölkerung zusammenarbeite – und die Einwohner sich aktiv beteiligten, wie beispielsweise bei der laufenden Ortsplanungsrevision in Wetzikon. «Am Schluss gibt es bei allen Verkehrsmassnahmen immer einen Kompromiss, allen kann man es nie recht machen.»
