Kantonsrätin aus Illnau-Effretikon will externe Lehrpersonen für Sexualkunde
Forderung an Regierung
Geht es nach Brigitte Röösli, sollen nur noch speziell geschulte Personen den Sexualkundeunterricht erteilen. Sie erhofft sich damit, auch etwas gegen Diskriminierung zu unternehmen.
Der Sexualkundeunterricht ist im Kanton Zürch seit Jahren Pflicht – und trotzdem ist er in bestimmten Kreisen immer noch umstritten.
Erst kürzlich wollten Eltern mit freikirchlichem und muslimischem Hintergrund ihre Kinder nicht in den Unterricht bei einem schwulen Lehrer schicken. Der Streit in Pfäffikon eskalierte, am Schluss musste der Lehrer gehen – obwohl sein Unterricht gemäss der Schule dem Lehrplan entsprach.
Für Kantonsrätin Brigitte Röösli (SP) aus Illnau-Effretikon zeigt der Fall: «Den Sexualkundeunterricht müssen Profis übernehmen.» Speziell ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen sollen in den Schulen zum Einsatz kommen – so, wie das in der Westschweiz bereits die Norm ist.
Röösli will damit den Lehrpersonen nicht absprechen, dass sie guten Sexualkundeunterricht erteilen können. «Aber sie kommen immer wieder unter Druck.» Das zeige nicht nur der Fall in Pfäffikon, sondern beispielsweise auch in Stäfa. Dort musste die Schule 2023 den sogenannten Gender-Tag absagen, nachdem das dazugehörige Schreiben ins Netz gekommen war und nicht nur zu einem Shitstorm, sondern zu einem Sicherheitsproblem führte. Dies, obwohl es den Präventionstag seit über zehn Jahren gibt.
Noch keine Leitplanken
Die Kantonsrätin hat deshalb zusammen mit Nicole Wyss (AL) und Livia Knüsel (Grüne) zu diesem Thema eine Interpellation im Kantonsrat eingereicht. Sie wollen darin auch vom Regierungsrat wissen, wie Lehrpersonen vor Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung geschützt werden.
Ebenso muss die Regierung Auskunft geben, wie sichergestellt wird, dass alle Schülerinnen und Schüler trotz Druckversuchen einen «zeitgemässen, ganzheitlichen und professionellen» Sexualkundeunterricht erhalten. Zudem soll sie darlegen, wie der Unterricht professionalisiert werden kann.
Ein guter Sexualkundeunterricht ist für Röösli zentral, um Kinder zu fördern und zu stärken. «Jedes Kind soll wissen, dass es ganz viele Möglichkeiten fürs Leben gibt, egal, welches Geschlecht oder sexuelle Orientierung oder Identität es hat», betont sie.
Doch dieser für sie wichtige Unterrichtsinhalt werde nicht überall einheitlich vermittelt. So gibt es beispielsweise im Gegensatz zum Mathematikunterricht kein vorgeschriebenes Lehrmittel für den Sexualkundeunterricht. «Es braucht klare Leitplanken für sexuelle Bildung», ist sie überzeugt. Die im Lehrplan 21 erwähnten Kompetenzen reichen dazu nicht aus.
Kampf für Gleichstellung
Unterricht nach diesen Massstäben hätte sich auch Röösli in ihrer Jugend gewünscht. Sie wuchs in einem katholischen Umfeld im Kanton Luzern auf. «Wir haben im Unterricht gelernt, dass irgendwann die Mens kommt, und dann könnte es Kinder geben.»
Dass sie lesbisch ist, realisierte sie erst, als sie 28 Jahre alt war. «Ich wusste so lange nicht, wer ich bin, und musste dann lernen, zu mir zu stehen.»
Röösli machte es sich aber auch zur Aufgabe, für die Gleichstellung zu kämpfen. So war sie von 1999 bis 2009 Co-Präsidentin der Lesbenorganisation Schweiz LOS. In dieser Zeit wurde 2005 auch das Partnerschaftsgesetz angenommen.
2010 wurde sie ins Stadtparlament von Illnau-Effretikon gewählt, 2018 in den Kantonsrat. Seit zwei Jahren ist sie ausserdem Stadträtin in ihrer Wohngemeinde.
Ihre Behörde hat kürzlich entschieden, während des Zurich Pride Festivals im Juni für zwei Tage eine Regenbogenfahne beim Stadthaus wehen zu lassen. Der Stadtrat wollte damit ein klares öffentliches Zeichen für Gleichberechtigung, Gleichstellung und gegen Diskriminierung setzen.
Röösli freut sich zwar darüber, stellt aber klar: «Das hat mit mir nichts zu tun, das war ein Vorstoss von Annina Annaheim im Parlament.»
Massnahmen für offeneres Schulklima
Sie weiss aber aus eigener Erfahrung: «Je konservativer die Umgebung, desto schwieriger ist es für Menschen, ‹anders› zu leben.» Zwar sei die Gesellschaft offener geworden, doch noch immer sei Diskriminierung ein grosses Problem – auch in der Schule.
In ihrer Interpellation verweist Röösli auf eine Studie der Pädagogischen Hochschule Bern. Darin geben ein Drittel aller queeren Jugendlichen an, schon diskriminierende Sprüche aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität erfahren zu haben.
«Auch die Suizidrate bei queeren Jugendlichen ist höher», sorgt sich die Kantonsrätin. Sie wünscht sich deshalb weitere Massnahmen, um ein offenes und inklusives Schulklima zu schaffen. «Dafür braucht es Weiterbildungsangebote für Lehrpersonen und Schulleitungen.» Sie will deshalb auch von der Kantonsregierung wissen, welche Angebote bereits bestehen.
Vorstösse in neun Kantonen
Der Regierungsrat hat zwei Monate Zeit, die gestellten Fragen der Interpellation zu beantworten. Anschliessend kommt das Geschäft zur Debatte in den Kantonsrat. «Wir haben absichtlich eine Interpellation eingereicht, wir wollen darüber diskutieren und wissen, was die anderen sagen.» Doch bis es so weit ist, könnte es noch eine Weile dauern.
Der Zürcher Kantonsrat wird nicht das einzige Parlament bleiben, das sich mit diesen Fragen auseinandersetzen muss. Denn auch in acht weiteren Kantonen sind ähnlich formulierte Vorstösse eingereicht worden – von Politikerinnen und Politikern von SP, Grüne und GLP.
Angetossen haben dies die LGBTQ-Dachverbände Pink Cross, Lesbenorganisation Schweiz und Transgender Network Switzerland (TGNS).
«Wir sehen in der Deutschschweiz grosse Unterschiede, wie in der Schule Diskriminierung begegnet und der Sexualkundeunterricht durchgeführt wird», lässt sich Anais Kaiser von TGNS in einer gemeinsamen Mitteilung der Verbände zitieren.
Für die Organisationen ist klar, dass das Westschweizer Modell, bei dem der Unterricht von professionellen Fachorganisationen durchgeführt wird, viele Vorteile mit sich bringt. Kaiser ist überzeugt: «Dieses Modell hat Erfolg und liesse sich mit genügend Mitteln auch in der Deutschschweiz etablieren.»
