Jetzt spricht der Schulpräsident – und verspricht Aufklärung
Nach Eklat an Schule Pfäffikon
Hanspeter Hugentobler will die Vorgänge im Schulhaus Obermatt in Pfäffikon lückenlos aufklären lassen. Dafür Leute zu entlassen, findet er populistisch.
Der Knall kam in Form einer E-Mail: Am 12. Februar teilte die Schulleiterin des Schulhauses Obermatt in Pfäffikon ihrem Lehrer Daniel Brunner (Name geändert) mit, dass man das Arbeitsverhältnis mit ihm auflösen wolle – vorzugsweise in gegenseitigem Einvernehmen.
Brunner war zu diesem Zeitpunkt krankgeschrieben. Denn im letzten Herbst war der schwule Primarlehrer ins Kreuzfeuer von wertkonservativen Eltern geraten, die ihn mit Vorwürfen zu seinem Sexualkundeunterricht eindeckten. Obwohl sich die Anschuldigungen gemäss der Schule als haltlos erwiesen, verlor er den Rückhalt seiner Vorgesetzten.

Die Vorkommnisse im Schulhaus Obermatt haben wir im April publik gemacht. Der Fall hat hohe Wellen geworfen. Die Schulpflege gestand im Anschluss Fehler ein. Sie sprach von «Unregelmässigkeiten im Prozess zwischen Schulleitung, Leiter Bildung und Schulpflege sowie Missachtung von Verfahrensvorschriften und Vorgaben». Konkreter wurde sie bisher nicht.
Es wäre besser gewesen, man hätte nochmals miteinander gesprochen und nach einer Lösung gesucht.
Hanspeter Hugentobler
Schulpräsident von Pfäffikon (EVP)
Nun meldet sich Schulpräsident Hanspeter Hugentobler (EVP) erstmals ausführlich zu Wort. Und er zeigt sich reuig: «Die Schule hat in dieser Situation nicht korrekt gehandelt.» So habe man etwa das rechtliche Gehör des Lehrers verletzt, als man ihn über die geplante Auflösung des Arbeitsverhältnisses informiert habe.
«Es wäre besser gewesen, man hätte nochmals miteinander gesprochen und nach einer Lösung gesucht», sagt Hugentobler. Unter dem hohen Druck sei der Schulführung die Situation entglitten. «Das hätte nicht passieren dürfen.»
Auch in der Kommunikation sei es zu Fehlern gekommen, gesteht Hugentobler ein. So schrieb die Schulleitung zusammen mit dem Leiter Bildung Matthias Weckemann Mitte Februar in einem Brief an die Eltern, dass eine Rückkehr des Lehrers nicht realistisch sei, weil dieser den Dialog mit der Schulführung aktuell nicht führe.
In einem zweiten Elternbrief vom 29. Februar, der nun auch vom Schulpräsidenten unterschrieben wurde, bedauerte man dann plötzlich den Entscheid des Lehrers, die Schule zu verlassen. Im Wortlaut steht dort: «Er hat sich auch während seiner krankheitsbedingten Abwesenheit stets dialogbereit gezeigt.»
Schlussbericht im Juli
Rechtlich ist die Auflösung des Arbeitsverhältnisses erledigt. Daniel Brunner hat einer einvernehmlichen Lösung – mit Abfindung – zugestimmt. Doch die Schule kann die Vorkommnisse noch lange nicht ad acta legen. Der öffentliche Druck auf die Schule ist gross. So forderten unter anderem alle Ortsparteien in einer gemeinsamen Medienmitteilung eine Aufarbeitung. Kritik kam darüber hinaus auch von Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Die Mitte).
Die Schulpflege hat in der Woche nach Bekanntwerden des Falls eine Aufarbeitung mit externer Hilfe angekündigt. Hugentobler sagt: «Wir wollen eine volle Aufklärung, niemand soll dabei geschont werden – auch ich nicht.»
Die Untersuchung wird durch das Schulpflegemitglied Guido Santner (Grüne) geführt. «Er ist relativ neu in der Schulpflege und war an den umstrittenen Vorgängen nicht beteiligt», sagt Hugentobler. Santner wird unterstützt von einer Anwältin der Zürcher Kanzlei Rudin Cantieni Rechtsanwälte.
Bis im Juli liegt voraussichtlich der Schlussbericht vor, den die Schulpflege öffentlich machen will. Der Bericht soll bei der Einordnung der Vorfälle helfen und Massnahmen vorschlagen, damit sich der Fall nicht wiederholt.
Wie viel diese Untersuchung kostet, kann der Schulpräsident noch nicht sagen. «Das ist vom Aufwand abhängig», erklärt er.
Entlassungen wären populistisch
In ihrer ersten Reaktion im April hatte die Schulpflege zudem festgehalten, dass sie aktuell keine personellen Konsequenzen in Betracht ziehe. Dies entspreche nicht der Fehlerkultur der Schule Pfäffikon.
Hugentobler verteidigt dieses Vorgehen. Man habe diese Möglichkeit in der Schulpflege offen diskutiert, sei aber zu einem anderen Schluss gekommen.
«Das wäre eine populistische Lösung, bei der vermutlich schnell Ruhe eingekehrt wäre», findet der Schulpräsident. Doch man wolle eine nachhaltige Lösung schaffen und aus den Geschehnissen lernen. «Wenn man Leute einfach auswechselt, dann macht man dieselben Fehler unter Umständen wieder.»
Das Hauptaugenmerk will man deshalb auf die Aufarbeitung legen. Die Schule müsse Vertrauen zurückgewinnen – von der Bevölkerung, den Eltern und den eigenen Mitarbeitenden.
Letzteren hat sich die Schulpflege am 6. Mai, dem ersten Tag nach den Frühlingsferien, an einer Konferenz gestellt, um Fragen zu beantworten.
Hugentobler erzählt von unterschiedlichen Reaktionen: «Von manchen gab es Lob für die Transparenz und die eingeschlagenen Massnahmen, bei anderen ist die Verunsicherung noch gross.»
Abhilfe soll weiter eine neue Charta schaffen, die die Schulpflege zusammen mit den Lehrpersonen erarbeiten will. «Es geht um einen Verhaltenskodex, wie wir mit Druckversuchen umgehen.»
Trotz diesen Bemühungen: Die Ruhe scheint im Schulhaus Obermatt noch nicht eingekehrt zu sein. So hat eine weitere Lehrperson nach dem Anlass Anfang Mai ihre Kündigung eingereicht. In einem Elternbrief, der uns vorliegt, schreibt diese: «Leider hat sich die Situation in der letzten Woche zugespitzt, sodass eine Weiterarbeit für mich nicht mehr infrage kommt.»
Hugentobler bestätigt den Abgang – will diesen aber nicht weiter kommentieren. Er könne jedoch nachvollziehen, dass die Betroffenheit für die Lehrpersonen im Schulhaus Obermatt gross sei.
Stets für Vielfalt eingesetzt
Auch wenn die Schulpflege mehrere Fehler einräumt, hält sie weiterhin an einem fest: Die Auflösung des Arbeitsverhältnisses habe weder mit den Druckversuchen der Eltern auf den Sexualkundeunterricht noch mit der sexuellen Orientierung des Lehrers etwas zu tun gehabt.
«Die Gründe sind wesentlich komplexer», sagt Hugentobler. Auf Details geht er aber nicht ein – «aus rechtlichen Gründen».
Dass die Schule nun dem Vorwurf ausgesetzt ist, sie habe einen schwulen Lehrer diskriminiert, macht ihn betroffen. Er verteidigt sich: «Ich habe mich in den letzten 22 Jahren stets für Diversität und Vielfalt an der Schule Pfäffikon eingesetzt», betont der Schulpräsident und Kantonsrat. Diskriminierung habe dort keinen Platz.
Hanspeter Hugentobler hat auch einem Austausch mit Pink Cross, dem Dachverband der schwulen und bisexuellen Männer, zugestimmt. Die Einladung dazu hatten in kürzester Zeit über 8000 Personen mitunterschrieben. «Wir wollen im Gespräch nicht den konkreten Fall aufarbeiten, sondern strukturelle Massnahmen für die Zukunft besprechen», sagte Pink-Cross-Geschäftsleiter Roman Heggli. Das Gespräch soll Anfang Juni stattfinden. (bes)
