Sie sind Geschwister, aber politisch sind sie Gegner
Politik in der Familie
Im Kantonsrat werden am Montag zwei neue Mitglieder vereidigt. Brisant: Sie haben prominente Geschwister, die in anderen Parteien politisieren.
Diese Familie ist am Montag im Vereidigungsstress. Claudio Zihlmann wird am Morgen im Rathaus Hard als Zürcher Kantonsrat vereidigt und seine Schwester Corina Gredig, geborene Zihlmann, am Nachmittag im Berner Nationalratssaal.
Der Anlass im Bundeshaus ist etwas feierlicher, da die vierjährige Legislatur des Bundesparlaments eröffnet wird. Gredig wurde im Oktober als Nationalrätin wiedergewählt. Zihlmann wiederum ist eine von sechs Personen, die ins kantonale Parlament nachrutschen, weil je drei Kantonsrätinnen und -räte nach Bern gewählt wurden. Zihlmann ersetzt Neonationalrätin Bettina Balmer.
Grünliberal vs. Freisinn
Nicht nur die gleichzeitige Vereidigung ist speziell, sondern auch die Parteizugehörigkeit von Zihlmann und Gredig. Er ist ein Freisinniger, sie eine Grünliberale. Beide sind auch parteipolitisch engagiert: Die 36-Jährige ist seit mehr als fünf Jahren Co-Präsidentin der kantonalen GLP, ihr 34-jähriger Bruder ist Präsident der FDP des Stadtzürcher Kreises 7 und 8.
Brisant: Die GLP und die FDP sind Konkurrentinnen und fischen in einem ähnlichen Wählerteich. Unter anderem zoffen sich die beiden Parteien, wer die liberalere ist. Belastet diese Situation ihre Beziehung als Geschwister?
Heimatliches Seefeld
Wir treffen die beiden im Café Escoffier im Zürcher Seefeld. Das Quartier ist die Heimat der Familie. Zwar sind die Geschwister in Maur aufgewachsen, doch wohnen jetzt beide im Kreis 8, wo bereits der Vater und die Grosseltern gelebt haben. Das Café ist für beide nahe gelegen.

«Natürlich streiten wir über politische Themen», sagt Corina Gredig. Aber giftig werde es nie. Er blickt sanft zu ihr und bestätigt: «Wir stehen uns trotzdem nah.»
Einig bei EU-Politik
Wirft man aber ein paar politische Begriffe in die Diskussion, wird es sofort kontrovers. Man stellt rasch fest: Die beiden sind es gewohnt, über Politik zu streiten, es geht in grossem Tempo hin und her.
«Ihr setzt in der Umweltpolitik auf den Staat», sagt der Ökonom vorwurfsvoll. «Ihr denkt zu wenig an die kommenden Generationen», gibt die Politikwissenschafterin zurück. Sie hat – natürlich – GLP-Kandidatin Tiana Moser in den Ständerat gewählt, er den SVP-Mann Gregor Rutz. Renteninitiative? Elternzeit? Zwei Meinungen.
Geht es um Europa, sieht es wieder besser aus. Die Bilateralen weiterentwickeln, da herrscht Einigkeit. Auch in der Sicherheitspolitik treffen sich ihre Ansichten: Beide waren im Komitee für den neuen Kampfflieger F-35.
Aus dem CVP-Milieu
Die Familie hat ihre Parteiwahl nicht unbedingt vorgespurt. Die Bündner Mutterseite sei nicht politisch aktiv, sagen sie. Der Vater, der verstorben ist, war in der CVP. Der Grossonkel Karl Zihlmann, auch er ein CVPler, war 20 Jahre lang im Zürcher Stadtparlament und einmal sogar Gemeinderatspräsident.
«Unser Vater hat aber später zur GLP gewechselt», sagt Gredig und blickt grinsend zur Seite. Zihlmann lächelt milde und sagt: «Er hat für uns beide Flyer im Quartier verteilt.»
Der Bruder war nicht von Jugend an politikinteressiert. Während die Schwester die ganze Zeitung verschlungen hat, las er im «Tages-Anzeiger» stets nur die Kehrseite mit den vielen Fotos. «Von Politik hatte ich keine Ahnung», sagt Zihlmann. Dass er bei der FDP gelandet ist, war eher Zufall. Ein Kollege hat ihn einmal zu einer Parteiversammlung mitgenommen.
Schule schwänzen für Demo
Gleichwohl hat er frühe Demo-Erfahrung: Als 14-Jähriger nahm er (wie auch seine Schwester) an vorderster Front an einem Protest gegen den Irakkrieg teil. Am Folgetag habe die Mutter geschimpft, erzählt Zihlmann. Denn eigentlich hätte Claudio in der Schule sein müssen. «Aufgeflogen» ist er, weil er gut zu erkennen war im Bild auf der Tagi-Frontseite.

Als Zihlmann in der Partei war, hat es ihn gepackt. Bald war er Kreisparteipräsident, seit 2022 sitzt er im Stadtzürcher Parlament.
Auch Corina Gredig wäre fast bei der FDP gelandet. Bei einem Aufenthalt in Lausanne haben der 20-Jährigen die Ideen des Parti Libéral gefallen, der später mit den Freisinnigen fusionieren sollte. «Das war noch Liberalismus mit Verantwortung», sagt sie. Doch zurück in Zürich, habe sie via Smartvote herausgefunden, dass die GLP die richtige Partei für sie sei.
Am Montag kommt die Schwester zur Vereidigung des jüngeren Bruders. Er muss aus terminlichen Gründen auf den Gegenbesuch in Bern verzichten – «leider», wie er anfügt. Sie winkt ab: «Weil ich nicht neu bin im Rat, darf ich ohnehin niemanden ins Bundeshaus mitnehmen.»
Die Geschwister Deplazes
Neben dem Duo Gredig/Zihlmann steht ein weiteres Geschwisterpaar mit politischen Ambitionen im Fokus. Der Zufall will es, dass am Montag auch Tina Deplazes als Kantonsrätin vereidigt wird.
Sie ist die Schwester von Luis Deplazes, der die Jungfreisinnigen des Kantons Zürich präsidiert und im Vorstand der Mutterpartei sitzt. Auch sie war bis vor kurzem parteipolitisch engagiert, am Samstag aber hat sie das Vizepräsidium der Jungen Mitte Schweiz abgegeben.
Beide haben im Oktober für den Nationalrat kandidiert. Ihre Resultate waren vielversprechend. Sie arbeitete sich auf der Hauptliste der Mitte von Platz 16 auf Rang 6 vor, er verteidigte die Nummer 1 beim Jungfreisinn souverän. Gewählt wurden sie aber nicht.
Beide sind «Arena»-tauglich
Jetzt rutscht die 27-jährige Tina Deplazes im Kantonsrat nach und ersetzt Yvonne Bürgin, die in den Nationalrat gewählt wurde. Deplazes war 2022 an ihrem Wohnort Wetzikon ins Stadtparlament gewählt worden und gemäss Beobachtern sofort als besonders aktiv aufgefallen.
Und nicht nur dort: Die quirlige Politikerin der Jungen Mitte – Wahlslogan «Fuck Polarisierung» – hatte im letzten Frühling zwei Auftritte in der «Arena» von SRF, und zwar an vorderster Front. Einmal kämpfte sie zusammen mit SP-Ständerat Daniel Jositsch fürs Covid-Gesetz, einmal war sie Teil der Jubiläumssendung.
Quelle: SRF Play
Da muss der 29-jährige Bruder, der in Zürich-Wollishofen wohnt, leicht zurückstehen. Auch er war in der «Arena» und kam zu Wort, doch platziert war er in der zweiten Reihe. Das Thema war der Frauenstreik, den es gemäss Luis Deplazes nicht gebraucht hätte.
Quelle: SRF Play
Erneut zwei Geschwister also, die es in unterschiedliche Parteien gezogen hat. Speziell ist, dass sich die beiden vor fünf Jahren gleichzeitig und unabhängig voneinander für einen Parteibeitritt entschieden haben, wie sie bei einem Treffen im Hiltl Sihlpost erzählen.
Bei einem der täglichen Telefonate habe sie ihrem Bruder davon berichtet, sagt Tina Deplazes, und auf seine Replik gefragt: «Aha, und in welcher Partei bist du jetzt?» Beide hatten zuvor den Smartvote-Katalog ausgefüllt. Politisiert habe ihn die dritte Abstimmung zum neuen Zürcher Fussballstadion, sagt der Bruder.
Nachbarn von Ueli Maurer
Aufgewachsen sind die beiden in der Hinwiler Aussenwacht Wernetshausen, genau vis-à-vis dem Haus von Ueli Maurer. Mit dessen Kindern spielten sie auf der Strasse, während der damalige SVP-Nationalrat und Parteipräsident die Hecken schnitt.
Zu Hause sprachen Tina und Luis Deplazes Rätoromanisch und Katalanisch. Das sind die Sprachen des Vaters, der aus der Surselva stammt, und der Mutter, deren Eltern aus Barcelona in die Schweiz gekommen waren. Die Eltern sind gutbürgerlich, aber parteilos.
«Wechselwähler», vermutet Tina Deplazes. Die Geschwister waren Blauring-/Jungwacht-Leiter, was aufgrund des katholischen Hintergrunds tendenziell zu einer Karriere in der CVP/Mitte führte.
«Ich bin traditioneller als er»
Doch Luis Deplazes positioniert sich klar rechts des politischen Zentrums, arbeitet gern mit der Jungen SVP zusammen und kritisiert die Mitte als «Rosinenpickerin», weil sie sich geweigert hat, Gregor Rutz zu unterstützen. Auch schwärmt er von der Initiative der Jungparteien, die auf ein höheres Rentenalter abzielt.

Die Wirtschaftsprüferin Tina Deplazes, die Tiana Moser gewählt hat, spricht sich zwar auch für ein höheres Rentenalter aus, aber anders ausgestaltet. Darauf entsteht eine technische Diskussion, die zeigt, dass beide beim Thema eine ähnliche, aber nicht deckungsgleiche Meinung haben.
«So ist es meistens», sagt Luis Deplazes, der ein Start-up im Bereich Personalvermittlung mitgegründet hat. Sie lägen politisch oftmals nicht so weit auseinander, sagt der Bruder. Doch es gibt Unterschiede. Er ist für die Individualbesteuerung, sie für die Ehepaarinitiativen. «Ich bin traditioneller als er», sagt Tina Deplazes. Und sie sieht den Staat positiver als der Bruder.
Bald direkte Konkurrenten?
Ihr Kernthema ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. So befürwortet sie ein Stellvertretersystem in den Parlamenten, wenn jemand längere Zeit fehlt. Beim Thema Elternzeit spricht sie sich für eine grosszügigere Lösung aus, er findet das wirtschaftsfeindlich und deshalb unnötig.
Politisch hatten die Geschwister Deplazes kaum direkt miteinander zu tun, da sie auf lokaler und nationaler Ebene engagiert waren. Das könnte sich nun ändern, da beide in der kantonalen Politik mitmischen.