Braucht es Windenergie aus dem Oberland?
Hitzige Debatte in Wald
Sechs Präsentationen, acht Podiumsteilnehmer: Die Gemeinde Wald wollte umfassend zur Windenergie informieren. Dabei zeigte sich, wie viele Fragen noch offen sind.
Beim Thema Windenergie gehen die Wogen im Oberland hoch. Die Baudirektion prüft, ob sich zahlreiche Gebiete in der Region als Standorte für Windkraftanlagen eignen. Die Gegner rüsten sich und haben in vielen Gemeinden Initiativen lanciert, um Abstandsregeln festzuschreiben – obwohl rechtlich nicht klar ist, ob die Volksbegehren überhaupt gültig sind.
Fast schon als Kontrapunkt zur oft hitzigen Debatte konnte man deshalb das Podium in Wald am Mittwoch betrachten. Ein Expertenanlass sollte es werden. Sechs verschiedene Standpunkte zur Windenergie: vom Politiker zum Windkraftgegner über Stromanbieter bis zum Bundesvertreter.
Flyer im Treppenhaus
Das Interesse war gross, der Saal gut gefüllt. Dass darunter auch viele Windkraft-Gegner waren, zeigte sich aber bereits im Treppenhaus. Mehrere Personen verteilten Flyer, um Unterschriften gegen den sogenannten Mantelerlass zu sammeln. So nennt man das umfangreiche Gesetzespaket, das die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien fördern soll – auch die Windenergie.
Das Ziel der Veranstaltung war für Gemeindepräsident Ernst Kocher (SVP) klar: «Wir wollen herausfinden, was die Windenergie kann und eben nicht kann – worauf können wir uns freuen und worauf nicht.»
Vor der Debatte gab es zuerst sechs Referate. In zehn Minuten sollten die Teilnehmer ihre Position zur Windenergie darlegen.
> > Lesen Sie hier mehr über die Referate vor dem Podium.
Das Prozedere dauerte dann aber doch 90 Minuten, bis die eigentliche Podiumsdiskussion starten konnte. Geleitet wurde diese von Christian Brändli, dem ehemaligen Chefredaktor der Zürcher Oberland Medien AG.
Wie steht es um Aufwand und Ertrag?
Als Einstieg wollte er von den acht Podiumsteilnehmern wissen, welchen Beitrag die Windenergie zur Versorgung beitragen kann. «Das ist keine einfache Frage», führte Felix Vontobel aus. Er ist Mitglied der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (Elcom), der unabhängigen staatliche Regulierungsbehörde im Elektrizitätsbereich. Eine genaue Antwort liess er denn auch offen, verwies aber darauf, dass man einzelne Technologien nicht gegeneinander ausspielen sollte.
Eine Position, die auch Clemens Hasler, Geschäftsführer des Energielieferanten SN Energie aus St. Gallen, unterstützte. «Es ist aber wichtig, dass auch das Mittelland seinen Beitrag leistet.» So zumindest nimmt er die Haltung der Berggebiete wahr, die mit ihren Stauseen seit Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten.






Brändli hakte nach. Lohnt sich Aufwand und Ertrag bei Windenergie überhaupt? Urs Rengel, CEO der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich, holte etwas aus: «Die Fakten zur Windenergie und was sie leisten kann, liegen klar auf dem Tisch», meinte er. Das hätten die Referate ebenfalls gezeigt.
«Die Frage ist eher, was wir jetzt daraus machen und wie wir volkswirtschaftlich damit umgehen.» Er spielte damit beispielsweise auf mögliche Subventionen für Windparks an, die solidarisch getragen werden müssen. «Es ist eine Abwägung.» Rengel hatte bereits in seinem Referat erwähnt, dass die Politik die Weichen stellt, nicht die Anbieter.
Klarer äusserte sich Martin Maletinsky, der Präsident des Vereins Freie Landschaft Schweiz. Er verglich Windanlagen mit Kleinvieh. «Ja, Kleinvieh macht auch Mist, aber enorm wenig Mist», meinte er. Der Eingriff in die Landschaft durch Windräder sei durch den geringen Ertrag niemals gerechtfertigt.
«Eine Illusion» und ein Vermittler
Am Ende sei es ohnehin die Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen für die Versorgungspolitik zu schaffen, ergänzte der Baumer SVP-Kantonsrat Paul von Euw. «Sie haben es in den Folien gesehen», sagte er mit Verweis auf die zahlreichen Grafiken und Darstellungen in den vorangehenden Präsentationen. «Der Anteil von Windenergie ist so klein, auch im Winter.» Das sei klar der falsche Weg, und vor allem teurer.
Moderator Christian Brändli nahm das zum Anlass, um über die Kosten zu reden. «Kann ein Windrad überhaupt ohne Subventionen wirtschaftlich betrieben werden?», fragte er unter anderem Daniel Diggelmann, den Geschäftsführer der E3hus GmbH, einer Tochtergesellschaft der EW Wald AG.
«Es ist alles extrem hypothetisch», hielt dieser fest. Er erinnerte an die Kapriolen im Strommarkt im Sommer 2022. «Ein Windrad hat auch einen Gegenwert, wenn wir etwas machen, können wir auch in der Region davon profitieren.» Diggelmann ist überzeugt, dass sich auch Bürger an solchen Anlagen beteiligen sollen.
Skeptischer äusserte sich Urs Rengel. «Privat würde ich in keine Windanlage in der Schweiz investieren.» Die Vorstellung einer autarken Schweiz, die ohne Energieimporte aus dem Ausland auskommt, sei ohnehin eine Illusion.
Dass sich auch die Stromanbieter nicht einig sind, zeigte sich an der Antwort von Clemens Hasler von SN Energie. «Im Winter lässt sich mit Windkraft günstig Strom produzieren.» Das lohne sich in seine Augen mehr als die geplanten Photovoltaikanlagen in den Alpen.
Felix Vontobel von der Elcom kam dabei wieder die Rolle des Vermittlers zu. «Die Windenergie wird ihren Platz haben», betonte er. Aber zu möglichen Standorten wollte er sich nicht äussern. «Das, was vernünftig ist, müssen wir machen.» In seinen Augen sollte sich die Windenergie aber an gewissen Orten konzentrieren.
Kontroverser ging es wieder zu und her, als es um die Abstände zu Windanlagen geht. Im Kantonsrat hat Podiumsteilnehmer Paul von Euw zusammen mit zwei SVP-Parteikollegen eine Parlamentarische Initiative eingereicht, die 1000 Meter Mindestabstand im Zürcher Planungs- und Baugesetz festschreiben will.
«Wir wollen damit nichts verhindern», betonte er. «Wenn man diesen Abstand unterschreiten will, kann man dies tun, sofern die Gemeindeversammlung zustimmt.» Ein Vorschlag, für den Daniel Diggelmann von der E3hus GmbH kein Verständnis hatte. «Wir dürfen der Windenergie nicht jetzt schon den Stecker ziehen.»
Gerüchte und Gefahrentafeln
Zum Schluss durfte das Publikum noch Fragen stellen. So wollte ein Anwesender wissen, was man mit der überschüssigen Enerige mache, die im Sommer produziert werde. «Wenn jemand einen Speicher entwickelt, der Energie für 10 Rappen pro Kilowattstunde aus dem Sommer für den Winter speichert, hat er den Nobelpreis auf sicher», meinte Urs Rengel von der EKZ.
Felix Vontobel verwies dabei auf die Pläne, beispielsweise überschüssigen Strom in Energieträger wie Wasserstoff oder Methan umzuwandeln, auch bekannt als Power-to-X. Gleichzeitig ist er sich sicher: «Wir müssen diese Pläne alle paar Jahre justieren.»
Zudem wollte das Publikum wissen, wie es um die Gefahren stehe. Man höre viel – von Rentieren, die ihre Jungen wegen Windrädern verlieren, bis zu Eiswurf: «Sind das nur Gerüchte?»
Zu den angesprochenen Rentieren äusserte sich niemand. Doch die Stromanbieter waren sich einig: «Heute lassen sich die Blätter beheizen, Eiswurf ist kein Thema mehr», sagte Leo Meier von der SN Energie. Und Urs Rengel von den EKZ betonte, Lärm sei ebenfalls kein Problem.
Anders sieht dies Martin Maletisnky und erzählte von einem Ausflug in den Windpark Verenafohren in Süddeutschland. «Man nimmt die ganze Zeit ein Wummern wahr.» Zudem habe es Warnschilder vor Eiswurf, weshalb sich diese Gefahr nicht wegdiskutieren lasse.
Ein Argument, das Rengel nicht gelten lassen wollte: «Wir haben auch Warnschilder bei den Kraftwerken an der Limmat, die vor plötzlichem Hochwasser warnen.» Das heisse nicht, dass dies eintrete.
Nach gut einer Stunde Diskussion trat Gemeindepräsident Kocher wieder ans Mikrofon. «Wir haben unser Ziel erreicht und konnten einige Fragen klären», zeigt er sich zufrieden. Trotzdem hielt er fest: «Das Thema bleibt emotional.»
Initiative in Wald weiter hängig
Auch in Wald wurde eine Initiative eingereicht, die einen Mindestabstand zwischen Windkraftanlagen und bewohnten Liegenschaften in der Bau- und Zonenordnung (BZO) festschreiben will. Der Gemeinderat erklärte die Initiative für gültig. Mit diesem Entscheid muss sich jetzt der Hinwiler Bezirksrat beschäftigen. Ein Walder Stimmbürger hatte Rekurs eingelegt. Darin wird die Haltung vertreten, dass die Initiative übergeordnetem Recht widerspreche und für ungültig hätte erklärt werden müssen. Im Moment sind der Gemeinde die Hände gebunden: «Wir warten immer noch auf den Entscheid des Bezirksrats», erklärte Gemeindeschreiber Martin Süss. (bes)
