Bundesrätin stattet Lernstube Besuch ab
Hoher Besuch in Wetzikon
Eine Bundesrätin und eine Regierungsrätin mitten im Wetziker Industriegebiet. Am Montagnachmittag gingen Elisabeth Baume-Schneider und Silvia Steiner auf Tuchfühlung mit der Lernstube Wetzikon.
Ängste abbauen, Hilfe anbieten und Kompetenzen fördern – all das und mehr haben sich die fünf Lernstuben im Kanton zur Aufgabe gemacht. Damit übernehmen sie gesamtschweizerisch eine wichtige Vorreiterrolle – auch die Lernstube in Wetzikon. Sie erhielt einen ungewöhnlich hohen Besuch.
Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (SP) sowie Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Die Mitte) wollten sich selbst ein Bild vom Arbeitsalltag in den Zürcher Lernstuben machen.
Dabei konnten sie sich von der Wichtigkeit dieser speziellen Lernstätten überzeugen.
Hohe Anzahl an Betroffenen
Rund 15 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben Mühe mit Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Dazu kommen Probleme, welche die Digitalisierung mit sich bringt. Allein im Kanton Zürich sind 140'000 Menschen auf Hilfe angewiesen.
Dies betrifft sowohl Jüngere wie auch Ältere. Darunter befinden sich sowohl Schweizerinnen und Schweizer als auch Menschen mit Migrationshintergrund.
Deshalb sind die Lernstuben im Kanton so wichtig, da sie diese Menschen wie sonst nur wenige andere erreichen. Sie bieten den Hilfesuchenden einen Ort, an dem diese ohne Scham und in der Anonymität von ihren Schwächen oder ganz banalen Sorgen im Alltag erzählen und sich zugleich Unterstützung holen können.

In Wetzikon ist es die Stiftung Ancora-Meilestei, welche die Lernstube in Zusammenarbeit mit dem Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich im letzten Jahr ins Leben gerufen hat. Dies, nachdem der Kanton die rechtlichen Grundlagen dafür geschaffen hatte. Die Stiftung übernimmt einen Viertel der Kosten. Die restlichen Mittel steuern Bund und Kanton bei.
Breit gefächerte Hilfsangebote
In der Lernstube Wetzikon kümmern sich verschiedene Kursleitende oder engagierte Freiwillige um die vielfältigen Bedürfnisse von Menschen, die mit vermeintlich einfachen Aufgaben im Alltag Mühe haben. Eine von ihnen ist Karin Züger.
«Es gibt viele Menschen, die zwar Buchstaben und Wörter kennen, doch mit einem längeren Text Mühe haben.» Sie würden als funktionale Analphabeten bezeichnet. Und da manchmal selbst Menschen, die keine Mühe mit der deutschen Sprache hätten, über die Formulierungen in behördlichen Dokumenten wie Anmeldeformularen stolperten, könne man sich etwa vorstellen, wie gross die Schwierigkeiten für Menschen mit Leseschwierigkeiten seien.

«Oft haben diese Personen schlechte Schulerfahrungen gemacht, verfügen über wenige finanzielle Mittel und sind mit Scham behaftet», sagt Züger. Deshalb liegt ein Augenmerk der Lernstube auch darauf, den Wiedereinstieg in die Bildungslaufbahn oder den Umgang mit gewöhnlichen administrativen Formalitäten zu ermöglichen. Dazu gehören vor allem Bewerbungen.
Andere wiederum, wie eine Gruppe Migrantinnen, sitzen an diesem Nachmittag in einer Runde und lernen, ihre deutschen Sprachkenntnisse selbständig zu vertiefen. Sie erhalten einfache Aufgaben. Dazu gehört unter anderem das Verfassen eines kurzen Aufsatzes. Dabei sollen sie beispielsweise ihre Erlebnisse des vergangenen Wochenendes zu Papier bringen.
Danach sei für die Betreuerinnen meist schon klar, auf welchem Niveau sich die Betroffenen bewegten. Mit diesen Erkenntnissen können dann Probleme gezielt angesprochen und möglichst gelöst werden. Auch an die Eltern wird gedacht. So kümmert sich eine Betreuerin um die Kinder, um das Konzentrationsniveau hochzuhalten.
Ängste stehen im Weg
Am weitesten verbreitet sei bei den Hilfesuchenden oft die grundsätzliche Haltung: «Ich kann das nicht.» Die Ängste und die Vorstellung des eigenen Scheiterns – insbesondere von älteren Leuten – seien oft tief verankert. «Wir machen den Leuten klar, dass sie durchaus bereits über Kenntnisse verfügen, und fragen sie daher, was sie schon können», betont eine freiwillige Helferin der Lernstube.

Aber auch jüngere Menschen, von denen man es nicht erwarten würde, hätten beispielsweise Mühe damit, eine Bewerbung beim Arbeitsamt einzureichen. «Ein Handwerker, der zwar noch jung ist, aber zeit seines Berufslebens nie mit einem Computer umgehen musste, hat schon mit banalsten Aufgaben grosse Schwierigkeiten.»
Gut und gerne dauere das Einreichen von Bewerbungsunterlagen bis zu zwei Stunden, da entweder die Grundkenntnisse nicht vorhanden seien oder ihnen die Technik einen Strich durch die Rechnung mache.
Kurz, aber fröhlich
Die Bundesrätin und die Bildungsdirektorin liessen sich an diesem Nachmittag rund eine Stunde Zeit und hörten an den jeweiligen Posten aufmerksam zu, wie schnelle Fortschritte erzielt und vermeintlich banale Schwierigkeiten auf pädagogische Weise gelöst werden.

Um sich ein Bild davon zu machen, absolvieren die beiden Politikerinnen den sogenannten Stroop-Effekt-Test. Dabei geht es darum, die Farbbezeichnung des Wortes «rot», «grün» oder «gelb» richtig auszusprechen, obwohl der jeweilige auf einem Bildschirm angezeigte Farbton des Worts ein komplett anderer ist. Hierbei konnten beide Damen aber problemlos punkten.
Zum Abschied liess sich Elisabeth Baume-Schneider mit allen Beteiligten fotografieren und verabschiedete sich in ihrem französischen Akzent: «Ich bin berührt zu sehen, wie unterschiedlich Lebensläufe von Menschen aussehen können, und gebe, wie Sie selbst hören können, ganz offen zu, dass auch ich oft Mühe mit der deutschen Sprache habe.»
Mit einem grossen Blumenstrauss ging es für sie wieder zurück nach Bern, wo bereits der nächste Termin auf sie wartete. Mit im Rucksack ein guter Vorsatz: Sie wolle die Idee der Lernstuben auch ausserhalb des Kantons Zürich verbreiten.
Die Zürcher Lernstuben sind informelle Austauschorte, wo sich Erwachsene mit mangelnden Grundkompetenzen in den Bereichen Lesen, Schreiben (mitunter Bewerbungen), Rechnen und Umgang mit dem Computer weiterbilden können. Verschiedene Lernstuben sind regional im Kanton Zürich verteilt.
