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Er ist bereit, bis vor das Bundesgericht zu gehen

So tickt Pierre-Yves Martin – ein Self-Made-Experte auf dem Gebiet Windkraft, der von Anfragen aus dem ganzen Kanton überhäuft wird.

Pierre-Yves Martin will die Aussicht von seinem Haus und die gesamte Landschaft des Kantons Zürich vor der Verschandlung durch Windräder schützen.

Foto: PD

Er ist bereit, bis vor das Bundesgericht zu gehen

Wildberger im Kampf gegen Windräder

Pierre-Yves Martin ist ein gefragter Mann. Aus dem ganzen Kanton erreichen ihn Anfragen für Referate zum Thema Windkraft. Aber wer ist der Wildberger?

«Ich bin nicht gegen die Energiewende – im Gegenteil», sagt Pierre-Yves Martin. «Aber sie muss im Einklang mit der Lebensqualität der Bevölkerung stehen.»

Der 54-jährige Wildberger wehrt sich darum seit einigen Monaten aktiv gegen die Pläne des Zürcher Regierungsrats, im ganzen Kanton grosse Windräder zur Energiegewinnung aufzustellen. Um diese zu realisieren, strebt der Regierungsrat eine Revision des kantonalen Richtplans an.

Zwar sollen Gemeinden frühzeitig in diese Planung involviert werden, doch über den Richtplan entscheidet schliesslich nur der Kantonsrat und nicht das Volk.

Information als stärkste Waffe

Da die Bevölkerung dadurch kein Mitspracherecht in Sinne einer Abstimmung haben wird, bedeutet der Einsatz von Martin primär die Vermittlung von Information. «Viele hören den Begriff Windkraft und denken, dass sie saubere, grüne Energie ist», sagt Martin. «Doch so einfach ist es eben nicht.»

Er doziert an der Pädagogischen Hochschule Thurgau und coacht daneben Kinder und Jugendliche in unterschiedlichen Lernsituationen. Privat versuche er stets, seinen ökologischen Fussabdruck zu verkleinern. Aber auch er habe sich bis zum letzten Herbst, als die Pläne des Regierungsrats bekannt geworden seien, kaum mit Windkraft auseinandergesetzt.

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Windräder würden einen markanten Einschnitt in das Landschaftsbild ergeben – dies streiten auch Befürworter nicht ab.

 «Doch ich hatte einst einen Mitbewohner, der im Bereich Windkraft tätig war und von dem ich das eine oder andere mitbekommen hatte. Darum wusste ich: Das werden keine herzigen Windrädli.» Diese könnten bis zu 230 Meter hoch sein – grösser als die Roche-Türme in Basel, die derzeit grössten Gebäude der Schweiz.

Besonders weil in seiner Wohngemeinde Wildberg und deren Umgebung gleich mehrere Potenzialgebiete liegen (Nummern 18, 19, 20, 21, 22 und 23), in denen Windräder zu stehen kommen könnten, versuchte er, an mehr und an detailliertere Informationen zu kommen. «Da merkte ich, dass das gar nicht so einfach ist.»

Durch sein Netzwerk konnte er in die Dokumente sehen, die den Gemeinden im Rahmen der Winddialog-Veranstaltungen vom Regierungsrat ausgehändigt wurden. «Zudem kenne ich einen Kantonsrat, der in der Energie- und Umweltkommission sitzt.» So habe er sich sein Wissen Stück für Stück erarbeitet.

Auf der Karte sieht man die potenziellen Gebiete für Windenergie.
An diesen Standorten könnten im Kanton Zürich Windräder entstehen.

Dabei habe der Self-Made-Experte festgestellt, dass die Politiker, die sich mit diesem Sachverhalt auseinandersetzten – sei es auf kantonaler oder kommunaler Ebene –, oft mit Halbwissen hantierten.

Für ihn ist das Fazit aber eindeutig: «Die Gefahren und Kosten für diese Windräder stehen in keinem Verhältnis zum Nutzen. Hier wird nur Symbolpolitik betrieben.»

Als er an einer Informationsveranstaltung der Freien Landschaft Zürich im Frühling in Hinwil teilgenommen habe, sei ihm endgültig klar geworden, dass es seine Pflicht sei, sich aktiv einzusetzen.

«Denn da wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit etwas geplant, das massive Auswirkungen auf unsere Lebensqualität und Landschaft haben würde.»

Gegen Windkraft stelle er sich nicht per se. In windstarken Gebieten wie etwa in der Nord- oder der Ostsee würden Offshore-Windkraftanlagen, «die dort niemanden stören», absolut Sinn ergeben. «Aber wir leben in einem Schwachwindkanton, da ist nun einmal nicht viel zu holen.

Das muss man im Verhältnis sehen zu den Gefahren für Mensch und Tier, der Verschandelung der Natur sowie dem Wertverlust der Immobilien in unmittelbarer Nähe der Windräder.»

Alternativen wichtig

Angespornt durch den Abend in Hinwil, organisierte er eine eigene Informationsveranstaltung in Wildberg. «Das Wichtigste ist, die Bevölkerung richtig zu informieren, damit alle wissen, was hier wirklich auf uns zukommt. Denn sobald die Menschen realisieren, was diese Pläne und deren Dimensionen tatsächlich bedeuten, ist praktisch niemand mehr dafür.»

Dabei sei es ihm wichtig, nicht nur zu verteufeln, sondern Alternativen aufzuzeigen. Die geplanten 120 Windräder im Kanton würden gemäss Baudirektor Martin Neukom (Grüne) im Jahr 2050 sieben Prozent des kantonalen Stromverbrauchs decken können. «Wenn denn alle gebaut würden, was eher unwahrscheinlich ist», sagt Pierre-Yves Martin.

Ich musste meiner Frau versprechen, dass wir in den Sommerferien nicht über Windkraft sprechen.

Pierre-Yves Martin

Er habe es letztes Jahr mit seiner Familie ohne grosse Einschränkungen geschafft, 6,5 Prozent Strom einzusparen. Mittlerweile fliegt er fast nicht mehr, fährt nur noch halb so viele Kilometer mit dem Auto wie noch vor ein paar Jahren und ist gerade daran, seine Ölheizung durch eine Wärmepumpe zu ersetzen.

«Jede und jeder kann relativ einfach viel Strom und Energie sparen. Die Energiewende schaffen wir auch ohne diese Windräder.»

An seiner Veranstaltung in Wildberg kündigte er an, eine Einzelinitiative einzureichen, um einen Mindestabstand von 700 Metern um jedes Windrad einzufordern.

Über das folgende Wochenende meldeten sich rund 40 weitere Wildbergerinnen und Wildberger, die ihn unterstützen wollten. Mittlerweile wurde die Initiative beim Gemeinderat eingereicht und für gültig erklärt.

Pierre-Yves Martin aus Wildberg setzt sich gegen die potenziellen Standorte für Windkraft im Oberland und im ganzen Kanton ein.
Für Pierre-Yves Martin ist Information eine der wichtigsten Instrumente, wenn es darum geht, sich gegen Windräder einzusetzen.

Seit jener Informationsveranstaltung wird er mit Anfragen aus dem ganzen Kanton überhäuft. Bereits stand er im Pfäffiker Ortsteil Hermatswil als Referent vor interessierten Zuhörern. Weitere Engagements, etwa in Russikon, sind bereits geplant.

Mittlerweile kann der Aufwand für seinen Einsatz mit einem 10- bis 20-Prozent-Pensum beziffert werden. Dazu kommen die Veranstaltungen am Abend. Die Arbeit sei schnell zu viel mehr angewachsen als gedacht, gibt der Teilzeit-Hausmann zu.

«Ich musste meiner Frau versprechen, dass wir in den Sommerferien mit den beiden Kindern dann mal drei Wochen nicht über Windkraft sprechen.»

Engagement ohne Partei im Rücken

Doch mittlerweile seien viele in der Bevölkerung aufgeschreckt worden. «Und das ist gut so.» Die stärksten Mittel, die momentan blieben, seien Öffentlichkeitsarbeit, der Dialog mit politischen Amtsträgern und die Initiativen.

Letztere wurden kürzlich primär mit der SVP in Verbindung gebracht, da in vielen Gemeinden des Kantons ähnliche Initiativen von den entsprechenden Parteivertretern eingereicht wurden. Martin war einst in der GLP, ist momentan parteilos – «ohne Parteikorsett» – aber Mitglied der Freien Landschaft Zürich.

Seine Initiative sei unabhängig von der SVP entstanden. «Aber wenn die SVP mit uns zusammenarbeiten will, sind wir offen. Es geht hier um Sachpolitik.» Das Gleiche würde für die SP oder andere Parteien gelten.

«Aber dass die Grünen, allen voran Regierungsrat Martin Neukom, solche überdimensionierten Windkraftprojekte vorantreiben, ist kontraproduktiv. Damit stossen sie Natur- und Landschaftsschützer wie mich und der ländlichen Bevölkerung vor den Kopf, statt gemeinsam an sinnvollen Lösungen zu arbeiten.»

Rechtskrieg programmiert

In seinem Leben habe er sich noch nie für eine politische Sache derart eingesetzt. «Aber wenn man merkt, dass hier städtisch geprägte Politiker – in diesem Fall die Regierungs- und ein Teil der Kantonsräte – solch schwerwiegende Entscheide über kleine Dörfer fällen wollen, muss man sich wehren.»

Dies gelte auch für seine Initiative. «Der Regierungsrat hat zwar schon angekündigt, dass die Baudirektion als genehmigende übergeordnete Instanz diese Abstandsregelungen wieder streichen wird», sagt Martin.

Ob das so einfach gehe, werde sich weisen. «Wir sind jedenfalls bereit, damit bis vor Bundesgericht zu gehen, wenn es sein muss.»

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