«Wir sind sichtbar und hörbar – auch auf dem Land»
Feministischer Streik in Wald
Auch in Wald sind Menschen zum feministischen Streik durch die Strassen gezogen. Die Forderungen schrieben sie dabei nicht nur auf ihre Transparente.
Auf dem Kinderspielplatz Windegg in Wald herrschte am frühen Mittwochnachmittag das übliche bunte Treiben. Kinder spielten und lärmten, andere hielten im Kinderwagen ihren Mittagsschlaf.
Ungewöhnlich war die grosse Anzahl von Frauen, die meisten in Lila oder Rosa gekleidet. Sie hatten sich auf dem Spielplatz versammelt, um letzte Transparente für den Marsch zum feministischen Streik zu basteln.
«Matroschka an die Seite von Babuschka! Wir sind die anderen 50 %» und «Change the system, not the woman», zu Deutsch «Ändert das System, nicht die Frau», zierten zwei davon. Sie standen im krassen Gegensatz zur Stimmung auf dem Spielplatz, die eher an einen Kindergeburtstag erinnerte.
Aber auch in der Oberländer Gemeinde hatte ein feministisches Streikkollektiv eine Kundgebung organisiert. Rund 30 Erwachsene, darunter eine Handvoll Männer, und viele Kinder waren ihrem Aufruf gefolgt.
Auch Männer? In Wald schon. «Wir wollen, dass der feministische Streik inklusiv ist», betonte Susanne Kieser. Sie ist Teil des Streikkollektivs. Deshalb sei jeder willkommen, der die Forderungen mittrage. «Es gibt schliesslich auch feministische Männer.»
Mehr Anerkennung für unbezahlte Arbeit
Pünktlich um 15 Uhr machte sich der Tross auf den Weg zum Naturlade. «Seid ihr bereit? Dann seid laut!», forderte Mitorganisatorin Laura Kieser ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter auf.
Beim Naturlade wurde ein erster Zwischenstopp eingelegt. Dort trat Melanie Fernandez, ebenfalls Mitglied des feministischen Streikkollektivs, ans Mikrofon. «Wir fordern die Anerkennung der Haus- und Care-Arbeit», betonte sie in ihrer kurzen Ansprache.




Und rechnete vor: Bei einem Kind unter sechs Jahren hat die Mutter im Schnitt einen Betreuungsaufwand von 56 Stunden pro Woche. «Wenn eine Frau dann noch 40 Prozent angestellt ist, arbeitet sie 72 Stunden, wird aber nur für 16 davon bezahlt.»
Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf müsse gefördert werden. «Deshalb sollte Kinderbetreuung zum Service public gehören», forderte Fernandez.
Die vielen Kinder am Umzug derweil hatten andere Sorgen als ihre Betreuung. Für viele gab es aus dem Naturlade eine Glace, um sich bei den hohen Temperaturen abzukühlen.
Forderungen an Gemeinde
Die Gruppe machte sich später auf zum Bahnhof und zum Schwertplatz. Auf der Bahnhofstrasse warfen viele Passanten interessierte Blicke zu. Dem Umzug anschliessen wollte sich aber niemand.
Sowohl beim Bahnhof als auch vor dem Gemeindehaus auf dem Schwertplatz gab es kleinere Tanz- und Musikeinlagen. Dass der Marsch mit politischen Forderungen verbunden ist, hätte dabei fast untergehen können.
Doch das feministische Streikkollektiv hat sich nicht einfach nur den nationalen Forderungen angeschlossen. Diese drehen sich um die finanzielle und gesellschaftliche Aufwertung der Arbeit von Frauen, mehr Zeit und Geld für Betreuungsarbeit sowie Respekt statt Sexismus am Arbeitsplatz.
Es hat einen Forderungskatalog für die Gemeinde Wald aufgestellt. So soll die Verwaltung die Lohngleichheit bei ihren Angestellten überprüfen oder flexible Arbeitszeiten im Walder Gewerbe fördern.
Viel erreicht, noch viel zu tun
Die Anliegen, gedruckt auf zwei Seiten, nahm FDP-Gemeinderätin Karin Eggenberger entgegen. Die Vorsteherin des Ressorts Sicherheit und Soziales verriet dabei, dass sie 1991 am ersten grossen Frauenstreik teilgenommen habe. «Und die Forderungen waren damals gar nicht so anders als heute», erzählte sie.
Es gebe zwar noch viel zu tun, aber es sei auch schon viel erreicht. So haben die Walder Stimmberechtigten im März der Neuausrichtung der Tagesstrukturen zugestimmt – mit grossem Mehr. «Im Jahr 2004 gab es noch lange Diskussionen, ob Krippenplätze subventioniert werden sollen.»



Nun wird sich der Gemeinderat mit den Anliegen auseinandersetzen und diese beantworten. «Uns war es wichtig, auch konkrete Forderungen an die Gemeinde zu stellen», sagte Melanie Fernandez vom Streikkollektiv.
Die Demonstration habe den Anliegen zusätzliches Gewicht verliehen. Mit der dennoch überschaubaren Teilnehmerzahl war Fernandez zufrieden. «Natürlich wäre es schön, wenn noch mehr kommen würden», gab sie zu. «Aber wir sind heute sichtbar und hörbar – auch auf dem Land.»
