Verhärtete Fronten: Weshalb dieser Kirche alle den Rücken kehren
Katholische Kirche Zell am Scheideweg
Der Katholischen Kirche Zell laufen die Leute davon. Doch niemand will die Verantwortung tragen.
In der Katholischen Kirche Zell kehrt keine Ruhe ein: Am vergangenen Montag hat die Kirchenpflege mitgeteilt, dass alle Mitglieder ihren Rücktritt eingereicht haben.
Sie begründeten ihren Entscheid unter anderem damit, dass zu viele Altlasten vorhanden seien und die Verantwortung intransparent aufgeteilt sei.
In seiner Stellungnahme nimmt der scheidende Kirchenpflegepräsident Christian Palm kein Blatt vor den Mund: «Nicht zuletzt die mangelnde Bereitschaft bei Synodalrat, Aufsichtskommission oder auch dem Generalvikar, die bestehenden Probleme anzugehen, zeigt: Die Kirche tut sich schwer mit Transparenz und der Bereitschaft, ihre Strukturen zeitgemäss anzupassen.»
Zahlreiche Gespräche
Haben also die Organe der Kirche versagt? Diesen Vorwurf weisen der Synodalrat, die Aufsichtskommission und der Generalvikar Luis Varandas in einer gemeinsamen Stellungnahme zurück.
Der Synodalrat ist die Exekutive der Zürcher Katholiken. Die Aufsichtskommission übernimmt die Aufsicht über die Kirchgemeinden. Und Generalvikar Luis Varandas ist Stellvertreter des Bischofs in der Region Zürich-Glarus und damit verantwortlich für das kirchliche Personal.
Sie betonen, dass zahlreiche Gespräche auf den verschiedensten Ebenen geführt wurden, um eine gute Lösung für die Probleme der Kirchgemeinde Zell zu finden. «Trotz grossen Anstrengungen seitens der kantonalen Körperschaft wie des Generalvikariats ist das leider nicht gelungen», steht in der Mitteilung.
«Alle Beteiligten bedauern das zutiefst.» Die Verantwortlichen der Katholischen Kirche im Kanton Zürich würden die Kirchgemeinde Zell auch weiterhin begleiten und unterstützen. Zur Pfarrei St. Antonius gehören Katholikinnen und Katholiken aus den Dörfern Kollbrunn, Rikon, Schlatt, Weisslingen und Kyburg.
Wer ist zuständig?
Doch wie sind diese Spannungen in der Gemeinde entstanden? In der Theorie gibt es in der Katholischen Kirche hierzulande zwei Partner, die sich die Aufgaben im kirchlichen Leben teilen: die pastorale Seite, organisiert als Pfarrei – und die staatskirchenrechtliche Seite, organisiert als Kirchgemeinde.
In Zell gab es immer wieder Konflikte zwischen diesen beiden. «Das duale System funktioniert nicht», sagt der abtretende Kirchenpflegepräsident Christian Palm. «Es gibt viele Bereiche, in denen die Aufgaben nicht genau aufgeteilt sind.»
Das habe die Zeller Kirchenpflege immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. «Wenn ein Pfarrer eine Stellvertretung für einen Gottesdienst engagiert, ist das sicherlich Teil seiner pastoralen Verantwortung», sagt Palm. «Aber wenn wir für diese Person einen Vertrag ausstellen müssen, liegt das in der Verantwortung der Kirchenpflege.»
Dies werde aber von pastoraler Seite nicht so gesehen. «Ebenso ist nicht verständlich, warum die Ziele eines Pfarrers ohne die Kirchenpflege bestimmt und ihr nicht bekannt gegeben werden», stört sich Palm. Zwar hat die Kirchenpflege die Personalverantwortung, aber nicht immer das Recht, an Personalgesprächen aller Mitarbeiter teilzunehmen. «So funktioniert eine einvernehmliche Leitung nicht.»
«Aufgabenteilung strikt einhalten»
Es waren genau solche Spannungen, die im Sommer letzten Jahrs zum Rücktritt von Pfarrer Ignace Bisewo geführt haben. Ein neuer Pfarrer, der eine Teilzeitstelle annahm, kündigte diese Anfang Jahr schon nach wenigen Monaten wieder.
«Wir wollten unsere vom Staat übertragene Verantwortung auch wahrnehmen.»
Christian Palm, abtretender Präsident der Kirchenpflege Zell
Seither amtet Rolf Bezjak als Pfarreibeauftragter in der Pfarrei. Er wurde vom Generalvikar eingesetzt.
Doch wieso schafft man in Zell nicht, was andernorts geht? Schliesslich gibt es zahlreiche Kirchgemeinden, in denen keine vergleichbaren Spannungen existieren.
«Das ist vermutlich eine Frage des Anspruchs», meint Christian Palm. «Wir wollten die Regeln des dualen Systems aktiv leben und unsere vom Staat übertragene Verantwortung auch wahrnehmen.» Andernorts werde wohl oft ein Auge zugedrückt.
Rücktritt folgt auf Rücktritt
Doch nicht nur im Zeller Pfarramt gibt es Probleme. Der Rücktritt der aktuellen Kirchenpflege ist nämlich nicht der erste. In der Behörde gibt es seit Jahren Probleme.
Im Sommer 2018 wählte die Gemeinde eine neue Präsidentin. Noch vor ihrer Amtszeit hat sie ihren Schwiegersohn als Katecheten eingesetzt – zu einem höheren Pensum und Lohn, als es von der früheren Kirchenpflege bewilligt war.
Deswegen wurde gegen sie ein Strafverfahren eingeleitet. Der Vorwurf: Amtsanmassung. Vergangenes Jahr sprach das Bezirksgericht Winterthur die Frau jedoch frei. Ihr Verhalten sei fahrlässig gewesen, aber nicht strafbar.
Sie war bereits im März 2019 von ihrem Amt zurückgetreten. Im Anschluss war die Kirchenpflege nicht mehr beschlussfähig. Der Synodalrat setzte einen externen Sachwalter ein, der die Führung der Gemeinde übernahm. Dieser amtete, bis im Frühjahr 2020 eine neue Kirchenpflege gewählt wurde.
Doch auch diese trat im Oktober 2021 in globo zurück – Grund dafür waren Spannungen mit der Rechnungsprüfungskommission (RPK). Daraufhin übernahm mit Christian Palm ein ehemaliges RPK-Mitglied das Präsidium der Kirchenpflege.
Und erneut kam es zu Problemen. So wurde das Budget 2023 beispielsweise erst in einem zweiten Anlauf genehmigt. Im Dezember 2022 lehnte die Versammlung dieses ab – Gründe nannten die Anwesenden damals keine. Es scheint ein Misstrauensvotum gegenüber der Kirchenpflege gewesen zu sein.
Ein zweiter Sachwalter?
Jetzt steht man in Zell schon wieder vor Neuwahlen. Wann diese stattfinden, ist aber noch nicht bekannt. Das muss zuerst mit der Aufsichtskommission geregelt werden.
Will denn unter diesen Umständen überhaupt jemand in die Kirchenpflege? «Das kann ich nicht beurteilen», sagt Christian Palm. «Es gibt Leute, die sich in den letzten Kirchgemeindeversammlungen aktiv beteiligt haben, vielleicht sind diese ja interessiert.»
Ist niemand bereit, die Verantwortung zu übernehmen, muss der Synodalrat vermutlich wieder einen Sachwalter einsetzen. Es wäre das zweite Mal innerhalb von weniger als fünf Jahren, dass der Kirchgemeinde die Selbstverwaltung entzogen würde.
