Umweltschützer machen Stimmung gegen Kezo-Fernwärme
Abstimmung in Wetzikon
Es gebe zu wenig Abfall für Kezo-Fernwärme, findet Umweltschützer Uwe Scheibler. Widerspruch erhält er dabei ausgerechnet von grüner Seite.
Die Umwelt lag Uwe Scheibler schon in jungen Jahren am Herzen. «Bereits in der Schule habe ich mit einer Kollegin eine WWF-Gruppe gegründet», erzählt der 65-jährige Wetziker. Sein ganzes Leben hat er sich für Umweltthemen engagiert.
Doch bei der kommenden Abstimmung über das geplante Fernwärmenetz in Wetzikon setzt er sich als Mitglied der Gruppierung Pro Oberland für ein Nein ein.
Die Wärme soll nämlich von der Kehrichtverwertungsanlage Zürcher Oberland (Kezo) in Hinwil und der Abwasserreinigungsanlage (Ara) Flos stammen. Am 18. Juni stimmen die Wetzikerinnen und Wetziker über einen Kredit von rund 80 Millionen Franken für den Aufbau des Netzes ab (siehe Box).
Das Fernwärmeprojekt

Im November 2020 haben die Wetziker Stimmbürger den Gegenvorschlag zur Fernwärme-Initiative mit knapp 86 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Ihren Ursprung hat die Vorlage in der Maturaarbeit des heutigen Kantonsrats Benjamin Walder (Grüne). Diese mündete in der Initiative, die 2018 eingereicht wurde.
Letzten Herbst hat der Stadtrat seinen Umsetzungsvorschlag präsentiert. Im Januar hat das Parlament den Rahmenkredit von 80 Millionen Franken für den Netzaufbau bewilligt. Es ist aber noch eine Volksabstimmung nötig, die am 18. Juni stattfindet.
Das zukünftige Fernwärmenetz in Wetzikon soll von einer Aktiengesellschaft betrieben werden. Vorgesehen ist, dass die Stadt zusammen mit der Energie 360° AG eine neue Aktiengesellschaft gründet. Die Energie 360° AG befindet sich vollumfänglich im Besitz der öffentlichen Hand. In der zu gründenden Gesellschaft wird Wetzikon 60 Prozent der Aktien halten.
Die Gemeinden Uster, Pfäffikon, Hinwil, Rüti, Dürnten und Bubikon sowie Rapperswil-Jona prüfen ebenfalls einen Anschluss an ein zukünftiges Kezo-Fernwärmenetz in der Region.
«Bei der Ara macht ein kleines lokales Netz durchaus Sinn», betont Scheibler. «Nicht aber bei der Kezo. Diese müsste man eigentlich stilllegen.» Den geplanten Neubau der Anlage, der bis 2028 fertiggestellt sein soll, lehnt er deshalb ebenso ab.
Zu spät
Für ihn kommt die Idee, die Wärme der Kehrichtverwertungsanlage zu nutzen, rund 60 Jahre zu spät. «Damals wäre es noch sinnvoll gewesen, aber die Gemeinden wollten davon nichts wissen.» Gas und Erdöl seien zu billig gewesen.
Jetzt noch ein Netz aufzubauen, ist für ihn sinnlos. Denn Scheibler geht davon aus, dass die Abfallmengen pro Kopf in der Schweiz mehr und mehr zurückgehen. «Es wäre sinnvoller, diese für andere Zwecke, beispielsweise in der Zementherstellung, einzusetzen», sagt er.
«Wir sind auf dem Weg zu einer Kreislaufwirtschaft.» Und er verweist auf diverse Gesetzesvorlagen, die diesen Prozess beschleunigen werden. Beispielsweise die Kreislaufwirtschaftsinitiative im Kanton Zürich.
Wie viel Abfall ist nötig?
Aktuell werden pro Kopf rund 330 Kilogramm Abfall pro Jahr verbrannt. Diese Zahl ist gemäss dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) in den letzten Jahren stabil geblieben.
Der Einsatz von Wärmepumpen wäre viel sinnvoller, als mit Abfall zu heizen.
Uwe Scheibler, Mitglied der Gruppierung Pro Oberland
Wenn Scheiblers Annahme stimmt, bedeutet das, dass in Zukunft der Abfall fehlt, um Wärme von der Verbrennung beziehen zu können. «Das Netz in Wetzikon müsste 50 Jahre in Betrieb sein, damit es rentiert», erklärt er.
«Am Schluss muss man noch extra Abfall produzieren, damit man diesen für Fernwärme verbrennen kann. Das ist das Gegenteil von ökologisch.» Zumal auch der Bau des Netzes eine erhebliche Umweltbelastung bedeute. «Vor allem, wenn das Netz in 20 Jahren nicht mehr nutzbar ist.»
Umweltschützer Uwe Scheibler hat eine andere Idee: «Der Einsatz von Wärmepumpen, immer verbunden mit einer eigenen Solaranlage, wäre viel sinnvoller, als mit Abfall zu heizen, der eigentlich nichts anderes ist als umgewandeltes Erdöl.»
Auch Walder will Kreislaufwirtschaft
Mit der Annahme von Scheibler kann Kantonsrat Benjamin Walder (Grüne) wenig anfangen. Er hat mit seiner Maturaarbeit den Anstoss zur Fernwärme-Initiative gegeben – und ist weiterhin vom Projekt überzeugt.
«Durch die Nutzung der Fernwärme bieten wir den Wetzikerinnen und Wetzikern eine preisstabile und günstigere Alternative zu den heute bestehenden Öl- und Gasheizungen an», argumentiert er. Ebenso werde die Abhängigkeit vom Ausland reduziert.
Mehr Abfall ist aber auch nicht in seinem Sinne. «Der Kanton Zürich hat sich im letzten November dem Ziel der Kreislaufwirtschaft mit einem Verfassungseintrag verpflichtet», sagt er. Das sei weltweit bisher einzigartig. «Eine Gesellschaft ganz ohne Abfall gilt es also unbedingt anzustreben.»
Es wäre politischer Selbstmord, die Abfallmenge und somit die Wärmequelle aus dem Fernwärmenetz zu entfernen.
Benjamin Walder (Grüne), Kantonsrat
Trotzdem gesteht Walder ein: «Wir sind noch weit davon entfernt.» So gehe der Bundesrat davon aus, dass die Abfallmenge in den nächsten Jahrzehnten konstant bleiben werde. Denn die erhöhte Recyclingquote werde durch das Bevölkerungswachstum ziemlich ausgeglichen.
Ein Standortvorteil
«Gleichzeitig wird im Kanton durch die Abfallplanung die Abfallmenge zu den verschiedenen Kehrichtverbrennungsanlagen verteilt», ergänzt Walder.
«Durch die Nutzung der Fernwärme ab der Kezo gewinnt diese in Zukunft an Standortsicherheit», ist er überzeugt. «Es wäre politischer Selbstmord, die Abfallmenge und somit die Wärmequelle aus dem Fernwärmenetz zu entfernen.»
Ausserdem ist mit dem Neubau der Kezo eine der weltweit modernsten Anlagen geplant. «Durch die bessere Effizienz wird trotz der Reduktion der Abfallmenge der mögliche Fernwärmeabsatz sogar erhöht», ist Walder überzeugt. Denn in Zukunft wird die Abfallmenge der Anlage in Hinwil von 190’000 auf neu 120’000 Tonnen reduziert.
Wenn die Wetzikerinnen und Wetziker Mitte Juni dem Fernwärmevorhaben zustimmen, ist die künftige Wärmeversorgung der Stadt aber noch nicht in trockenen Tüchern.
Denn für Fernwärme braucht es auch den Neubau der Kezo. Darüber stimmen die 36 Zweckverbandsgemeinden vermutlich im nächsten Jahr ab.
