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Wenn der Regierungsrat die Tösstaler nicht versteht

Am Podium in Bauma diskutierten die Teilnehmer über die Zukunft des Tösstals und die wirtschaftliche Entwicklung.

Am Podium in Bauma diskutierten Kandidierende von SP, EVP, FDP und SVP.

Foto: Mirjam Müller

Wenn der Regierungsrat die Tösstaler nicht versteht

Wahlpodium in Bauma

Wie soll sich das Tösstal entwickeln und wie schafft es den Anschluss an den Wirtschaftsstandort Zürich? Das waren die dominierenden Themen am Podium in Bauma mit Kandidierenden für den Kantons- und Regierungsrat.

Bettina Schnider

Tösstal

Ist das Tösstal nun «hinten» und abgeschnitten vom Rest des Kantons und kommen die Regierungsräte und unliebsame Vorschriften wirklich «vo Züri unde»? Diese und weitere Fragen stellten sich Kandidierende für den Kantons- und den Regierungsrat an der Podiumsveranstaltung in Bauma von Mittwochabend.

Im ersten Teil hatten die Tösstaler ihren Auftritt. Die Parteien SVP, SP und FDP haben Kandidierende aus Bauma und Umgebung eingeladen. Dazu gehörten die beiden bisherigen Kantonsräte, der Baumer Paul von Euw (SVP) und Andreas Juchli (FDP) aus Russikon.

Ebenso vertreten waren die Heidi Weiss (EVP) und der junge Kandidat Philipp Schnurrenberger (FDP) aus Bauma, Fredi Nessensohn aus Wila und René Schweizer (beide SVP) aus Fischenthal.

Tösstal, der neue Ballenberg

Radio-Zürisee-Moderator Martin Diener führte durch den Abend. Bereits am Anfang der Diskussion warf er die Frage auf, ob die Tösstaler einen Minderwertigkeitskomplex haben. Hier herrschte bereits das erste Mal Einigkeit.

Nein, das haben sie nicht. Fast alle Teilnehmer lobten die Schönheit der Region.

Zürich will das Tösstal zum Ballenberg machen.

Paul von Euw (SVP)

Kantonsrat

Etwas weniger Einigkeit bestand dann beim Thema Wachstum und Entwicklung. Zwar stimmten alle überein, dass auch das Tösstal wachsen kann. «Das Tösstal soll raumplanerisch aber nicht entkoppelt werden», meinte Kantonsrat Paul von Euw.

Er nutzte die Gelegenheit und holte gleich zum Rundumschlag gegen den grünen Baudirektor Martin Neukom aus. «Zürich will das Tösstal zum Ballenberg machen.»

Doch Wachstum sei möglich. «Wir können uns weiterentwickeln», betonte der 22-jährige FDP-Kandidat Schnurrenberger. «Dazu müssen wir aber auch den ÖV und andere Verkehrsmittel ausbauen.»

Gewerbe braucht Strassen

Nur an den ÖV zu denken, reiche nicht aus, warf Fredi Nessensohn ein. «Wir müssen auch an die Arbeitsplätze denken, damit mehr Leute hier arbeiten können.»

Sein Fischenthaler Parteikollege Schweizer ergänzte, dass er als Inhaber der Bäckerei Voland auch auf ein gut ausgebautes Strassennetz angewiesen sei: «Das Gewerbe funktioniert zu anderen Zeiten.»

«Doch wie genau soll man das Gewerbe fördern?», wollte Moderator Diener dann von den Kandidierenden wissen. «Meistens sucht man ja den günstigsten Anbieter, und der kommt dann aus dem Thurgau», ergänzte der Moderator seine Frage.

Heidi Weiss, die in Bauma Bauvorsteherin ist, betonte, dass die Gemeinde, wenn immer möglich, lokale Betriebe berücksichtige. «Aber wir müssen uns auch an die Submissionsverordnung halten und unsere Aufträge ausschreiben.»

Staat als Feind oder Partner

Kantonsrat Paul von Euw nahm wohl diese Äusserung zum Anlass, um über die in seinen Augen links-grüne Mehrheit im Kantonsrat zu diskutieren. Diese erschwere die Ausübung des Gewerbes.

«Was haben die Linken dem Gewerbe denn verhindert?», wollte daraufhin SP-Kandidat Turacati wissen. «Wir haben einen Fachkräftemangel, und beim Staat gelten andere Vorgaben für Effizienz», entgegnete Andreas Juchli. Das sorge für weniger Wertschöpfung, da wichtige Angestellte in der Privatwirtschaft fehlten.

Das konnte Turcati so nicht stehenlassen: «Der Staat ist ein grosser Auftraggeber für das Gewerbe, er betreibt Schulen, es geht nur Hand in Hand.»

Keinen Grund zum Klagen

Das Verhältnis Staat und Wirtschaft war auch im zweiten Teil des Abends ein Thema. Dort begrüsste Martin Diener Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP), Regierungsrat Ernst Stocker (SVP) und Regierungsratskandidat Peter Grünenfelder (FDP).

Das Tösstal ist ein hochwertiger ländlicher Raum.

Jacqueline Fehr (SP)

Regierungsrätin

Er wollte von ihnen unter anderem wissen, wie das Tösstal in Zürich wahrgenommen wird. «Als Armenhaus oder ungeliebte Stieftochter?»

Vor allem Ernst Stocker zeigte sich etwas schockiert, welches Selbstbild die Tösstaler offenbar von sich haben. «Wir am Zürichsee, wir sind selbstbewusst», sagte der Finanzdirektor.

Er betonte, dass der Kanton einen gut austarierten Finanzausgleich habe, von dem vor allem Regionen wie das Tösstal profitieren. «Der ist wichtig für den Zusammenhalt.»

Jacqueline Fehr, die in Elgg unweit des Tösstals aufgewachsen ist, sagte ebenfalls, dass es keinen Grund zum Klagen gebe. «Das Tösstal ist ein hochwertiger ländlicher Raum.» Die Produkte aus der Region werden weit über die Kantonsgrenzen hinaus geschätzt: «Dieses Potenzial gilt es zu nutzen.»

Die Ansprüche an den Staat

Doch wie soll es den Anschluss an den Wirtschaftsraum Zürich finden? Peter Grünenfelder erklärte, dass vor allem die Verkehrsinfrastruktur matchentscheidend sei. Und er hatte eine weitere Idee: «Einen Innovationspark, wie in Dübendorf.»

Debattiert wurde zwischen den drei Podiumsteilnehmern wenig. Erst bei einer abschliessenden Frage aus dem Publikum kam es zu einer Meinungsverschiedenheit: «Wie viel Bürokratie und Staatsangestellte verträgt der Kanton?»

Grünenfelder machte sich für einen schlanken Staat stark. Er stellte auch die vielen Stellen im Bildungsbereich infrage: «Braucht es wirklich so viele integrative Angebote und Heilpädagogen?»

Mit dieser Haltung biss er auf Granit, und zwar bei beiden Regierungsräten. «Wenn die eigenen Kinder oder Enkelkinder zusätzliche Angebote in der Schule brauchen, dann sind die Kosten auf einmal egal», warf Fehr ein.

Und auch Ernst Stocker betonte, dass neue Stellen vor allem im Bildungs- und Gesundheitswesen geschaffen wurden, nicht in der Kernverwaltung. «Und trotzdem wird immer mehr verlangt vom Staat.»

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