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Politik

Verliert Wermatswil sein letztes Restaurant?

Das «Puurehuus» ist das einzige Lokal im Ort. Nun soll es zu einem Mehrfamilienhaus umgebaut werden. Doch die Pächterin Sylvia Näf betont: «Wir sind hier noch nicht fertig.»

Noch lange nicht müde: «Vollblutgastronomin» Sylvia Näf vor dem «Puurehuus» in Wermatswil., Das «Puurehuus» wurde 1989 umgebaut., Viele Gäste kommen mit dem Auto: Imposanter Eingang über den Parkplatz., Dorfbeiz an der Fehraltorferstrasse: Das «Puurehuus» macht einen sehr gepflegten Eindruck.

Christian Merz

Verliert Wermatswil sein letztes Restaurant?

Es sind zehn kleine Zeilen in der Mittwochausgabe des Anzeigers von Uster, die Sylvia Näf bestätigen, was sie schon länger befürchtet hatte. «Umbau und Umnutzung Restaurant zu Mehrfamilienhaus, Umbau bestehende Tiefgarage und Neubau Mehrfamilienhaus», steht da in den amtlichen Publikationen des Bezirks Uster geschrieben. Und zum Schluss: «Wermatswil».

«Jetzt ist es also soweit», sagt die Pächterin des betroffenen Landgasthof «Puurehuus» mit trauriger Stimme. «Als mich mein Sohn an einem Morgen im September anrief und mir sagte, dass gerade das Projekt ausgesteckt wird, bin ich zuhause geblieben. Ich hätte das emotional nicht verkraftet.»

Sylvia Näf sind die Emotionen anzusehen und anzuhören. Ihre Augen sind wässrig. Die Gerüchte schwirrten schon länger durchs Dorf, im Sommer war sie offiziell über das Vorhaben informiert worden. Doch was bis am Mittwoch noch abstrakt war, ist nun in Form des öffentlich aufgelegten Baugesuches fassbar geworden.

17 neue Wohnungen

Konkret zeigt ein Blick in das Dokument, dass die Eigentümerschaft, die R. Fuchs AG aus Volketswil, im bestehenden Gebäude an der Fehraltorferstrasse 9 acht Wohneinheiten erstellen möchte. Für die grösste sind 240 Quadratmeter Wohnfläche vorgesehen.

Über der Tiefgarage an der Chammerholzstrasse und im hinteren Teil des Grundstücks ist darüber hinaus ein Neubau geplant, der für neun Wohnungen ausgelegt ist. Die voraussichtliche Baudauer ist von Januar 2023 bis September 2024 angegeben.

Der Parkplatz des "Puurehuus" wird den Neubau weichen.

Noch ist die Zukunft auf Papier gezeichnet. Wie sie sich tatsächlich ausgestalten wird, hängt wie immer auch von Einsprachen und allfälligen juristischen Folgeprozeduren ab. Doch die Stossrichtung ist vorgegeben.

Näf ist zwar im Pensionsalter, ans Aufhören mag sie deshalb allerdings noch nicht denken. Sie sagt mit bestimmter Stimme: «Wir sind hier noch nicht fertig. Ich habe einen Vertrag bis im Juni 2023. Und ich hoffe, dass ich diesen noch einmal um mindestens ein halbes Jahr verlängern kann.»

Von Halbjahr zu Halbjahr

Der Betrieb und ihre 16 Mitarbeitenden, darunter auch ihre beiden Kinder, sind ihr ans Herz gewachsen. 2016 hatte sie den fliegenden Wechsel von der Sonne in Auslikon ins «Puurehuus» nach Wermatswil vollzogen. Das 1989 aufwändig umgebaute Haus war nicht nur grösser, es hatte auch 18 Hotelzimmer – eine letzte neue Herausforderung.

Die ersten fünf Jahre wirtete sie mit einem Fünfjahresvertrag, die Option auf weitere fünf Jahre löste sie aber auch ihres Alters wegen nicht ein. Stattdessen verlängerte sie ihn jeweils halbjährlich – ein Umstand, über den sie insbesondere in den unsicheren Covid-Zeiten dankbar war.

«Es ist doch einfach schade, dass ein so schön ausgebautes Haus mit einer weitherum geschätzten bürgerlichen Küche weichen muss. »
«Puurehuus»-Pächterin Sylvia Näf

Während der Pandemie gab sie schliesslich zehn ihrer 18 Hotelzimmer ab. Die Eigentümerschaft konnten diese weitervermieten, was im Gegenzug Näfs Miete reduzierte. Inzwischen, so sagt sie, habe das Geschäft wieder angezogen.

Einzig hätten sich ganz branchentypisch die Probleme verschoben: Der Fachkräftemangel lässt grüssen. Deshalb habe der Betrieb, der vorher immer sieben Tage die Woche offen hatte, seit dem zweiten Lockdown jeweils montags geschlossen.

Glücksfall Näf

Sylvia Näf weiss, dass ihr die Hände gebunden sind. Sie will der Eigentümerschaft auch keine Vorwürfe machen. Es sind vor allem Sentimentalitäten, die sie umtreiben: «Es ist doch einfach schade, dass ein so schön ausgebautes Haus mit einer weitherum geschätzten bürgerlichen Küche weichen muss. Das höre ich auch von meinen Kundinnen und Kunden.»

«Natürlich verspüre ich Wehmut», sagt denn auch Werner Egli. Der ehemalige Ustermer Stadtpräsident ist zwar seit geraumer Zeit nicht mehr im «Puurehuus» anzutreffen. Er wohnt inzwischen im bündnerischen Obersaxen.

Doch als ehemaliger Mitbesitzer und Stammgast fühlt er sich dem Lokal immer noch verbunden.

Wo heute noch gepflegt gespiesen wird, soll bald gewohnt werden.

Noch vor sechs Jahren hatte er sich als Teil der vierfköpfigen «Einfachen Gesellschaft Puurehuus» erleichtert gezeigt, als man nach dem Abgang des langjährigen Pächters Sylvia Näf als Nachfolgerin gewinnen konnte. «Als Vollblutgastronomin, die eine neue Kundschaft aus der Region anziehen konnte, war sie für uns ein echter Glücksfall», blickt er zurück.

«Überraschend kommt das nicht»

Gleichzeitig sei die Ausgangslage nicht einfach gewesen, das habe schon der vorangegangene Pächter gespürt. Insbesondere die Kundschaft aus dem Dorf selbst sei überschaubar gewesen. «Wenn ich heute aus Wermatswil Stimmen vernehme, die traurig sind, dass auch das letzte Restaurant aus dem Dorf verschwindet, dann frage ich zurück: ‹Und wieso seid ihr vorher nicht gekommen?›»

2018 verkauften schliesslich die Gesellschaftsmitglieder ihre Anteile an den Gesellschafter Rolf Fuchs, dessen AG nun das Bauvorhaben in die Wege geleitet hat. Diese möchte sich zur Angelegenheit keine Stellung nehmen. Werner Egli bilanziert indessen nüchtern: «Überraschend kommt das nicht.»

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