Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Politik

«Ein generelles Verbot von Atomkraft ist falsch»

Kantonsrat Benjamin Walder (Grüne) hat als Maturaarbeit die Wetziker Fernwärmeinitiative ausgearbeitet. In der Energie-Politik will er sich jetzt für eine faire wissenschaftliche Ausgangslage einsetzen.

Er ist mitverantwortlich, dass Wetzikon bald mit Kezo-Fernwärme beheizt werden könnte: Grüne-Kantonsrat Benjamin Walder., Im Herbst 2020 wurde ein Gegenvorschlag zur «Fernwärme-Initiative» deutlich angenommen. Walder in der Mitte.

Foto: PD

«Ein generelles Verbot von Atomkraft ist falsch»

Im Rahmen Ihrer Maturaarbeit haben Sie die «Fernwärme-Initiative» ausgearbeitet. Jetzt hat die Stadt Wetzikon einen Umsetzungsvorschlag für das Projekt präsentiert. Sind Sie damit zufrieden?
Benjamin Walder: Ja, das bin ich mehrheitlich. Interessant finde ich, dass wir damals unsere Initiative zugunsten des Gegenvorschlages zurückgezogen haben. Doch jetzt entspricht der Zeitplan trotzdem jenem unserer Initiative. Der Stadtrat hat innert zweier Jahre ein Projekt ausgearbeitet. Das ist sicher der aktuellen Lage am Energiemarkt zu verdanken. Auch wir hatten bereits mit der Abhängigkeit vom Ausland bei Erdöl und Gas argumentiert. Aber sie war und ist nicht mein Hauptargument, die Fernwärme der Kezo zu nutzen.

Sondern?
Die Verschwendung von Energie. So viel verpufft im wahrsten Sinne des Wortes, anstatt dass wir sie nutzen. Ich wollte etwas auf die Beine stellen, das nicht einfach wie viele andere Schularbeiten wieder in der Schublade verschwindet. Und jetzt zeigt sich, dass die Fernwärme nicht nur für Wetzikon, sondern auch für weitere Gemeinden reicht.

«Fernwärme-Initiative»

Im November 2020 haben die Wetziker Stimmbürger den Gegenvorschlag einer Fachkommission zur «Fernwärme-Initiative» mit knapp 86 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Ihren Ursprung hat die Vorlage in der Maturaarbeit vom heutigen Kantonsrat Benjamin Walder (Grüne). Diese mündete in der Initiative, die 2018 eingereicht wurde. Anfang Oktober hat der Stadtrat seinen Umsetzungsvorschlag präsentiert. Der Rahmenkredit, welchen er dem Parlament beantragt, beträgt 80 Millionen Franken. Gleichzeitig arbeitet Wetzikon mit sechs weiteren Gemeinden Uster. Pfäffikon, Hinwil, Rüti, Dürnten und Bubikon zusammen, die ebenfalls Fernwärme der Kezo nutzen wollen. (bes)

Die Fernwärme der Kezo zu nutzen, heisst aber auch, dass in Zukunft weiterhin Abfall verbrannt wird. Sollten Sie als Grüner nicht die Reduzierung des Abfalls befürworten?
Das tue ich auch. Erst kürzlich wurde der Gegenvorschlag zur Kreislauf-Initiative im Kanton Zürich angenommen. Wir brauchen eine ressourcenschonende Wirtschaft. Doch Studien belegen, dass die Abfallmenge bis zirka 2050 gleich bleiben wird, da die Bevölkerung weiterhin wächst. Und wenn wir schon Abfall produzieren und verbrennen, sollen wir die entstehende Wärme auch nutzen. Beim Neubau der Kezo wird ohnehin weniger Abfall verbrannt, nämlich nur noch 120’000 statt 190’000 Tonnen pro Jahr. Die Energie kann aber trotzdem effizienter genutzt werden.

Das Spannungsfeld zwischen Umweltschutz und Energiegewinnung gibt es nicht nur bei Fernwärme durch Abfallverbrennung. Der Regierungsrat plant diverse Windparks im Kanton. Auch da gibt es Bedenken von Umweltschützern. Können Sie ohne schlechtes Gewissen diesen Vorschlag unterstützen?
Energie versus Biodiversität bedarf immer einer Güterabwägung. Mit dem Thema habe ich mich aber noch nicht im Detail befasst. Bisher habe ich nur die Medienkonferenz des Regierungsrats geschaut. Es wäre ohnehin zu früh für eine abschliessende Einschätzung. Man muss den Prozess einmal laufen lassen.

Kanton checkt Standorte für Windräder im Oberland

07.10.2022

Windenergie-Offensive

Der Wind soll bis im Jahr 2050 sieben Prozent des Zürcher Stroms liefern. Beitrag in Merkliste speichern Hier weichen Sie der Frage aber aus. Können wir in Zukunft überhaupt genügend Energie, die nachhaltig und umweltschonend ist, produzieren?
Auf lange Sicht wird man nicht um die Suffizienz-Frage herumkommen. Wir müssen unseren Energieverbrauch möglichst gering halten. Aber aktuell denken wir gar nicht so weit in die Zukunft, sondern vor allem an die nächsten zwei Winter. Und da bin ich sogar der Meinung, dass es kurzfristig sinnvoller ist, etwas mehr CO₂ auszustossen, als langfristige Entscheide rückgängig zu machen.

Konkret heisst das?
Kurzfristig einen Dieselgenerator einzusetzen, um einen akuten Mangel zu überbrücken, ist sinnvoller, als langfristige Pläne über den Haufen zu werfen, beispielsweise bei Kohle- und Atomkraftwerken. Entscheide in der Energiepolitik soll man nicht abhängig machen von der aktuellen Energiekrise, weil man Angst vor dem Winter hat. Diese Entscheidungen haben eine längerfristige Tragweite als nur einen Winter oder zwei.

Sie sprechen Atomkraft an. Es werden wieder vermehrt Stimmen laut, die neue Atomkraftwerke als umweltfreundliche Lösung fordern. So etwa die Grünen in Finnland. Brauchen wir Atomenergie, um die Energiekrise zu meistern?
Es ist utopisch zu glauben, dass ein neues Atomkraftwerk so schnell gebaut wäre, dass es uns durch den aktuellen Winter helfen kann. Aber ich bin grundsätzlich gegen Technologieverbote. Energie aus atomaren Quellen a priori in Zukunft auszuschliessen, finde ich falsch. Die Forschung muss weitergehen können.

Sie wollen also neue Atomkraftwerke?
Nicht direkt. Aber ich bin für eine faire wissenschaftliche Ausgangslage. Es soll sich die beste Technologie durchsetzen. Wenn es beispielsweise Innovationen im Bereich der Kernfusion gibt, dann sollen wir diese auch nutzen können. Natürlich nur, wenn die Sicherheit gewährleistet werden kann. Ein generelles Verbot von Atomkraft ist deshalb falsch, das sollte rückgängig gemacht werden.

Ecken Sie mit dieser Meinung in Ihrer Partei nicht an?
Klar tue ich das, das gehört dazu. Diese Debatten soll man führen. Innerhalb der Jungen Grünen gibt es sicherlich zwei Flügel, den aktivistischen und den parlamentarischen. Das bereichert die Partei. Es braucht beides. Ich bin ganz klar der Parlamentarier, dort will ich Akzente setzen. Aber wenn die Klimabewegung 2019 nicht so stark gewesen wäre, hätte die Fernwärme-Initiative wohl kaum so breite Unterstützung genossen.

Ihren Platz im Wetziker Parlament haben Sie aber in der Zwischenzeit geräumt. Dort entscheiden jetzt andere über die Umsetzung der Initiative.
Ich werde sicherlich genau hinschauen, was jetzt entschieden wird. Damit der Wärmeverbund finanziell stabil ist, müssen mindestens 70 Prozent der Haushalte angeschlossen werden. Zonen, in denen der Anschluss Pflicht ist, sieht der Vorschlag des Stadtrates aber nicht vor. Solche müsste man meiner Meinung nach im Parlament noch prüfen.

Sie wollen also die Menschen zu ihrem Glück zwingen und ihnen vorschreiben, wie sie ihre Wärme beziehen?
So würde ich das nicht sagen. Aber damit der Wärmeverbund finanziell tragbar ist, muss man diese Anschlussdichte erreichen. Kann man sie nicht sicherstellen, wird das Projekt viel teurer.

Zur Person: Benjamin Walder (24) sitzt seit Dezember 2019 für die Grünen im Kantonsrat. Er ist angehender Arzt und wohnt in Wetzikon. 

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns