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Flüchtlinge stellten Gehörlosendorf vor neue Herausforderungen

Das Institution in Turbenthal hat kurzzeitig 14 Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen. Doch hier bleiben können sie nicht.

14 Gehörlose aus der Ukraine haben im Gehörlosendorf in Turbenthal gewohnt – aber nur vorübergehend., Gesamtleiter Marc Basler findet, die Organisation habe die Situation gut gemeistert.

Foto: PD

Flüchtlinge stellten Gehörlosendorf vor neue Herausforderungen

Als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg flüchteten viele Ukrainerinnen und Ukrainer nach Westeuropa. So auch ins Tösstal. Darunter waren auch einige gehörlose Geflüchtete, die nach Turbenthal kamen.

Turbenthal war neben der Stadt Zürich die einzige Gemeinde im Kanton, die gehörlose Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen hat. «Die Vermutung liegt nahe, dass das mit dem Gehörlosendorf zu tun hat», sagt dessen Gesamtleiter Marc Basler.

Die Institution wurde Ende März angefragt, ob sie 14 Personen aufnehmen könne, darunter zwei Familien mit gehörlosen Eltern und hörenden Kindern. «Das war zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise möglich, da gerade einige Zimmer frei waren», erzählt Basler.

«Zusätzliche Ressourcen für eine Betreuung der Flüchtlinge standen auch nicht zur Verfügung.»
Marc Basler, Gesamtleiter Gehörlosendorf Turbenthal

Er ist zwar erst seit Mai Gesamtleiter der Institution. Trotzdem hat er im Nachhinein viel über diese Situation erfahren. «Es war kein einfacher Start», betont er. «Aber alle in der Institution haben ihr Bestes gegeben und beispielsweise Kleider von Personal gesammelt.»

Keine Unterstützung der IV

Am Alltag im Gehörlosendorf teilnehmen konnten die Geflüchteten nur bedingt. Die Institution ist ein Lebens-, Arbeits- und Sozialraum für Menschen mit einer Hörbehinderung und weiteren Beeinträchtigungen.

«Wer hier wohnt oder arbeitet, wird von der Invalidenversicherung unterstützt, unser Leistungsauftrag gilt diesen Personen. Zusätzliche Ressourcen für eine Betreuung der Flüchtlinge standen deshalb auch nicht zur Verfügung», erklärt Basler.

Eigentlich war das Gehörlosendorf somit nur für die Unterbringung der Geflüchteten zuständig. «Aber es erklärt sich von selbst, dass wir auch einen grossen Betreuungsaufwand hatten und diesen dank grossem zusätzlichem Engagement unseres Personals stemmen konnten», sagt Basler.

Kam beispielsweise ein Brief von der Gemeinde, selbst wenn er auf Ukrainisch übersetzt war, suchten die Geflüchteten oftmals Hilfe bei der Institution. Und die Schule rief ebenfalls im Dorf an, wenn ein Kind nicht zum Unterricht erschien oder es Klärungsbedarf gab.

Schneller Austausch

An den Tagesstrukturen im Dorf konnten die Ukrainerinnen und Ukrainer aber nur in geringem Masse teilnehmen. «Ohne Arbeitsbewilligung ist beispielsweise nur ein Freiwilligeneinsatz von sechs Stunden pro Woche möglich und offene Stellen für eine feste Beschäftigung gab es nicht», erläutert der Gesamtleiter.

«Es war schön zu sehen, wie sich die Ukrainerinnen und Ukrainer mit der Zeit mit unseren Bewohnenden verständigen konnten.»
Marc Basler

Bei den Flüchtlingen aus der Ukraine stand aber etwas anderes im Vordergrund: «Es ging vor allem darum, dass sie eine Unterbringung haben.» Diese, das gibt Basler zu, ist im Gehörlosendorf nicht optimal.

Für die Mahlzeiten mussten die Geflüchteten wie alle anderen Bewohner ins Dorfrestaurant. So nennt sich die Kantine des Gehörlosendorfs. Eine eigene Küche hatten sie in ihren Zimmern nicht.

«Es war aber schön zu sehen, wie sich die Ukrainerinnen und Ukrainer mit der Zeit mit unseren Bewohnenden verständigen konnten», sagt Basler. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn die Schweizer Gebärdensprache und die ukrainische sind zwei verschiedene Sprachen mit anderen Gebärden.

Zwei Übersetzer

Man habe probiert, so gut wie möglich zu helfen, betont der Gesamtleiter. Das bedeutete teilweise auch, dass zwei Übersetzer ins Gehörlosendorf kommen mussten. «Der eine übersetzte von ukrainischer Gebärdensprache in die internationale, der zweite von der internationalen in die schweizerische.»

Informationen für gehörlose Ukrainerinnen und Ukrainer – in internationaler Gebärdensprache. Quelle: BFSUG

Es war aber von Anfang an klar, dass die Geflüchteten nicht auf Dauer im Gehörlosendorf bleiben können. «Hier ist auch nicht der richtige Platz für sie, sie brauchen einen Ort, wo sie selbstständig wohnen können», betont Basler.

Die beiden Familien und zwei weitere Personen haben bereits Ende Juli je eine eigene Wohnung beziehen können, die verbleibenden fünf Bewohner aus der Ukraine werden Ende September ausziehen. Das Gehörlosendorf braucht den Wohnplatz wieder für seine Klientel.

Viel gelernt

Die Betreuung der Geflüchteten obliegt nun der Gemeinde. Ausserdem bietet auch die Beratungsstelle für Schwerhörige und Gehörlose in Zürich Unterstützung.

Mit der vorläufigen Aufnahme der Flüchtlinge habe das Gehörlosendorf einen wichtigen sozialen Auftrag erfüllt, meint der Gesamtleiter. «Zu Beginn war beispielsweise nicht klar, wie die Finanzierung läuft. Und diese wird auch nicht kostendeckend ausfallen.»

Die Institution musste zuerst bei der Gemeinde nachfragen. Einen Vorwurf will Basler aber niemandem machen. «Es war für alle Beteiligten eine herausfordernde Situation, und im Vordergrund stand, den Menschen zu helfen.»

Er freut sich, wie das Gehörlosendorf diese Herausforderung gemeistert hat: «Wir haben sehr viel gelernt in den letzten Monaten.»

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