Luxus-Konzern geht – Volketswil verliert besten Steuerzahler
«Es schmerzt uns natürlich sehr», sagt Gemeindepräsident und Finanzvorstand Jean-Philippe Pinto (Die Mitte). Er spricht vom Wegzug des «mit Abstand» grössten Steuerzahlers in Volketswil. Pinto hatte den Abgang bereits an mehreren Gemeindeversammlungen angekündigt, doch der Name durfte damals noch nicht genannt werden.
Unsere Recherche zeigt nun, dass es sich um die Luxuspflegemarke La Prairie handelt. Die Firma bestätigt den Umzug auf Anfrage.
Das Unternehmen zieht nach Zürich Seefeld, wo der Steuerfuss für Unternehmen 17 Prozent höher ist als in Volketswil. Die multinationale Firma entschied sich für den Schritt aus «unternehmenspolitischen Gründen». Der Umzug ist auf 2023/24 geplant. Weitere Fragen wollte ein Pressesprecher nicht beantworten.
Fünf Millionen Franken weniger
Für die Gemeinde Volketswil ist dies ein herber Schlag, steuert die Gruppe doch 50 Prozent aller Steuereinnahmen von juristischen Personen bei. Hierbei handelt es sich um einen jährlichen Betrag von rund fünf Millionen Franken.
Das sind rund sieben Prozent der gesamten jährlichen Steuererträge in Volketswil. Um diesen Ausfall auszugleichen, müsste der Steuerfuss der Schulgemeinde um rund vier Prozent und jener der Politischen Gemeinde um rund drei Prozentpunkte erhöht werden.
Mangelhafte Infrastruktur im Industriequartier
Dass La Prairie wegzieht, kommt für Pinto wenig überraschend. Der Gemeinderat wusste davon schon länger und habe daher den Fokus auf die Positionierung der Gemeinde, unter anderem die Ortsplanung und Standortförderung, gelegt. Man habe auch konkrete Massnahmen getroffen, wie der Beitritt zur Flughafenregion Zürich. Unabhängig davon wäre es aber nicht möglich gewesen, La Prairie in der Gemeinde zu halten, da sich diese an ein urbanes und internationales Publikum wendet.
Aus diesem Grund will der Gemeinderat die Standortförderung aktiv angehen, unter anderem mit einem externen Standortförderer. Das Volk wird im Dezember über einen jährlich wiederkehrenden Kredit von 250’000 Franken abstimmen. Pinto sieht den grössten Handlungsbedarf im Industriequartier.
«Wer nach der Arbeit eine Bar für das Feierabendbier sucht, wird nicht fündig.»
Jean-Philippe Pinto (Die Mitte), Gemeindepräsident
Die leerstehenden oder zwischengenutzten Gebäude vor allem an der Industriestrasse sind ihm ein Dorn im Auge. «An dieser guten Lage müssen wir zahlende Firmen anziehen.» In Zukunft wolle man sich unter anderem stärker an der Entwicklung des Innovationsparks am Flugplatz Dübendorf orientieren, konkret an Unternehmen in den Bereichen Luft- und Raumfahrt, Robotik, Mobilität und Produktionstechnologien.
Aus Platzgründen könnten nicht alle interessierten Firmen im Innovationspark beheimatet werden, sie müssten auf die Region ausweichen.
Doch dafür müsse auch die Infrastruktur stimmen. Diese sei im Industriequartier mangelhaft oder veraltet. «Wer nach der Arbeit eine Bar für das Feierabendbier sucht, wird nicht fündig.» Auch ein Restaurant, das nicht Teil einer Fastfood-Kette ist, gibt es nicht. Das Klientel sowie die Angestellten von Firmen wie La Prairie würden solche Angebote brauchen.
Im Industriequartier befinden sich zudem grosse Verkaufszentren, die für die Gemeinde finanziell wenig interessant seien. «Shoppingcenter bringen wenig Steuern ein und benötigen durch das grosse Kundenaufkommen viel Infrastruktur und Platz.»
Wohnraum schaffen um Steuerzahler anzulocken
Generell stellt der Gemeindepräsident einen Rückgang des Anteils von Unternehmen am gesamten Steueraufkommen fest. Für Pinto kein Grund zur Panik. Der Mix müsse jedoch in der Zukunft wieder besser werden. Gut 80 Prozent – nach dem Weggang von La Prairie fast 90 Prozent – der Steuereinnahmen werden von natürlichen Personen, also Privatpersonen, bezahlt.
Für die Zukunft will der Gemeinderat daher auch Volketswil als Wohnort attraktiver machen. Daher würden die Ortsplanung und das Gesamtverkehrskonzept «mit Hochdruck» vorangetrieben. Auch sei es wichtig, dass die Gemeinde eine ganzheitliche Standortförderung anstrebe. «Wir müssen hochwertigen Wohnraum schaffen, damit auch bessere Steuerzahler nach Volketswil kommen.» Dafür müssen auch gewisse Gebiete um- und aufgezont werden können.
Keine Steuererhöhung aktuell
Auf die Frage, ob den Volketswilerinnen und Volketswilern eine saftige Steuererhöhung drohe, sagt Pinto: «Aktuell zum Glück nicht.»
Den Ausfall von fünf Millionen Steuerfranken kompensiere die Gemeinde vorläufig über den Finanzausgleich und die Grundstückgewinnsteuern, sagt Pinto. «Unser Ziel ist es aber, möglichst die Steuerkraft zu erhöhen und den Finanzausgleich verringern zu können.»