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Ein Gossauer und ein Tösstaler können Putin verstehen

Jason Banyer ist 22 Jahre alt und wohnt in Gossau, der 21-jährige Roman Stocker kommt aus dem Tösstal. Sie beide haben Verständnis für die russische Seite in Putins Angriffskrieg. Neue Umfragedaten zeigen: Mit dieser Meinung sind sie unter den Jungen nicht allein.

Foto: Tamedia

Ein Gossauer und ein Tösstaler können Putin verstehen

IT-Applikationsentwickler Jason Banyer

Jason Banyer ist 22 Jahre alt, wohnt in Gossau und macht eine Lehre als IT-Applikationsentwickler. Und er ist wohl das, was viele als «Putin-Versteher» bezeichnen würden.

Zum Gespräch erscheint Banyer in Anzug und Krawatte. Es ist eine der Uniformen der «Büezer und KMU»-Partei, die er mit Gleichgesinnten gegründet hat und mit der er bei den letzten Wahlen in seiner Wohngemeinde antrat. Banyer, der sich als «traditionell links» bezeichnet, stellt klar: Er verurteile den Krieg und sei solidarisch mit den Flüchtlingen.

Doch Banyer sagt auch: Dass die Separatistengebiete Donezk und Luhansk als souveräne Staaten anerkannt werden, lehnt er nicht grundsätzlich ab, es ist für ihn «in der Grauzone». Die Nato bezeichnet er als «imperial» und den Interessen der USA dienend. Das Militärbündnis habe Russland mit seiner ständigen Expansion «provoziert». Es hätte nach dem Zerfall der Sowjetunion aufgelöst werden müssen. Insofern könne er Russlands Reaktion «verstehen, wenn auch nicht gutheissen».

«Putin ist ein Patriot, das gefällt mir»

Ganz ähnlich denkt Roman Stocker. Er ist 21 Jahre alt, wohnt im Tösstal, ist Bäcker-Konditor und erwirbt derzeit das Handelsdiplom. Stocker ist im Vorstand der SVP Fischenthal.

Roman Stocker

Das Gespräch mit ihm findet wegen Corona virtuell statt. Zum russischen Präsidenten Wladimir Putin sagt er: «Putin ist ein Patriot. Und das gefällt mir.» Die Meinung über ihn habe er trotz des Kriegs nicht revidiert. Stocker sagt zudem: «Ich verurteile den Krieg, das ist nie eine Lösung.» Die Schuld liege aber nicht nur bei den Russen. «Beide, die Nato und Russland, sind schuld.»

Banyers und Stockers Ansichten sind bei jungen Menschen in der Schweiz nicht selten. Neue Auswertungen der repräsentativen Tamedia-Umfrage von Ende März zeigen nämlich, dass nahezu jeder Dritte in der Alterskategorie der 18- bis 34-Jährigen den Krieg zwar verurteilt, trotzdem aber «Verständnis für die Motive Putins hat». Mit zunehmendem Alter sinkt dieses Verständnis. 

Viele Putin-Versteher bei den Jungen

Nach Altersgruppen, in Prozent

Eine Grafik zur Umfrage

Bislang nicht publizierte Auswertungen einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Link von Ende März zeugen ebenfalls von diesem Generationen­graben in der Schweiz. Bei der Frage, wer für den Krieg zwischen Russland und der Ukraine verantwortlich ist, geben fast 80 Prozent der 60- bis 79-Jährigen an, Russland sei «vollständig verantwortlich» oder zumindest «eher verantwortlich» als die Nato. Bei den 15- bis 29-Jährigen sind diese Werte viel tiefer. 

Die Älteren sehen die Schuld eher bei Russland

Nach Altersgruppen, in Prozent

Eine Grafik zur Umfrage

Das Phänomen, wonach junge Leute tendenziell mehr Verständnis für die russische Seite haben, ist auch in anderen Ländern zu sehen. Gemäss einer  Umfrage von «The Economist»  gaben im März in den USA 92 Prozent aller über 64-Jährigen an, dass sie mehr mit der Ukraine sympathisieren würden als mit Russland. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen beträgt dieser Wert nur rund 56 Prozent. Umfragen in Frankreich und Grossbritannien kommen zu vergleichbaren Ergebnissen.

Der Zürcher Politologe Michael Hermann sieht den Grund vor allem im Konsum der sozialen Medien. Ältere Leute nutzten primär klassische Medien wie Fernsehen oder Zeitungen – und da werde der Krieg klar verurteilt, sagt Hermann. «Jugendliche hingegen informieren sich vor allem in den sozialen Medien. So sind sie vielen unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt – eben auch den Lügen der gut funktionierenden russischen Propaganda.»

«Soziale Medien können eine extreme Gefahr für die freie Meinungs­bildung sein.»
Sabine Frenzel, Leiterin der Sozialforschung bei Link

Sabine Frenzel hat die Link-Umfrage geleitet. Sie sagt, der Einfluss der sozialen Medien manifestiere sich nicht nur im Westen bei den Jungen, sondern auch in Russland – einfach in die andere Richtung. Das zeige allein schon der Umstand, dass Russland grosse Plattformen wie Facebook und Twitter verbannt oder zumindest stark eingeschränkt habe.

Für Frenzel können die sozialen Medien eine «extreme Gefahr für die freie Meinungsbildung und damit die Demokratie» sein, zumindest solange nicht klar sei, wie verlässlich Informationen auf diesen Plattformen seien, und kaum jemand verstehe, wie Algorithmen bestimmen würden, wer welche Informationen bekomme.

Konsum von Medien mit russischer Propaganda

Der angehende IT-Applikationsentwickler Banyer hat mehrere Instagram-Accounts, er nutzt zudem Tiktok, Twitter, Facebook und Youtube. Selbst bei den in der EU blockierten russischen Propagandasendern RT DE (früher Russia Today) und Sputnik informiert er sich. Bei Medien also, die nachweislich Falschinformationen verbreiten.

Auch Schweizer Medien wie Tamedia und SRF gehören zu Banyers Quellen. Allerdings ist er nicht immer erfreut darüber. SRF bezeichnet er spöttisch als «US-RF», «weil die immer aus der Perspektive der USA und der Nato berichten».

Bei Stocker ist die Liste an Social-Media-Accounts ähnlich lang. Auch beim russischen RT DE hat er sich bis vor dem Krieg hin und wieder informiert. «Meine Grosseltern schauen jeden Tag die ‹Tagesschau›. Und sie sind pro Ukraine.» Er informiere sich halt aus anderen Quellen – und habe darum eine etwas andere Meinung.

Typisch ist auch, dass beide jungen Männer die Sanktionen kritisch beurteilen. Stocker findet, wegen der Sanktionen gegen Russland werde die Neutralität der Schweiz untergraben. «Wir können jetzt nicht mehr Vermittler sein.»

Und Banyer lehnt die Sanktionen sogar komplett ab, «weil sie immer nur das Volk treffen und nie die Regierung. Und weil ich für eine konsequente Neutralität stehe.»

Die Älteren sind weniger wankelmütig als die Jungen

Aus der Link-Umfrage geht hervor, dass die älteren Befragten den Sanktionen tendenziell positiver gegenüberstehen als die jüngeren. Und bei einer weiteren Verschärfung der Sanktionen würden die älteren Generationen dies eher befürworten als die jüngeren.

Allerdings dürften die sozialen Medien allein die Diskrepanz zwischen den Altersgruppen nicht vollständig erklären. Dass vor allem die ältesten Generationen ein anderes Bild von Putins Krieg haben, hängt auch damit zusammen, dass diese Menschen die Sowjetunion und deren Gewaltakte noch miterlebt haben – etwa in den 1950er-Jahren die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands.

Und zudem sind ältere Menschen gemäss Hermann grundsätzlich besser informiert – und daher in ihrem Urteil weniger wankelmütig. In fast allen Umfragen zum Russland-Krieg ist der Anteil der «Weiss nicht»-Antworten bei den Jungen hoch. Ein Indiz für ihre Unentschlossenheit.

«Staatsskepsis macht die jungen Leute empfänglich für andere Meinungen.»
Michael Hermann, Politologe

Und letztlich könnte auch die Corona-Pandemie einen Teil der Unterschiede erklären. Wie Politologe Hermann sagt, haben jüngere Leute die Massnahmen während der Gesundheitskrise als besonders einschränkend für ihr Leben empfunden – mehr jedenfalls als ältere Leute. «Daraus entwickelte sich eine gewisse Staatsskepsis», sagt Hermann. Und diese Skepsis wiederum mache die jungen Leute empfänglich für andere Meinungen. «Sie zweifeln deshalb verstärkt am gängigen Narrativ des Kriegs und glauben der russischen Propaganda.»

Wie gehen Junge mit russischen Lügen um?

Sind die jungen Männer also bloss Opfer der russischen Desinformation? Einer Desinformation, die immer wieder groteske Züge annimmt: Nach der Befreiung des Kiewer Vororts Butscha durch das ukrainische Militär gab es Berichte von Augenzeugen, Satellitenbilder und Videos, welche  die Gräueltaten der russischen Soldaten dort belegten.  Der Kreml versuchte trotzdem, alles anzuzweifeln und Verwirrung zu stiften, indem das Regime unbelegte Behauptungen und Verschwörungslegenden verbreitete.

SVP-Jungpolitiker Roman Stocker sagt dazu: Wenn er sich informiere, picke er nur das heraus, was er wichtig finde. Vieles gehe ihm zu weit. «Es ist sehr wichtig, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und zwar gerade dann, wenn alle Medien einer Meinung sind wie jetzt im Krieg in der Ukraine.»

Und Jason Banyer sagt: Ob er russischer Desinformation verfalle, könne er nicht sagen. «Man weiss nur, was dort wirklich läuft, wenn man selber vor Ort ist.» Jedenfalls sei er auch schon fälschlicherweise als «Putin-Freund» bezeichnet worden. «Aber das zeigt doch nur, wie schwarz-weiss die Leute denken, die so etwas sagen.» Er bringt das Beispiel einer Brille, «das eine Glas ist die westliche Sicht, das andere die östliche. Und man braucht beide, um den Konflikt zu verstehen.»

(Dominik Balmer)

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