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Getränk soll die Menstruation im Alltag sichtbarer machen

Mit ihrem neuen Startup «Rouge» will die Dübendorferin Tina Frey nicht nur menstruierende Körper mit spezifischen Nährstoffen versorgen, sondern auch Aufklärungsarbeit leisten und anhaltende Tabus rund um die Periode beseitigen.

Mit dem «Rouge-Drink» will ein neues Startup in Dübendorf ein Zeichen setzen für einen offenen Umgang mit der Menstruation.

Foto: PD

Getränk soll die Menstruation im Alltag sichtbarer machen

Die Menstruation ist in unserer Gesellschaft – auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird – nach wie vor ein Tabuthema, findet Tina Frey. Diesen Umstand möchte die Dübendorferin ändern und hat dazu das Startup-Unternehmen «Rouge» gegründet.

Seit Dezember vertreiben sie und ihr mittlerweile rund fünfköpfiges Team nun ein spezielles Getränkepulver in einer charakteristischen Glasflasche. Der «Rouge-Drink» soll Frauen während ihrer Menstruation mit essentiellen Nährstoffen ausstatten und gleichzeitig das Thema Periode in unserer Gesellschaft enttabuisieren.

Startup-Gründerin Tina Frey

Frau Frey, vor rund einem Jahr ernteten zwei Männer, die bei der Fernsehshow «Die Höhle der Löwen» ein neues Periodenprodukt lancieren wollten, einen heftigen Shitstorm. Die sogenannten «Pinky Gloves» – pinke Einmal-Handschuhe, mit denen Menstruierende Damenhygieneartikel «hygienisch» und «diskret» entsorgen können – kamen in der Gesellschaft gar nicht gut an. Begaben Sie sich mit Ihrem neuen «Rouge-Drink» auf ähnlich riskantes Terrain?
Tina Frey : Tatsächlich hatten wir zu Beginn etwas Bedenken, dass es Widerstand geben könnte. Wir hofften wirklich, dass unsere Botschaft richtig verstanden wird. So waren wir ziemlich überrascht, auf wie viel Zuspruch und Interesse wir bisher gestossen sind. In den ersten Monaten wurden bereits weit über 1000 Probiermuster bestellt.

Was machen Sie anders als die Erfinder der «Pinky Gloves»?
Ich denke, bei den «Pinky Gloves» wurde auf ungeschickte Weise ein völlig verkehrter Ansatz verfolgt: Es ging wieder primär darum, die Periode zu verstecken und zu vertuschen. Implizit wird sie so als unhygienisch und unerwünscht abgetan und bleibt mit einer gewissen Scham behaftet. Bei «Rouge» wollen wir genau das Gegenteil bewirken: Wir wollen die Menstruation in ein positives Licht rücken und zeigen, dass sie ein total natürliches und normales Anzeichen eines gesunden Körpers ist.

Der « Rouge-Drink » hat eine hellrötliche Färbung und kommt in einer Glasflasche mit Blumen- und anderen Motiven daher. Periodenblut dagegen kann verschiedenste Farben und Konsistenzen annehmen und ist nicht selten von unterschiedlich starken Schmerzen begleitet. Verzerrt das ansprechende Produktdesign nicht auch gewissermassen die Realität?
So ausgelegt ist dieser Punkt nachvollziehbar. Ich ärgere mich zum Beispiel auch darüber, dass viele Marken ihre Periodenprodukte in der Werbung mit blauer Flüssigkeit übergiessen – Periodenblut ist schliesslich nicht blau. Wir haben bei «Rouge» sehr lange und mit vielen Frauen über die Farbe des Getränks und das Design der Flasche diskutiert. So haben wir beispielsweise Farben von hellrosa bis dunkelrot ausprobiert, bevor wir uns für einen Hellrotton entschieden haben. Die Flasche haben wir so gestaltet, dass sie ästhetisch und nicht zu stereotypisch aussieht und dennoch einen Wiedererkennungswert hat.

Es geht also nicht um kämpferische Provokation.
Genau. Der «Rouge-Drink» hat keinesfalls den Anspruch, echtes Periodenblut darzustellen und wir betreiben keinen lauten und aggressiven Aktivismus. Es gibt bereits einige Künstlerinnen, die mit aufsehenerregenden Aktionen auf das Thema sensibilisieren – und solche braucht es wohl auch, bis die Periode eines Tages vollständig normalisiert ist. Mit «Rouge» verfolgen wir eine andere Strategie: Wir wollen niemanden abschrecken, sondern die Menstruation auf unaufdringliche Weise sichtbar machen. Das Ziel ist, dass das Design irgendwann erkannt wird und ein unterstützender Zusammenhalt zwischen Menschen entsteht. Dabei soll die Periode weder stigmatisiert noch beschönigt, sondern ganz einfach als Erscheinung der alltäglichen Realität präsentiert werden. So wie sie eben ist.

Ist die Gesellschaft in der Schweiz heute nicht bereits sehr offen dem Thema gegenüber?
Klar hat es in der westlichen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten diesbezüglich massive Fortschritte gegeben: Das Thema Menstruation ist in der Politik angekommen, einige Schulen stellen bereits gratis Periodenprodukte zur Verfügung und es wird auch privat viel mehr darüber gesprochen.

Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?
Alle sagen von sich, sie seien modern und offen, und doch gehen die meisten Menstruierenden in der Öffentlichkeit mit Periodenprodukten um wie mit illegaler Schmuggelware oder würden am liebsten im Erdboden versinken, wenn mal etwas ausläuft. Heutzutage erscheint es mir so, dass die Periode zwar okay ist, aber nur, solange man sie nicht sieht. Das ist doch eigentlich völlig absurd, wie ich finde.

Und aus diesem Gedanken heraus ist dann die Idee zum eigenen Startup aufgekommen?
Ja, je mehr ich mit meinen Kolleginnen über die Schein-Offenheit diskutiert habe, desto mehr wollte ich irgendwie dazu beitragen, dass dieses schräge Tabu endlich aus dem Weg geräumt wird. Auch ist mir bei den Gesprächen aufgefallen, wie schlecht viele Menschen – ich selber inklusive – eigentlich über den weiblichen Zyklus Bescheid wissen. Mit «Rouge» war die Idee geboren, eine Bewegung in Gang zu setzen, die mit Stigmata aufräumt, normalisiert und aufklärt.

Wieso ausgerechnet ein Getränk als Enttabuisierung-Medium?
Wir stellten fest, dass wir im Alltag täglich irgendwelchen funktionalen Getränken für jeden erdenklichen, körperlichen Zustand begegnen: Isotonische Drinks für Leistungssportler, Brausetabletten gegen Erschöpfung und vieles mehr. Nur für Menschen, die ihre Tage haben, fanden wir keine spezifisch darauf ausgerichteten Getränke. Hierfür gibt es lediglich ein paar Tees gegen «Frauenbeschwerden», die für mich irgendwie langweilig wirken und einen bemitleidenswerten Eindruck vermitteln. So entschieden wir uns, ein Getränk auf den Markt zu bringen, das die Periode nicht automatisch mit physischem Leiden in Verbindung setzt, sondern einen liebevollen Umgang mit dem Körper und Selbstbewusstsein ausstrahlt.

Können Frauen bei Menstruationsschmerzen künftig einfach «Rouge» trinken, statt sich mit Schmerzmitteln zu betäuben und mit Wärmeflasche im Bett zu krümmen?
Wir wurden schon mehrfach gefragt, ob «Rouge» beispielsweise gegen Endometriose hilft. Uns ist es aber wichtig, klarzustellen, dass der Drink kein Schmerzmittel ist und nie ein Medikament oder einen Arztbesuch ersetzt. Dennoch kann er aber auch bei starken Schmerzen unterstützend wirken.

Inwiefern?
Das Getränk enthält verschiedene Vitamine, krampflösende Pflanzenextrakte und Mineralstoffe, die der Körper während der Menstruation ganz besonders braucht.  So zum Beispiel Eisen, an welchem es durch den Blutverlust häufig mangelt, Mönchspfeffer, der die Hormonregulation fördert oder Granatapfel, der entzündungshemmend wirkt.

Rouge-Drink eines Dübendorfer Startups

Das tönt alles sehr gesund. Schmeckt das Getränk denn auch?
Für uns stand fest, dass der «Rouge-Drink» nicht nur gesund, sondern auch erfrischend und lecker sein soll. Es war eine kleine Herausforderung, das Pulver so zusammenzusetzen, dass die Mineralstoffe nicht den Geschmack dominieren. Es ist daher mit etwas Suclarose gesüsst und die Süsse und Geschmacksintensität können individuell angepasst werden, indem das Pulver in mehr oder weniger Wasser angemischt wird.

Ist ein solches Pulvergetränk im Alltag praktikabel?
Allgemein war es unser Ziel, den «Rouge-Drink» so unkompliziert zu gestalten wie möglich, aber PET-Flaschen und damit verbundene Transporte zu vermeiden. Das Pulver ist portionsweise in platzsparenden Papiersachets verpackt und kann überall in kaltem oder warmem Wasser in jeder Flasche aufgelöst werden.

Bis vor wenigen Jahren waren Menstruationsprodukte in der Schweiz noch mit einem sehr hohen Mehrwertsteuersatz besteuert und wurden als «Luxusartikel» gehandhabt. Wie viel Luxus steckt in «Rouge»?
Den Preis haben wir so knapp kalkuliert, wie es die qualitativ hochwertige Herstellung in der Schweiz und der Vertrieb ermöglichen. So kostet der «Rouge»-Drink ungefähr gleich viel wie Cola oder ein Energy Drink im Lebensmittelladen und ist somit auf jeden Fall alltagstauglich. Teile des Erlöses gehen ausserdem ans Mädchenhaus Zürich und an die Cho Ngafor Fondation, eine Berner Organisation, die Mädchen in Kamerun mit waschbaren und wiederverwendbaren Stoffbinden dabei hilft, ihre Menstruation in Würde zu handhaben. Auf diese Weise soll «Rouge» auch auf anderen Teilen der Welt kleine Schritte in Richtung Enttabuisierung und Normalisierung der Periode bewirken.

Die  «Rouge-Flasche», die Pulvermischung sowie eine kostenlose Probierportion können online bestellt werden unter: https://rouge-welt.ch

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