Uneinigkeit über Gewalt an Schule – Einigkeit über Gemeindefusion
Herr Sonderegger, Sie haben bisher noch keine Behördenerfahrung. Weshalb wollen Sie gleich das Gemeindepräsidium angreifen, statt erstmal nur für den Gemeinderat zu kandidieren?
Ueli Sonderegger (GLP): Die Anforderungen reizen mich. Als Präsident ist es wichtig, aus dem Gemeinderat ein gutes Team zu bilden. Als eine Art Coach dafür zu sorgen, dass jedes Mitglied gute Arbeit in seinem Ressort leisten kann. Und der Gemeindepräsident muss auch auf die Bevölkerung hören und wichtige Anliegen in den Gemeinderat einbringen.
Machte das Frau Keller in den letzten Jahren nicht gut?
Sonderegger: Es gibt immer Luft nach oben. Der Gemeinderat hat unter ihrer Führung manchmal zu spät auf die Bevölkerung gehört. Das bedrückendste Beispiel hierfür war für mich die Ablehnung des Projektes Alterszentrum im Hof. Die beteiligten Leute hatten so viel Herzblut und Hundertausende Franken in ein Projekt gesetzt, das letztlich bei den Stimmberechtigten chancenlos war. Das Gemeindepräsidium ist dazu da, die Gemeinderäte zu beraten und gegebenenfalls die Notbremse zu ziehen, um eine solche Abfuhr zu verhindern.
Der Greifenseer «Klotz» ist Altpapier
01.10.2020

Klares Nein zu Altersheimausbau
Die Greifenseer schicken die Altersheimpläne an der Gemeindeversammlung bachab. Beitrag in Merkliste speichern Monika Keller (FDP): Man darf die Macht des Präsidiums nicht überschätzen, der Gemeinderat ist eine Kollegialbehörde. Uns war schon bewusst, dass das Projekt architektonisch umstritten war, aber es erfüllte als einziges alle gestellten Anforderungen. Die Ausarbeitung lag bei der Stiftung Zentrum im Hof, welche auch als Betreiberin vorgesehen war. Die Gemeinde wollte nur das Baurecht dazu zur Verfügung stellen. Im Nachhinein kann man schon sagen, dass man gewisse Sachen anders hätte machen können. Etwa, dass die Gemeinde als Bauherrin aufgetreten wäre und das Gebäude nach der Fertigstellung der Stiftung übergeben hätte. Aber der Gemeinderat sah beim Aufgleisen des Projekts klare Vorteile bei der gewählten Variante.
Die Kandidaten
Monika Keller, wohnt seit 22 Jahren in Greifensee und hat zwei Kinder im Alter von 17 und 23 Jahren. Die 52-Jährige wurde 2010 als FDP-Politikerin in den Gemeinderat gewählt. 2014 hat sie in einer Kampfwahl das Präsidium erobert. Vier Jahre später wurde sie ohne Gegenkandidatur im Amt bestätigt. Keller ist Biologin und hat ein Teilzeitpensum an der interne Beratungs- und Schlichtungsstelle Respekt der ETH Zürich.
Ueli Sonderegger ist 2018 nach Greifensee gezogen. Der 50-jährige IT-Projektmanager hat über zehn Jahre als Auslandschweizer in Brasilien gelebt und gearbeitet. Sonderegger ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Seit 2019 sitzt er im Vorstand der GLP Greifensee.
«Greifenseer sollen in ihrem Dorf alt werden können», war von Bevölkerung und Politik öfters zu hören. Wie geht es denn eigentlich bezüglich dieses geäusserten Wunsches weiter.
Keller: Wir sind an der Altersstrategie für die Gemeinde dran. Parallel dazu hatten wir mit der Stiftung des Alterszentrum bereits mehrere Sitzungen, bei denen über alternative Varianten eines Baus diskutiert wurde.
Sonderegger: Grad kürzlich hat mir eine ältere Dame gesagt, dass sie in sieben bis acht Jahren einen Pflegeplatz brauche und unsicher sei, ob sie den in Greifensee bekomme. Die Informationen des Gemeinderats sind diesbezüglich etwas spärlich und er muss offensiver kommunizieren.
Keller: Gemeinderätin Franziska Graf hat schon drei öffentliche Veranstaltungen zur Altersstrategie abgehalten. Die letzte fand im Oktober statt, diejenige vom Februar musste coronabedingt auf voraussichtlich April verschoben werden. Es läuft also Einiges.
Der Gemeinderat hat in den letzten vier Jahren die Bevölkerung zu Workshops eingeladen, etwa um an der Altersstrategie, dem Gesamtverkehrskonzept und der Schulanlage Breiti mitzuwirken. Würden Sie das fortführen, Herr Sonderegger?
Sonderegger: Ja, bei der Schulraumplanung wurde leider erst nach dem Fehlstart eine Mitwirkungsveranstaltung ins Leben gerufen. Dagegen wurde eine solche beim Gesamtverkehrskonzept von Anfang an eingeführt – mit Erfolg. Wir sind nun eine der wenigen Gemeinden, die ohne nennenswerten Widerstand Tempo 30 einführen will. Es lohnt sich also, die Bevölkerung auch bei anderen Projekten miteinzubeziehen.
«Das ist Angstmacherei.»
Monika Keller (FDP), amtierende Gemeindepräsidentin
Keller: Man darf aber nicht vergessen, dass solche Veranstaltungen abschliessend schnell einmal 100’000 Franken kosten. Deshalb müssen wir die Tragweite der Themen berücksichtigen, bei denen wir die Bevölkerung miteinbeziehen. Beispielsweise haben wir die Gemeindeordnung mit einer einfachen schriftlichen Vernehmlassung bereinigt, andere Gemeinden haben dafür aufwendige Mitwirkungsveranstaltungen durchgeführt.
Ueli Sonderegger, was wollen Sie am Kurs der heutigen Regierung ändern?
Sonderegger: Ich würde von den verschiedenen Ressortleitern verlangen, dass sie immer über ihren Tellerrand schauen. Wenn beispielsweise einige Greifenseer sagen, sie fühlen sich in der Nacht nicht sicher, würde ich hartnäckig nach einer Besserung suchen. Und auch in der Primarschule gab es ja einen Gewaltvorfall.
«Gewalt in der Schule ist immer noch ein Problem.»
Ueli Sonderegger (GLP), Herausforderer
Hat Greifensee ein Sicherheitsproblem, Frau Keller?
Keller: Nein, das ist Angstmacherei. Es gab sicherlich Herausforderungen, wie etwa die Jugendlichen, die sich in der Coronazeit den Greifensee als Party-Ort ausgesucht haben. Oder als wir plötzlich Ziel von Fankrawallen zwischen FCZ- und GC-Fans geworden sind. Im Vorfeld kann man dagegen nicht viel machen, dies sind gesamtgesellschaftliche Phänomene. Wir können nur darauf reagieren, was wir auch ressortübergreifend getan haben. Gleiches gilt für den singulären Fall in der Primarschule.
Sonderegger: Dahinter setze ich ein grosses Fragezeichen. Gewalt in der Schule ist immer noch ein Problem. Eines meiner Kinder ist in der Unterstufe und ein anderes in der Mittelstufe. Mein älterer Sohn hat vor kurzer Zeit von einem gewalttätigen Vorfall berichtet, der ihm Angst gemacht hat. Dabei haben sich zwei Schulkinder auf der Strasse übel geprügelt, nicht nur mit blossen Fäusten, sondern mit Gegenständen, bis ein Erwachsener dazwischen gegangen ist. Gewalt ist im Greifenseer Schulalltag allgegenwärtig und die Situation hat sich in den letzten Jahren nicht verbessert. Das hat die Gemeinde nicht im Griff.
Keller: Da bin ich anderer Meinung. Gewisse Konflikte auf dem Schulweg gab und gibt es schon immer und nicht nur in Greifensee. Es ist daher wichtig, den Umgang mit Konflikten und Gewalt in der Schule zu thematisieren. Dafür ist die Schulsozialarbeit wesentlich. Deshalb hat der Gemeinderat hat schon beschlossen, diese aufgrund steigender Schülerzahlen auszubauen.
Apropos Schule: Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Oberstufenschulgemeinde Nänikon-Greifensee, die gegen die Auflösung kämpft. Auch Greifenseer Schüler gehen ins Schulhaus Wüeri auf Ustermer Boden in den Unterricht. Wird es für eine Gemeinde in der Grösse von Greifensee nicht allmählich Zeit für ein eigenes Oberstufenschulhaus?
Sonderegger: Wenn uns der Bezirksrat dazu zwingt, haben wir kaum eine andere Wahl. Aber unsere Schülerzahlen rechtfertigen keinen Bau eines neuen Schulhauses. Ich bin optimistisch, dass wir in der Frage um die Grenzbereinigung eine andere vernünftige Lösung finden und mittelfristig die Fusion mit Nänikon, Werrikon und Greifensee zustande kommt. Das wäre die beste Lösung, das Problem zu lösen.
Einverstanden, Frau Keller?
Keller: Die Fusion wäre sicher sinnvoll. Die drei Orte und ihre Infrastruktur sind eng zusammengewachsen. Wir haben zudem viele gemeinsame Themen, die in einem neu konstruierten politischen Raum einfacher diskutiert werden könnten. Um aber die Stimmbevölkerung von Uster auf unsere Seite zu ziehen, braucht es viel Überzeugungsarbeit.
«Ich bin der Meinung, dass wir eine Steuererhöhung zügig machen sollen, dafür aber keine hohe.»
Ueli Sonderegger (GLP)
Die Greifenseer haben vor gut drei Jahren nur einer moderaten Steuererhöhung zugestimmt und sich damit gegen den Gemeinderat gestellt, der den Steuerfuss höher festgelegen wollte. Welche Finanzpolitik würden Sie im Fall einer Wahl verfolgen, Herr Sonderegger?
Sonderegger: Der bisherige Kurs des Gemeinderats in Sachen Finanzen ist zu verhalten. Beinahe alle Jahre schickt dieser an Budget-Gemeindeversammlungen Finanzvorstand Bruno Schaerli vor, der dann während 45 Minuten referiert, wieso Greifensee eine Steuerfusserhöhung brauche und beantragt dann doch keine. Also, er nennt 100 Gründe dafür, und spricht sich dann doch dagegen aus. Das ist schon beinahe zum Ritual geworden. Der Stimmbürger soll so nach der Strategie steter Tropfen höhlt den Stein langsam auf die Steuererhöhung vorbereitet werden. Der Gemeinderat muss mutiger werden. Sonst macht Greifensee Schulden, bis der Kanton einschreitet. Ich bin der Meinung, dass wir eine Steuererhöhung zügig machen sollen, dafür aber keine hohe.
Was heisst das konkret: Würden Sie sich im Falle einer Wahl für eine sofortige Steuererhöhung einsetzen?
Sonderegger: Wir brauchen eine Steuererhöhung, aber auf 2023 könnte es knapp werden.
Wie ist Ihre Einstellung zum Greifenseer Steuerfuss, Frau Keller?
Keller: Wir müssen die Selbstfinanzierung sicher gut im Auge behalten. Allerdings gibt es schwer abschätzbare Faktoren wie beispielsweise Grundstückgewinnsteuern, Geschäftsabschlüsse von juristischen Personen, wie sich der Finanzausgleich entwickelt oder einschneidende Gesetzesänderungen, die die Steuereinnahmen stark beeinflussen. Daher bin ich zurückhaltend mit vorsorglichen Steuererhöhungen.
«Ich habe durchaus noch linke Themen, die Herr Sonderegger nicht abdeckt.»
Monika Keller (FDP)
Ihr gutes Abschneiden im zweiten Wahlgang ums Präsidium 2014 begründeten Sie damit, dass sie als berufstätige Frau mit Familie wahrscheinlich im linken Lager einige Stimmen abholen konnten. Nun kämpfen Sie gegen einen Kandidaten einer Partei, der sich links der FDP etabliert hat, damit fehlen Ihnen diese Stimmen, oder?
Keller: Nein, das glaube ich nicht. Auf der Exekutiv-Ebene ist es eine Personenwahl. Die politische Gesinnung ist höchstens noch das Zünglein an der Waage. Ich habe durchaus noch linke Themen, die Herr Sonderegger nicht abdeckt. Einerseits meine berufliche Erfahrung in Gleichstellungsfragen, andererseits nehme ich als Biologin auch ökologische Standpunkte ein. Ausserdem kennen mich die Leute heute viel besser als vor meiner ersten Legislatur und wissen, was sie bekommen.
Wenn man Ihnen so zuhört, sind Sie in der falschen Partei. Weshalb haben Sie sich denn für die FDP entschieden?
Keller: In jungen Jahren habe ich mich stark mit der Parteienwahl auseinandergesetzt und realisiert, dass ich eine urliberale Gesinnung habe. Die GLP gab es zu der Zeit noch nicht. Ein Wechsel wäre Anfangs vielleicht eine Option gewesen, doch ist mir die Partei in vielen Themen zu diffus und ich habe gemerkt, dass man mindestens so gut in der FDP grüne Themen behandeln kann.
Herr Sonderegger, welche Grünen Themen würden Sie als Polit-Neuling anpacken?
Sonderegger: Ich bin bei der GLP, weil die freie Wirtschaft für mich zentral ist. In grüner Hinsicht bin ich dagegen der Meinung, dass es Gesetze und Regeln sowie Investitionen braucht, um unsere Natur zu schützen. Gerade das Natur- und Erholungsgebiet des Greifensees muss vor dem stetig steigenden Siedlungsdruck geschützt werden. Auch kommen wir immer mehr unter den Hammer des Durchgangverkehrs. Da müssen wir extrem wach bleiben, um weiterhin Gegensteuer geben zu können.
Verkehrsplaner steht für Greifensee ein
19.06.2019

Kantonspläne für neue Greifenseestrasse Der Greifenseer Gemeinderat wehrt sich gegen die kantonalen Pläne zneuen Greifenseestrasse. Beitrag in Merkliste speichern
