Als Hausi Leutenegger Olympia-Gold holte
Eigentlich heisst er Hans Leutenegger – aber man kennt ihn unter dem Namen Hausi Leutenegger. Und er ist noch heute ein Liebling der Medien. Das rührt ihn. «Auch die Jungen mögen mich», erzählt er.
Tatsächlich vergehen während des Gesprächs kaum ein paar Minuten, ohne dass sein Handy klingelt: «Was möchtest du?», fragt er jeweils, wenn er den Anrufer nicht kennt. Und er ist gleich mit allen per Du.
Halt ein Glückspilz
Sapporo 1972: Am 12. Februar waren es genau 50 Jahre her, seit Hausi Leutenegger als Bremser im Schweizer Viererbob mit dem Steuermann Jean Wicki Olympiagold holte.
«Ich hatte einen gebrochenen Finger und konnte mich ohnehin weniger gut bewegen.»
Hausi Leutenegger, Olympia-Sieger von 1972
Man mag denken: Der Mann ist halt ein Glückspilz. Aber so einfach war es schon damals nicht: Die Qualifikation war hart und die Konkurrenz auch unter den Schweizer Teams gross.
Und dann war das Team zu schwer: 630 Kilo war die Limite. Hausi Leutenegger musste fünf Kilo weghungern. Warum gerade er? «Ich hatte einen gebrochenen Finger, der im Gips war, und konnte mich ohnehin weniger gut bewegen», erinnert er sich.
Eine Lungenentzündung
Das Gewicht stimmte schliesslich, aber die Rechnung kam nach dem Sieg in Form einer doppelten Lungenentzündung. Olympiasieger Leutenegger war zwei Wochen in Tokio im Spital. Danach durfte er heim: Die Swissair spendierte ihm ein Upgrade in die erste Klasse.
Sport hat Leutenegger sein Leben lang begeistert. Spricht man ihn auf seinen Lebenslauf an, dann kommt sehr schnell: «Viermal habe ich an einem Eidgenössischen Turnfest einen Kranz geholt», sagt er. Auch heute schlägt sein Herz für den Sport und die Unterstützung von Vereinen ist für ihn Ehrensache.
Aufstieg des Arbeiterkindes
Leutenegger ist heute ein reicher Mann und hat Villen am Genfersee und auf Gran Canaria, dazu je eine Wohnung in Wil (SG) und Freienbach (SZ). Der Aufstieg des Arbeiterkindes aus dem Hinterthurgau liest sich ein wenig wie ein modernes Märchen.
Hausi Leutenegger kam am 16. Januar 1940 in Bichelsee zur Welt. Die Familie bewirtschaftete ein kleines Gut mit vier Kühen, der Vater arbeitete als Magaziner bei Sulzer. Jeden Morgen um 5.50 Uhr fuhr er mit dem Zug in die Fabrik nach Winterthur und kam nach 18.30 Uhr zurück – im Übergwändli und müde von der schweren Arbeit.
Für Hausi Leutenegger war klar: Das wollte er nicht. Er machte in Aadorf eine Lehre als Bauschlosser und arbeitete danach als Monteur.
«Ich habe sie gut behandelt, jeder kriegte einen guten Lohn.»
Hausi Leutenegger
Bei einem Einsatz für die Uzwiler Bühler AG in Holland kam ihm die Idee, die ihm Millionen einbringen sollte: Er gründete eine Firma für Temporäreinsätze für Monteure. Er stellte die Arbeiter aber fest an und garantierte ihnen damit Lohn und Sozialleistungen.
Wie schaffte er es, mitten in der Hochkonjunktur Leute zu finden? Ganz einfach: «Ich habe sie gut behandelt, jeder kriegte einen guten Lohn.» Das hat überzeugt.
Vom Sportler zum Schauspieler
Langweilig war ihm nie, sagt er. 1985 nimmt Leuteneggers Leben eine neue Wendung: Der Zürcher Filmproduzent Erwin C. Dietrich sucht einen Sportler für eine Nebenrolle. Leutenegger sagt zu. Zusammen mit 30 Schauspielern und 300 Komparsen geht’s in die Philippinen, gedreht wird der Actionfilm «Kommando Leopard».
Original-Trailer von «Kommando Leopard» (Quelle: Youtube/ HD Retro Trailers)
Regisseur Antonio Margheriti ist begeistert von Leutenegger und gibt ihm sofort eine grössere Rolle und so spielt er an der Seite der deutschen Schauspiel-Legende Klaus Kinski. Insgesamt hat Leutenegger in über 30 Filmen mitgespielt. «Die Schauspielerei liegt mir», sagt er.
Im Tösstal zuhause
Auch wenn Hausi Leutenegger heute an vielen Orten wohnt, zuhause ist er doch in den Hügeln des Hinterthurgaus und des Tösstals. «Im Alter geht man gerne an die Orte seiner Jugend zurück», erzählt er.
Ans Tösstal hat er ganz besondere Erinnerungen, dazu zählt etwa der Markt in Bauma. Am Wochenende gingen die Jungen jeweils nach Winterthur-Seen zum Tanz. Und weil sie gelegentlich den letzten Zug verpassten, nahmen sie den Weg nach Bichelsee via Tösstal zu Fuss unter die Beine. Vier Stunden hätte das jeweils gedauert.
Mit Bichelsee und Turbenthal ist Hausi Leutenegger bis heute eng verbunden. Die Gemeinde Bichelsee-Balterswil verlieh ihm 2009 das Ehrenbürgerrecht. Alle Löhne seiner Firma laufen heute noch über die Raiffeisenbank am Bichelsee, die 1998 mit der Filiale in Turbenthal fusioniert hat.
(Dominik Landwehr)