Wenn plötzlich ein Segelflugzeug in der Berufsschule Rüti steht
Jeweils im letzten Lehrjahr haben sich Lernende an Berufsschulen in einer Vertiefungsarbeit mit einem vorgegebenen Thema auseinanderzusetzen. Am Freitagnachmittag fand der Präsentationstermin für Robin Burger und Levin Ruppert statt.
Sie gaben im Mehrzweckraum der Berufsschule Rüti Einblick in ihre Umsetzung des Rahmenthemas «Bewegen(d)». Ein alternatives Thema hätte «Damals, im letzten Jahrhundert» gelautet.
Ein Flugzeug im Mehrzweckraum
Die Lernenden, die zu dieser Zeit an den Fensterfronten des Mehrzweckraums der Berufsschule Rüti vorbeischlendern, täuschen sich nicht. Der prüfende Blick durch die Fensterscheiben bestätigt es: Im Raum befindet sich ein Flugzeug.
Vor dem Eingang steht zudem ein schmales, meterlanges Gefährt. Es ist quasi die Transportbox für das Fluggerät namens «Discus 2b», das für wenige Stunden an einem eher ungewöhnlichen Ort parkiert wurde. Der Mehrzweckraum als Hangar auf Zeit sozusagen.
15 Meter Spannbreite hat das Segelflugzeug, welches die beiden Polymechaniker-Lehrlinge Robin Burger und Levin Ruppert in der Mittagspause im Mehrzweckraum zusammengebaut hatten.
Das Werk besteht aus total sechs Einzelteilen. Dazu gehören zwei Flügel, ein Rumpf mit Cockpit und das Höhen- und Seitenleitwerk. Insgesamt 300 Kilogramm ist es schwer, ohne Pilot und ohne gefüllte Wassertanks
Zu den Protagonisten: Beide Lernende sind 19 Jahre alt. Robin Burger ist in Bubikon zu Hause und absolviert dort sein viertes Lehrjahr bei der Firma A. Güntensperger AG, Werkzeugbau. Levin Ruppert stammt aus Wald. Er ist ebenfalls angehender Polymechaniker im vierten Lehrjahr bei der Firma Naef Flugmechanik in Fischenthal.
Dem Virus Fliegerei verfallen
Die zwei jungen Männer sind total dem Virus Fliegerei verfallen. Levin Ruppert hat das «Flieger-Gen» quasi in die Wiege gelegt bekommen, Grossvater und Vater hätten sich ebenfalls intensiv mit der Fliegerei beschäftigt, erzählt er.
Für ihn ist klar: Er will in beharrlichen Schritten den Weg zum Militärpiloten einschlagen. Dies im Wissen, dass dabei enorm viele Selektionsklippen zu meistern sind. «Sphair» heisst das Auswahlverfahren, welches Pilotenaspiranten durchlaufen müssen.
Auch Robin Burger, der von Rupperts Begeisterung fürs Fliegen angesteckt worden ist, will das lieb gewonnene Hobby Fliegerei irgendwann zum Beruf machen. Während sein Kollege die Privatpilotenlizenz für Motor- und Segelflieger bereits im Sack hat, strebt er an, im Frühjahr sein Brevet als Pilot für Segelflugzeuge zu machen.
Zwischen Himmel und Erde
Die beiden haben im vergangenen Herbst ihren «Vertiefungsflug», der ihnen wichtige Unterlagen für die Dokumentation zum Thema «Sphair – der bewegende Weg ins Cockpit» geliefert hat, absolviert.
Während ihrer Präsentation berichten sie ihren Klassenkameraden, dass der erste Start nicht funktioniert habe. Die Wetterbedingungen hätten keinen Schleppflug zugelassen.
«Das Ziel war, möglichst lange und weit zu fliegen.»
Robin Burger und Levin Ruppert, Polymechaniker-Lehrlinge
Im zweiten Versuch habe es dann jedoch geklappt. Vom Flugplatz Schänis aus, wo die Segelfluggruppe Lägern ihre Basis hat, sei es per Schleppflugzeug auf 1800 Meter Höhe gegangen. Dann seien sie sich und den Winden überlassen worden, mit dem Ziel vor Augen, «möglichst lange und weit zu fliegen».
Die eindrucksvollen Bildaufnahmen zeigen die Passagen an den Churfirsten vorbei Richtung Skigebiet Davos. Und auf dem Rückweg noch – einer näherkommenden Schlechtwettfront ausweichend – ein Abstecher ins Glarnerland, unmittelbar am Vrenelisgärtli vorbei.
Das Gefühl von Freiheit
Als Zuhörer kann man die Begeisterung der beiden jungen Männer bei ihrem Dasein im Element Luft nachvollziehen. Flugbegeisterte nehmen der Himmel ganz sicher nie als Grenze wahr. Das Gefühl von Freiheit dominiert.
Und doch gelte es, mit den Elementen sorgsam umzugehen – um nicht unverhofft in brenzlige Situationen zu geraten, betonen Burger und Ruppert. «Mein längster Flug mit dem Segelflugzeug dauerte beinahe 13 Stunden, mein kürzester knapp eine Minute. Da musste ich mich unverhofft vom Schleppseil lösen», berichtet Levin Ruppert von gemachten Erfahrungen.
(Marcel Vollenweider)
«Stolz auf das Geleistete»
Jedes Jahr haben sich die rund 8000 Lernenden an Berufsschulen im Kanton Zürich in ihrem letzten Lehrjahr mit einer Vertiefungsarbeit auseinanderzusetzen. Diese müssen sie dann auch vor Publikum zu präsentieren.
Die Arbeit wird im Fach Allgemeinbildender Unterricht aufbereitet und begleitet. Die Lernenden werden beurteilt, die Teilnote zählt zum Qualifikationsverfahren. Kurt Eisenbart, Rektor der Berufsschule Rüti, ist immer wieder begeistert von den Endprodukten. «Ich bin stolz auf das Geleistete», sagt er.
Francesca Furler hat die Lernenden der Polymechaniker-Klasse KP18D während des Prozesses der Vertiefungsarbeit begleitet. Auch sie attestiert den meisten Lernenden viel Einsatzfreude und Ausdauer bei der Aufbereitung der Arbeit. «Es lohnt sich ja auch, Einsatz zu zeigen. Immerhin ist das eine wichtige Teilnote auf dem Weg zum erfolgreichen Abschluss», betont die Berufsschullehrerin für allgemeinbildenden Unterricht. Sie ist bei den Präsentationen als Examinatorin im Einsatz.
Die Dokumentation von Levin Ruppert und Robin Burger wurde mit der Note 5,5 bewertet, der Arbeitsprozess gar mit einer 5,8. Ausstehend ist nur noch die Bewertung für die Präsentation. (mav)
