Ustermer Künstler Leto sucht in Kairo nach Gesichtern
Markus «Leto» Meyle ist ein Künstler, der schafft, und sich weniger um Auflagen kümmert. So ist es auch zu erklären, dass der Ustermer schon jetzt in Kairo wohnt und bereits erste Werke fertiggestellt hat. Denn eigentlich beginnt das halbjährige Atelierstipendium in der ägyptischen Hauptstadt, das ihm die Stadt Uster ermöglicht, erst im Februar (siehe Box).
«Ich habe den Vertrag nicht richtig gelesen», sagt Meyle während dem Videoanruf und lacht. Der 49-Jährige sitzt in einer kleinen Moschee, die ihm als Atelier dient. Auf einer Nil-Insel rund fünf Kilometer vom Tahrir-Platz entfernt, dem Symbol der ägyptischen Revolution 2011, wohnt und arbeitet Meyle.
(Die Markierung zeigt die Insel auf dem Nil, wo Leto derzeit arbeitet und wohnt)
Eine mehrere kilometerlange Insel, die so knapp über den mächtigen Fluss rage, dass sie schnell mal überflute. An einem Ort, wo Bauern ihre Felder bestellen und Kühe, Gänse oder Esel halten. Und auch das omnipräsente Militär nicht weit ist. «Ja, Ägypten ist ein Militärstaat», sagt Meyle. In seiner kleinen Moschee bekomme er aber freilich nicht viel mit von dieser Macht.
Gebetsruf als Wecker
Geweckt wird er täglich um 6 Uhr von einem Muezzin – ab Tonband. Zumindest vermute er, dass die Stimme, die zum Gebet aufrufe, ab Band komme, so Meyle. « Denn dieser singt immer an der gleichen Stelle falsch. » Auch ansonsten sei es schwierig in der Grossstadt eine ruhige Ecke zu finden. «Die Ägypter unterhalten sich generell sehr lautstark.» Und wenn mal kein lauter Nachbar zu hören sei, dann bestimmt ein Ausflugschiff auf dem Nil.
«Kairo ist, verglichen mit Schweizer Verhältnissen, das nackte Chaos.» Dazu gehörten ein ultralangsames Internet, regelmässige Stromausfälle oder Unterbrüche in der Wasserversorgung. Meyle nimmt es gelassen. «Ein kleines Abenteuer muss sein.»
Unfall und Kairener Spitalbehandlung
Bescheiden ist auch die Einrichtung, die Meyle über den Videoanruf zeigt: Ein kleiner Tisch, eine Lampe, ein Bett auf dem einige seiner Grafiken zu sehen sind. Der Künstler zeigt draussen die Palmen, den Nachthimmel von Kairo und die kleine Moschee von aussen, die seine Arbeitsstätte ist.
«Mit ein bisschen Extra Geld konnte ich die Wunde gleich mit vier Stichen nähen lassen.»
Markus «Leto» Meyle, Künstler aus Uster
Chaotisch sei auch der Verkehr. Anfang Woche wurde sein Arbeitsalltag jäh unterbrochen, weil er von einem dreirädrigen Taxi angefahren wurde. «Ich wollte eine Strasse überqueren, habe nach links geschaut und wurde von einem Taxi erfasst, das von rechts um die Ecke kam.» Meyle hat eine offene Wunde aus dem Zusammenstoss davongetragen.
Der Hausmeister des Ateliers habe ihm danach geholfen die Hürden auf dem Weg zur Spitalbehandlung zu überwinden. Nicht nur die sprachlichen, auch die bürokratischen: Vor dem Spital seien etwa 150 Leute Schlange gestanden. «Mit ein bisschen Extra Geld konnte ich die Wunde gleich mit vier Stichen nähen lassen. Ansonsten wäre ich an dem Tag wohl nicht behandelt worden.» Es hätte weit schlimmer sein können, «ich hatte einen Riesendusel» sagt Meyle.
Überall Gesichter
Wegen des Unfalls musste er tags darauf auf seinen Entdeckungsspaziergang verzichten. Auf diesem suche er jeweils nach Objekten, die Gesichtern ähneln und fotografiert sie. Später entstehen daraus seine Grafiken. «Ich habe beispielsweise zwei Bancomaten fotografiert, die mit ihren Vordächern wie Augen mit Brauen aussehen.»

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…als Gesicht.
Und immer wieder verwendet er auch Schriftzeichen aus dem Arabischen und interpretiert sie als Gesichter. Privatstunden in Arabisch helfen ihm, dass ihm die Sprache mittlerweile nicht mehr ganz so fremd ist.
«Mich hätte man in der Wüste abwerfen können und ich hätte arbeiten können.»
Markus «Leto» Meyle, Künstler aus Uster
Meyle, der als versierter Künstler und als Erschaffer des Nashorns im gleichnamigen Kreisel in Uster bekannt ist, arbeitet auch mit Metall, Holz, Ton, Stein – oder Feuer. Für Kairo hat er sich bewusst nur für Papier entschieden – auch aus praktischen Gründen. Mit dem schweren Werkzeug von Uster nach Kairo zu fliegen, habe er sich ersparen wollen. « Und kolossale Skulpturen mit einem Container zurück in die Schweiz verschiffen lassen, wäre auch unsinnig gewesen. »
Ein gut gepackter Koffer
Auch so war seine Bagage schwer genug. «Ich bin mit einem 37 Kilogramm schweren Koffer für das halbe Jahr angereist.» Ein paar Kilo schwer sei allein das Papier gewesen. «Mich hätte man in der Wüste abwerfen können und ich hätte arbeiten können.»
Eigentlich hätte ihm ein 15 Kilo schwerer Koffer auch gereicht. «Hier hätte ich alles viel billiger kaufen können. Es ist wirklich unverschämt günstig.» Er bezahle dabei bestimmt nicht den gleichen Preis wie die Ägypter. «Mit mir winkt den Händler sicher immer ein guter Gewinn.» Obwohl er als Fremder immer ein bisschen mehr zahle als Einheimische könne er beispielsweise für 60 Rappen zu Mittag essen.
Und für alles gibt es einen separaten Laden oder Markstand: Für Gemüse, für Nüsse oder für Stoffe. «Einen Grossverteiler gibt es hier nicht.» Die Ägypter seien sehr geduldige Menschen und sehr offen. Aber klar, viele hätten auch Zeit. «Die Wirtschaft im Land liegt darnieder. Viele sind ohne Arbeit und sitzen herum.»
Die Auflagen der Stadt Uster
Dagegen habe er die Chance der Stadt Uster erhalten, kostenlos ein Atelier benützen zu dürfen und erhalte zudem einen Beitrag an seinen Lebensunterhalt. «Ich habe ein halbes Jahr geschenkt bekommen.» Als Gegenleistung hat sich Meyle verpflichtet nach seiner Rückkehr in einer Ausstellung sein Kairoer Schaffen zu präsentieren.
Wann er dies machen wird, wisse er noch nicht. Nach seiner Rückkehr Ende Juni gehe es gleich «los wie die Feuerwehr». Meyle will dann unter anderem einen Workshop mit Kindern in Sion durchführen, anschliessend gehe es ins Tessin, wo experimentelles Bronze giessen auf dem Programm stehe und danach arbeite er im «Zentrum für Architektur Zürich».
Einer Auflage der Stadt Uster mochte er dagegen nicht Folge leisten. Die Verantwortlichen hätten ein schriftliches Dossier nach Abschluss des Atelierstipendiums verlangt. Statt ein PDF zu erstellen, habe er sich für Postkarten entschieden, was in Uster gut angekommen sei. So bekommt die Stadt nun wöchentlich eine Postkarte von Leto Meyle aus Kairo. «Das entspricht eher meiner Arbeit, als das Schreiben eines PDFs, dass dann irgendwo in einer Schublade verschwindet.»
Die Stipendien und Kosten für Uster
Die Städtekonferenz Kultur (SKK) betreibt Ateliers in Kairo, Buenos Aires, Belgrad und Genua. Uster hat als Mitglied der SKK die Möglichkeit, periodisch Atelierstipendien zu vergeben. Bewerben können sich professionelle Kunstschaffende aller Sparten mit engem Bezug zu Uster. Die Kulturkommission prüft die Eingaben und vergibt das Stipendium. Der Stipendiatin oder der Stipendiat darf das Atelier während einer festgelegten Zeit kostenlos benützen und erhält von der Stadt Uster einen Beitrag an den Lebensunterhalt. Dabei richtet sich die Höhe des Beitrages an die Lebenshaltungskosten der jeweiligen ausländischen Stadt. Laut Christian Zwinggi, Kulturbeauftragter der Stadt Uster, bekommt Markus «Leto» Meyle für das halbe Jahr in Kairo 6’000 Franken. Die Mitgliedschaft in der SKK kostet die Stadt Uster jährlich 7’500 Franken.
