Als der Frauenverein die Kleider der Internierten flickte
Die Schweiz nahm im Zweiten Weltkrieg rund 100’000 Soldaten fremder Heere auf, darunter Franzosen, Polen, Italiener, Engländer und Amerikaner. Diese wurden in Interniertenlagern auf über 1200 Standorte verteilt – auch im Tösstal.
Eine Ausstellung im Ortsmuseum in Wila wird sich bald diesem Thema annehmen. «Vor allem bei der jüngeren Generation ist das oft völlig unbekannt», sagt Wolfgang Wahl, der Präsident der Ortsmuseumskommission Wila.
Bevor er sich zusammen mit dem Kulturwissenschaftler Dominik Landwehr dem Thema annahm, war noch nichts über die Internierten im Tösstal publiziert. «Der Ausstellungskatalog spiegelt also den neusten Forschungsstand», betont Wahl.
Wort, Bild, Ton und Objekt
«Nicht nur in Zell, Turbenthal, Wila, Bauma und Fischenthal, sondern auch in Weisslingen fanden internierte Franzosen, Polen und Engländer freundliche Aufnahme», erläutert er. In Wort, Bild, Ton und Objekt werden im Ortsmuseum die Vorgänge und Personen in den Tösstaler Gemeinden vorgestellt und veranschaulicht.
Die Ausstellung zeige die zeitgeschichtlichen Hintergründe, erkläre das Lagersystem, den Einfluss des Polenmuseums Rapperswil, Polenwege, Arbeitseinsätze, Erinnerungsobjekte sowie Schicksale und Beziehungen, erklärt der Historiker.
An zwei Hörstationen erinnern sich vier Tösstaler Zeitzeugen an die Internierungszeit und drei Kurzfilme zeigen den Grenzübertritt der französischen und polnischen Truppen 1940, internierte Polen im Stammlager Pfäffikon 1945 und einige Kurzinterviews von ehemaligen internierten Polen 2011.
Sechs Monate waschen und flicken
Ebenso beleuchtet die Ausstellung die wichtige Arbeit der Frauenvereine im Tösstal. «Das Zeigen wir am Beispiel des Frauenvereins Wila, welcher die Wäsche internierter Franzosen gewaschen und geflickt hat.»
Informationen hierüber hat Wahl im Archiv gefunden: «In diesem Fall sind es vertiefende Unterlagen des Frauenvereins Wila im Privatbestandsarchiv Wila zur sechsmonatigen Wäsche- und Flick-Aktion 1940 und 41», erklärt er.
«Darin erfährt man nicht nur wie in einem Protokoll, dass diese Aufgabe gelöst wurde – sondern auch wie, wo die Probleme lagen und wer wann wo was zu tun hatte.»
Forschen und Organisieren
Insgesamt hat Wahl über ein halbes Jahr recherchiert. Die Stunden, die er für die Konzeption der Ausstellung aufgewendet hat, lassen sich aber nur schwer zählen. Denn dazu gehöre nicht nur die Forschungsarbeit wie Archivbesuche oder das Studium der vorhandenen Fachliteratur.
«Es sind zwei Ortsmuseen beteiligt, das erfordert viel Koordination», erklärt er. Die Ausstellung findet nämlich in Zusammenarbeit mit dem Museumsverein Turbenthal statt.
Grenzübertritt französischer und polnischer Truppen. Armeefilmdienst 1940. Quelle: Youtube/Bundesarchiv.
Ebenso sei auch die Beschaffung der finanziellen Mittel oder die Produktion der Ausstellungsteile sehr zeitintensiv. «Alles zusammen ergibt das eine dreistellige Stundenzahl», erklärt er.
Auf dem Polenweg
Doch das Thema sei es Wert: Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Internierten sei auch heute noch wichtig, betont der Historiker.
«So versteht man besser, wieso man heute zum Beispiel auf einem Polenweg wandert.» Damit bezeichnet man Wege und Strassen, die von polnischen Internierten angelegt oder ausgebaut wurden. Beispielsweise vom Dürrspitz über die Brandegg zur Alp Scheidegg.
«Und man lernt, was diese Internierung für die Tösstaler Gemeinden damals bedeutete, welche Folgen diese Begegnung mit Europa hatte und wieso wir – auch heute – keine Insel sind», betont Wahl.
Die Vernissage der Ausstellung findet am Sonntag, 6. Februar, von 14 bis 14.30 Uhr im Alten Primarschulhaus in Wila statt. Um 14.30 beginnt die Ausstellung im Ortsmuseum. Diese hat auch am 6. März und 3. April jeweils von 14 bis 16 Uhr geöffnet.
Der Eintritt ist frei, eine Kollekte ist erwünscht. Es gilt gemäss den aktuellen Vorgaben die 2G-Regel und eine Maskenpflicht.
