Als sich ein Reformierter und eine schwangere Katholikin das Ja-Wort gaben
Es war 1948 an der Chilbi in Oberwinterthur. Da lernte Ernst Bühler, damals Lehrling bei der Firma Sulzer, Maria Della Valle kennen. Sie war eine Gastarbeiterin aus dem Veltlin und arbeitete auf einer Hühnerfarm.
Bühler war 16 Jahre alt, seine zukünftige Freundin knapp 18. Die beiden kamen sich näher und wurden ein Paar. Dann kam das Frühjahr 1951 und Maria wurde schwanger. «Da wusste ich, dass wir heiraten müssten», erinnert sich Ernst Bühler.
Eine Stange Zigaretten
Das Problem: Er war erst 19 und noch nicht volljährig. Die Grenze lag damals bei 20 Jahren, in Italien für Maria sogar bei 21. «Wir mussten uns darum kümmern, dass wir für ehemündig erklärt werden.»
Damit auch seine schwangere Freundin diese Erlaubnis bekam, reisten die beiden im August 1951 ins Veltlin. «Ich gab dem Gemeindepräsidenten eine Stange Zigaretten und eine Woche später hatten wir die Bewilligung aus Rom», sagt Bühler. Der Zürcher Regierungsrat hingegen liess sich Zeit.
Bühler suchte gleichzeitig nach einer günstigen Wohnung für seine Familie. «Ich wohnte damals noch im Lehrlingsheim in Oberwinterthur und Maria bei meiner Mutter in Zürich», erinnert er sich.
Im «Stadtanzeiger» fand er eine Anzeige für ein Haus auf dem Pfaffberg in Wila. Der Preis: 55 Franken pro Monat. Das war gerade so tragbar für den Lehrling, der monatlich rund 300 Franken verdiente. «Da das Haus aber etwas Umschwung hatte, musste ich einen Pachtvertrag unterzeichnen.»
« Im November stand dann tatsächlich ein Kantonspolizist vor unserer Haustüre.»
Ernst Bühler, Jubilar
Bühler zog im Herbst nach Wila. Die Erlaubnis aus Zürich liess jedoch weiter auf sich warten. Maria hingegen wollte nicht mehr länger warten. Sie zog zu ihrem Freund auf den Pfaffberg – was damals strengstens verboten war.
Der Veloausweis des Trauzeugen
Keine Freude an dieser wilden Ehe hatte der damalige Präsident der Reformierten Kirchenpflege Wila: «Er zeigte uns an und im November stand dann tatsächlich ein Kantonspolizist vor unserer Haustüre», erinnert sich Bühler.
Glücklicherweise liess dieser sich mit dem Rapport Zeit. Denn kurz vor Weihnachten 1951 erhielt Bühler denn Bescheid, dass er heiraten kann. Die Anzeige wurde somit gegenstandslos.
« Der Gemeindeschreiber akzeptierte zum Glück den Veloausweis.»
Ernst Bühler
Das Ja-Wort gaben sich Ernst und Maria Bühler am 9. Januar 1952. Nur zivil – denn er ist reformiert und sie katholisch. Anwesend waren neben dem Brautpaar nur der Leiter des Lehrlingsheims und dessen Frau. Sie waren die Trauzeugen.
«Und einen Ausweis hatten beide nicht dabei, doch der Gemeindeschreiber akzeptierte zum Glück den Veloausweis», sagt Bühler. Im Anschluss gab es im «Ochsen» als kleines Hochzeitsessen Restbrot, also belegte Brötchen.
Kinder und Rekrutenschule
Gut eine Woche später kam das erste von fünf Kindern zur Welt. Im Sommer schloss Bühler seine Lehre ab, ging in die Rekrutenschule und wurde im Dezember 1952 zum zweiten Mal Vater.
Die Familie zog später wieder nach Winterthur, wo sich Bühler als Politiker der SP einen Namen machte. So war er beispielsweise von 1974 bis 1979 Mitglied im Grossen Gemeinderat und im Anschluss acht Jahre Kantonsrat.
Am Sonntag, 9. Januar, sind Ernst und Maria Bühler auf den Pfaffberg zurückgekehrt. Zusammen mit der Familie feierten die beiden ihren 70. Hochzeitstag. «Es war sehr schön», sagt Bühler sichtlich gerührt
