In der Pandemie kommt es zum Babyboom im Oberland
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Im Spital Uster haben vergangenes Jahr 881 Kinder das Licht der Welt erblickt. Das sind beinahe 100 mehr als noch im Vorjahr.
Auch in der Geburtenabteilung im GZO Spital Wetzikon herrschte stets Betrieb. 897 Babys kamen zur Welt – 77 mehr als im Vorjahr. Diese Zahlen teilten die beiden Spitäler Anfang Woche mit.
Und nicht nur dort hatten die Hebammen alle Hände voll zu tun. Im Geburtshaus Zürcher Oberland halfen diese bei der Geburt von 275 Kindern. Das ist ein Zuwachs von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr, als 236 Babys in Bäretswil zur Welt kamen.
Natürlichkeit und Nachhaltigkeit
«Wir beobachten ein steigendes Interesse an einer Geburt in einem Geburtshaus», erklärt Karin Lietha-Kapp, Geschäftsleiterin des Geburtshauses, auf Anfrage.
Es bestehe in der Gesellschaft ein Trend zur Natürlichkeit und Nachhaltigkeit. «Dieser zeigt sich auch in der Wahl des Geburtsortes und in den Vorstellungen darüber, wie eine Frau gebären möchte.»
«Es ist ein Nischenangebot zwischen der klassischen Spitalgeburt und der Geburt in einem Geburtshaus.»
Sandra Büchler, Pflegemanagerin der Gebärabteilung im Spital Uster
Und diese Welle macht nicht Halt vor den Türen der Spitäler. Das Spital Uster bietet seit rund drei Jahren die sogenannte hebammengeleitete Geburt an.
Bei dieser betreuen Hebammen vom Anfang bis zum Ende die ganze Geburt eigenständig und selbstverantwortlich – ohne dass eine Ärztin oder ein Arzt anwesend sind.
Im Wasser und ohne Medikamente
Gemäss der Mitteilung des Spitals sind im vergangenen Jahr 70 Kinder in Uster auf diese Weise zur Welt gekommen. «Es hat etwas gedauert, bis sich dieses Angebot herumgesprochen hat», sagt Sandra Büchler, Pflegemanagerin der Gebärabteilung im Spital Uster.
Doch nun werde es immer beliebter. «Es ist ein Nischenangebot zwischen der klassischen Spitalgeburt und der Geburt in einem Geburtshaus», ergänzt sie. «Immer mehr Frauen wünschen sich, beispielsweise im Wasser und ohne Schmerzmedikamente zu gebären, wollen aber trotzdem nicht auf die Sicherheit eines Spitals verzichten. »
«Wir können an den Anmeldezahlen für das Jahr 2022 erkennen, dass sich unser Modell bewährt.»
Karin Lietha-Kapp, Geschäftsleiterin des Geburtshaus Zürcher Oberland
Diesen Trend hat man auch im GZO erkannt. Seit November bietet das Spital ebenfalls diese Art der Geburtsbegleitung an. Bisher habe man aber noch keine solche durchgeführt, sagt Carina Schulze, PR- und Marketing-Managerin des Spitals . Im Verlauf des Monats werde es wohl so weit sein.
Für das Geburtshaus in Bäretswil hat das vermutlich keine negativen Auswirkungen. Man sei wegen dieser Angebote der Spitäler nicht unter Druck, betont Lietha-Kapp: «Wir können an den Anmeldezahlen für das Jahr 2022 erkennen, dass sich unser Modell bewährt und sich grosser Beliebtheit erfreut.»
Sie begrüsse es, dass Frauen die Wahl hätten, sich auch in einem Spital für eine hebammengeleitete Geburt zu entscheiden.
Ein Muster in Pandemien
Der Geburtenzuwachs im Oberland deckt sich auch mit den Zahlen anderer Spitäler der Schweiz. Genaue Statistiken auf Bundes- und Kantonsebene liegen jedoch noch nicht vor.
Wieso vergangenes Jahr mehr Kinder zur Welt kamen, darüber möchte Carina Schulze vom GZO nicht spekulieren. «Die Hintergründe dafür zu interpretieren, steht uns nicht zu», betont sie.
Die Vermutung liegt nahe, dass die Corona-Pandemie mitverantwortlich ist für die steigende Zahl der Geburten. Es scheint sich dabei um eine normale Entwicklung in Pandemiezeiten zu handeln. Zu diesem Schluss kommt zumindest Leonhard Schäfer, Leiter der Geburtsabteilung am Kantonsspital Baden.
«Vergleicht man die Geburtenzahlen bei grossen Pandemien des 20. und 21. Jahrhunderts, so kristallisiert sich ein Muster heraus: Mehrere Monate nach dem Ausbruch der Pandemie nehmen die Geburtenzahlen jeweils ab», wird er in einer entsprechenden Medienmitteilung des Spitals zitiert.
«Etwa anderthalb bis zwei Jahre nach dem Ausbruch der Pandemie haben die Geburtenzahlen dann wieder überproportional zugenommen.» Eine ähnliche Entwicklung manifestiere sich nun offenbar auch bei Corona.
Familienplanung aufgeschoben
Denn 2020 wurden im GZO noch etwa gleich viele Geburten registriert wie im Vorjahr. Im Spital Uster ging die Zahl der Geburten im ersten Pandemiejahr sogar um neun Prozent zurück.
«Ich denke, dass wir uns wieder auf dem Schnitt der Vorjahre einpendeln werden.»
Sandra Büchler
«Manche haben erwartet, dass im Lockdown viele Kinder gezeugt werden», meint Sandra Büchler vom Spital Uster. Sie konnte diese Haltung nicht verstehen: «Der erste Lockdown sorgte für Verunsicherung, die Welt war in Schockstarre.» Viele Eltern hätten wohl gerade deshalb die Familienplanung aufgeschoben.
Nun gleiche sich dies wieder aus. «Ich denke, dass wir uns wieder auf dem Schnitt der Vorjahre einpendeln werden.»
Zwar beobachte man im Spital Uster den Trend, dass die Familien wieder grösser werden. «Wir haben mehr Dritt- oder Viertgebärende als noch vor ein paar Jahren», so Büchler. «Doch in der Gesamtrechnung ist das höchstens ein leichter Zuwachs.»
Von A bis Z
Auf Platz eins der Hitliste der beliebten Vornamen für die im GZO geborenen Babys sind bei den Mädchen mit acht Babys der Name Lea und bei den Jungen mit sieben Kindern der Name Aron. Im Spital Uster erhielten neun Mädchen den Namen Leonie, acht Jungen den Vornamen Matteo.
Insgesamt wählten die Eltern im GZO mehr als 700 verschiedene Namen für ihren Nachwuchs: von Abishan bis Zoe. Im Spital Uster ist die Zahl ähnlich hoch: Von Aaron bis Zsanett fanden die Eltern über 680 verschiedene Vornamen für ihre Babys. (bes)
