Wo die Wallfahrt noch heute gelebt wird
Einmal in der Woche pilgern Menschen von nah und fern nach Egg – genauer gesagt in die St. Antoniuskirche auf dem Rücken des Pfannenstils. Sie liegt in der Nähe des Jakobswegs und ist jeden Dienstagnachmittag Veranstaltungsort einer Pilgermesse. Die aus Holz gebaute, katholische Kirche wurde vor 100 Jahren eingeweiht und mutierte wenig später unverhofft zum grössten und bedeutendsten Wallfahrtsort im Kanton Zürich.
« Zu Spitzenzeiten lockte die St. Antoniuskirche jährlich bis zu 200‘000 Menschen nach Egg. Wegen der vielen Pilgerreisenden hat die Forchbahn wöchentlich Extrazüge angeboten » , erzählt Priester Gregor Piotrowski, der seit 2019 als Pfarrer und Seelsorger in der Katholischen Kirchgemeinde Egg/Maur tätig ist.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten die Wallfahrten nach Egg deutlich abgenommen – ausgestorben sei dieser bereits im Frühchristentum praktizierte Brauch heute aber noch lange nicht: Gesamthaft zählen die Dienstagsmessen gemäss Piotrowski heute jährlich rund 5000 Besuchende – in den letzten beiden, von Corona geprägten Jahren habe sich diese Zahl etwa halbiert.
Pilgerfahrt per Auto
Im 21. Jahrhundert bestreiten die meisten Pilgernden den Weg dorthin allerdings nicht zu Fuss oder mit der Forchbahn, sondern mit dem Auto. Kurz nach Mittag beginnen sich die Parkplätze vor der Kirche zu füllen. Die meisten Fahrzeuge tragen ein Zürcher Nummernschild – dazwischen lassen sich aber auch Autos aus den Kantonen Solothurn, Schwyz oder Aargau identifizieren.
Eine ältere Frau spaziert vor der Messe in den Pilgerladen, wo freiwillige Helferinnen unter anderem Bibeln in allen Sprachen, Kreuzschmuck in allen Farben und christliche Accessoires in allen Formen verkaufen. Sie reise seit 20 Jahren jeden Dienstag aus dem Wallis nach Egg zur Pilgermesse, erzählt die Frau.
Eine andere Rentnerin, ursprünglich aus Prag, berichtet Pfarrer Piotrowski auf dem Platz vor der Kirche, sie sei froh, dass sie jetzt in der Nähe wohne. So könne sie die Pilgermesse regelmässig besuchen – vielleicht um ihrem « Schutzengel » zu danken. Dieser habe nämlich viel Arbeit gehabt mit ihr, als sie etwa auf der Skipiste einen unfreiwilligen Salto gemacht und sich dabei den Rücken gebrochen habe.
Reisegruppen aus der Innerschweiz
Piotrowski bestätigt den ersten Eindruck, dass die meisten Pilgermessebesuchenden eher der älteren Generation angehören. Dies begründet er mitunter damit, dass diese Menschen unter der Woche mehr Zeit hätten. « Vor der Pandemie reisten oft ganze Gruppen mit dem Car an – meist aus der Innerschweiz » , sagt er.
Mittlerweile komme das weniger häufig vor, wohl auch wegen der Personenbeschränkung. Da die Messe derzeit nicht zertifikatspflichtig ist, sind momentan höchstens 50 Personen in der Kirche zugelassen, die ihre Kontaktdaten angeben, Masken tragen und Abstände einhalten müssen.
An jenem Dienstag im Herbst füllen sich die 50 Plätze fast vollständig – aber längst nicht nur mit Menschen im Rentenalter. Auch junge Personen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen und Mütter mit Kindern setzen sich auf die Holzbänke. Einige der Gläubigen trudeln bereits lange vor Beginn der eigentlichen Messe im Kirchenschiff ein: Sie treffen sich zur Andacht und beten Rosenkränze.
Das Knochenstück eines Heiligen
Wie die äussere, schindelgedeckte Fassade ist auch das Innere der Kirche fast vollständig in Holz gekleidet. Das lässt erahnen, mit welchen bescheidenen Mitteln diese Kirche einst erbaut wurde. Dennoch ist sie reich dekoriert mit schmiedeeisernen Elementen, Malereien und Statuen von Heiligen.
Unter einem Chorbogen, der mit Engeln und dem Lamm Gottes bemalt ist, befindet sich der helle Hauptaltar der Kirche. In dessen Zentrum steht eine Statue des Kirchpatrons St. Antonius, der ein Jesuskind in seinen Armen hält. Darüber steht auf einem Holzbogen in grossen, goldig glänzenden Buchstaben: « Heiliger Antonius von Padua, bitte für uns! »
Der heilige Antonius ist es, der die katholische Kirche in Egg zum bedeutenden Wallfahrtsort machte und bis heute Pilger aus allen Richtungen anreisen lässt. Der portugiesische Ordenspriester lebte im 12. Und 13. Jahrhundert und wird in der Katholischen Kirche als einer der wichtigsten Heiligen verehrt. Ihm ist die Kirche in Egg gewidmet.
Doch sie ist noch auf eine andere Weise mit deren Schutzpatron verbunden: In der Kirche befindet sich ein Teil seiner originalen, menschlichen Überreste. Unverhofft war die Kirche 1926 zu einer Reliquie erster Klasse des heiligen Antonius gelangt – einem kleinen Stück seiner Knochen (siehe Box). Es liegt eingeschlossen in einer verglasten ovalen Kapsel, die sich in der Mitte eines ornamentalen Reliquienschreins befindet.
Zwischen Tresor und Altar
Gemäss Piotrowski wird dieser Schrein in einem Tresor aufbewahrt. Für die wöchentlichen Pilgermessen wird er aber herausgeholt und auf dem Hauptaltar der Kirche positioniert. Zum Einsatz kommt er jeweils am Ende der Pilgermessen: Der Reihe nach treten die Besuchenden vor den Altar und lassen sich vom Priester mit der Reliquie segnen.
Der Priester, für diesen Zweck in ein glänzendes Gewand gekleidet, führt die Reliquie dabei kreuzförmig zu Stirn und Schultern der Gläubigen, während er den Segen spricht.
Nach katholischem Glauben soll der heilige Antonius zahlreiche Wunder vollbracht haben und er wird beispielsweise bei Krankheiten, Seuchen und Unfruchtbarkeit angerufen. Piotrowski zufolge reisen immer wieder Leute gezielt nach Egg, um Antonius um Heilung zu bitten. Zahlreiche persönliche Dankestafeln von Geheilten zeugen davon, dass die Gebete offenbar in vielen Fällen erhört wurden.
Sie tapezieren den Aufgang zur Orgelempore links neben dem Hauptschiff der Kirche. Vertreten sind Tafeln aus allen Dekaden der letzten hundert Jahre. « Zur Wiedererlangung des Gehörs in Ehrfurcht gestiftet » , « Sei Dank gesagt für die Erhörung in schwerem Anliegen » oder « Besten Dank für seine Hilfe betreffend Geldangelegenheit » ist darauf etwa zu lesen.
Letztere Danksagung verweist bereits darauf, dass d em heiligen Antonius noch weitere Kompetenzen nachgesagt werden – so soll er etwa bei der Partnersuche oder beim Wiederfinden von verlorenen Gegenständen helfen. In manchen Regionen trägt er deshalb auch den Beinamen « Schlampertoni » .
Piotrowski berichtet von einer Frau, die kürzlich nach einem Besuch und einer Geldspende für karitative Zwecke –die Dienste des spirituellen Fundbüros sind offenbar nicht gratis – wichtige Dokumente genau am selben Ort wiederfand, den sie zuvor bereits verzweifelt abgesucht hatte .
Von der bescheidenen Holzkirche zum grössten Wallfahrtsort der Region
Die St. Antoniuskirche in Egg ist seit dem Tag ihrer Erbauung vor 100 Jahren dem heiligen Antonius geweiht. Er war bereits Schutzpatron der Holzkirche, bevor die Katholische Kirchgemeinde Egg in den Besitz einer seiner Reliquien gelangte. In einer Festschrift, die anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Holzkirche verfasst wurde, ist die Entstehungsgeschichte der St. Antoniuskirche überliefert.
Eine katholische Kirche existierte in Egg bereits im Mittelalter. Mit der Reformation im Kanton Zürich zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde sie allerdings zum reformierten Gotteshaus. Fortan war das Abhalten von katholischen Messefeiern verboten und diejenigen, die am katholischen Glauben festhalten wollten, mussten die Region verlassen. Erst im 19. Jahrhundert siedelten sich im Zuge der Industrialisierung wieder vermehrt Katholiken an. Wegen der peripheren Lage der Gemeinde hielt sich diese Bewegung in Egg allerdings in Grenzen.
Das Versprechen des todkranken Pfarrers
Eine der wenigen Katholikinnen, die sich dennoch in Egg niederliess, war Emma Ribary. Sie wollte eigentlich Nonne werden, setzte sich dann stattdessen aber für den Bau einer katholischen Kirche und die Bildung eines Pfarreilebens ein. So kam es, dass für diesen Zweck im Frühling 1921 ein Verein entstand. Innert weniger Monate errichtete dieser mit wenig verfügbaren finanziellen Mitteln eine Holzkapelle, die im Oktober eingeweiht wurde. Der Architekt Josef Löhlein baute zu einem günstigen Preis, da die Kirche seinem Lieblingspatronen Antonius gewidmet werden sollte. Es folgte bald ein Pfarrhaus und 1925 wurde Anton Bolte als erster Seelsorger in Egg eingesetzt.
Gemäss den Quellen war dieser schwer krank und Ärzte prophezeiten seinen baldigen Tod. Deswegen habe Bolte ein Gelübde abgelegt, wonach er dem heiligen Antonius zu Ehren jeden Dienstag einen Gottesdienst abhalten wollte, falls er wieder gesund werden sollte. Entgegen der ärztlichen Prognosen lebte und arbeitete Bolte noch 27 Jahre als Pfarrer in Egg.
Ein teures Geschenk vom Papst
1926 unternahmen einige Katholiken aus Egg eine Wallfahrt nach Rom und übergaben dem damaligen Papst einen Brief von Pfarrer Bolte, der selber nicht an der Reise teilnehmen konnte. Der Papst schenkte der Pilgergruppe daraufhin eine Reliquie des heiligen Antonius mit dem Auftrag, dass der Pfarrer von Egg die Gläubigen fortan mit dieser auf eine besondere Weise segnen soll.
Schnell wurde unter den Katholiken des Kantons bekannt, dass es in Egg eine Reliquie des heiligen Antonius gibt. Schon bald fanden erste Pilgerfahrten aus der näheren Umgebung nach Egg statt. Überlieferungen erzählen von Fällen von Wunderheilungen, die dazu führten, dass die St. Antoniuskirche in Pilgerkreisen noch höhere Wellen schlug. Bald erschienen die Pilger in so grossen Scharen, dass Pfarrer Bolte 1931 den Bau des Antoniusheims veranlasste. Dieses diente als Wallfahrtshotel und bot Kost und Unterkunft. Während rund 30 Jahren wurde es von Ordensschwestern betrieben.
Ausbau und Sanierung
In den darauffolgenden Jahrzehnten wurde die Kirche etappenweise vergrössert, um ein neues Pfarrhaus erweitert und die Seelsorge in den umliegenden Orten ausgebaut.
In den 1980er Jahren zeigte sich, dass die Bausubstanz der Kirche in einem schlechten Zustand war und sie für eine umfassende Sanierung vorübergehend geschlossen werden musste. Da während der Renovationszeit kein genügend grosser Ersatzraum für die Gottesdienste zur Verfügung stand und befürchtet wurde, dass durch eine Schliessung die Kontinuität der Wallfahrt gefährdet würde, liessen die Verantwortlichen ein Kirchgemeindezentrum errichten.1995 war dieses gebaut und zwei Jahre später konnte die St. Antoniuskirche wiedereröffnet werden.
Die St. Antoniuskirche und das gesamte Ensemble rund um die Kirche herum stehen heute unter Denkmalschutz. Das Antoniusheim, das früher oft Pilgerreisende beherbergte, wird gemäss Piotrowski heute nur noch selten von durchreisenden Wallfahrenden zur Übernachtung genutzt.
Gut besucht ist es aber nach wie vor – als Gasthof und Hotel St. Antonius. Im oberen Stock des Restaurants stehen auch heute noch einige modern renovierte Zimmer zur Verfügung.
Imageschaden der Kirche reparieren
Gregor Piotrowski ist es wichtig, dass die Gemeinschaft unter den Gläubigen und der Austausch mit anderen Kirchen gefördert werden. « Der Weg der Kirche ist der Mensch», erklärt er. «Das Ziel ist das Miteinander, nicht die Spaltung. »
So hat er ein offenes Ohr für alle Menschen und ihre Anliegen und zeigt sich auch aufgeschlossen gegenüber einer Modernisierung der Katholischen Kirche, um damit zentrale Werte erhalten zu können.
« Skandale von Missbrauchsvorfällen haben dem Image der Katholischen Kirche sehr geschadet » , sagt Piotrowski. Zusammen mit den anderen Seelsorgern der Römisch-katholischen Kirchgemeinde Egg/Maur will er ein anderes Bild der Kirche vermitteln – eines, das Menschlichkeit und Achtsamkeit ausstrahlt.
Das Fortleben der Wallfahrt in der St. Antoniuskirche kann vielleicht dazu beitragen, die dort gelebten Werte regionsübergreifend weiterzutragen.
