«Nutzungskonflikte sind ganz normal»
Frau Fink, wem gehört der öffentliche Raum?
Alexandra Fink: Der gehört allen.
Aber wenn jemand eine Statue von sich auf den Stadthausplatz stellt, wird die weggeräumt und er bekommt eine Busse.
Wie leben hier alle zusammen, und deshalb muss das Verhalten des Einzelnen im öffentlichen Raum für alle tragbar sein. Es gibt Werte und Normen, ungeschriebene Gesetze, und die sind in Südspanien auf der Piazza anders als bei uns.
Täuscht der Eindruck, dass der öffentliche Raum auch bei uns immer mehr für die Freizeit genutzt wird?
Es gibt diese Entwicklung, die sich in Dübendorf durch das starke Wachstum verstärkt. Immer mehr Leute halten sich im öffentlichen Raum auf, man trifft sich, trinkt nach der Arbeit ein Bier zusammen – Dübendorf ist kein Dorf mehr, sondern eine Stadt mit all den Begleiterscheinungen.
«Unsere Aufgabe ist es, eine gemeinsame Kultur des Zusammenlebens zu entwickeln.»
Die Verantwortlichen in der Stadt sind gerade daran, den öffentlichen Raum aufzuwerten. Verschärfen sie damit nicht die bereits vorhandenen Nutzungskonflikte?
Durch die Aufwertung des Glattquais wurde die Aufenthaltsqualität im Stadtzentrum enorm verbessert. Dass es dabei auch zu Nutzungskonflikten kommen kann, ist in einer Stadt mit 30‘000 Einwohnern völlig normal. Unsere Aufgabe ist es, eine gemeinsame Kultur des Zusammenlebens zu entwickeln.
Der Stadtrat hat einen dreijährigen Versuchsbetrieb für eine SIP Dübendorf bewilligt: Schutz, Intervention, Prävention – was kann man damit bewirken?
Die SIP macht aufsuchende Sozialarbeit, ergänzend zu weiteren Akteuren wie der aufsuchenden Jugendarbeit oder der Polizei; sie ist Ansprechperson im öffentlichen Raum. Auf den regelmässigen Patrouillen geht es darum mit Menschen ins Gespräch zu kommen und ihnen die Folgen ihres Verhaltens aufzuzeigen. Zentral ist dabei, zu vermitteln, dass es auch noch andere Menschen mit Bedürfnissen – zum Beispiel nach Ruhe – gibt.
«Die Abteilung Sicherheit hat den Detailhändler in der Gegend dafür sensibilisiert, keinen Alkohol an bereits betrunkene Personen abzugeben.»
Die SIP ist also gefragt, wenn sich ein Anwohner über lärmende Jugendliche beschwert?
Ja, aber nicht im Sinn einer Aufpasserin, das wäre nicht nachhaltig. Denn kaum ist man weg, geht es wieder von vorne los. Die SIP unterstützt die Leute, Konflikte eigenverantwortlich zu bewältigen. Das geschieht etwa, indem man Anwohner mit den für den Lärm verantwortlichen Personen ins Gespräch bringt. Ist erst einmal eine persönliche Beziehung vorhanden, fördert das gegenseitige Verständnis und man kommt viel eher auf eine einvernehmliche Lösung.
Und wenn das nichts bringt?
Vor rund zwei Jahren kam es zu Problemen am Glattquai. Die Anwohner eines Wohnhauses fühlten sich von den Leuten, die da verkehrten, massiv gestört. Sie litten unter Lärm und Abfall und ärgerten sich völlig zu Recht über die Notdurft in ihrem Garten. In einem ersten Schritt setzten wir uns alle an einen Tisch – Anwohner, politische Verantwortliche, Vertreter aus der Verwaltung und der Polizei – und besprachen die verschiedenen Punkte. Dies Signal an die Anwohner, dass da jemand ist und ihre Probleme ernst nimmt, war sehr wichtig.
Und was hat die Stadt schliesslich gegen das Problem unternommen?
Neben gezielten Patrouillen an der Glatt wurden zwei Kompost-Toiletten aufgestellt, und die Abteilung Sicherheit hat den Detailhändler in der Gegend dafür sensibilisiert, keinen Alkohol an bereits betrunkene Personen abzugeben. Mittlerweile hat sich die Situation merklich verbessert.
Bei Problemen im öffentlichen Raum wird in den Sozialen Medien oft pauschal gegen «die Jugendlichen» gewettert. Zu Recht?
Nein, diese Vorverurteilung der Jugendlichen ist für mich falsch. Auch Erwachsene verhalten sich gerne mal auffällig, wenn sie zusammen unterwegs sind. Das habe ich immer wieder erlebt, wenn ich mit der SIP unterwegs war; in der Gruppe spüren sich die Menschen oft nicht mehr. Bei den Jugendlichen ist es aber so, dass der öffentliche Raum für sie enorm wichtig ist, denn er dient ihnen als Experimentierfeld auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Eine wichtige Entwicklungsaufgabe in der Adoleszenz ist die Entwicklung der eigenen Identität und damit auch eigener Normen und Werte. Mit ihrem lauten oder auffälligen Verhalten testen sie auch, welche Reaktionen sie damit auslösen.
Fehlt es in Dübendorf nicht einfach an einem Ort, an dem sich Jugendliche ungestört aufhalten können – gerade in der kalten Jahreszeit?
Jugendliche suchen sich ihre Nischen. Aber es stimmt, viele Möglichkeiten gibt es für sie hier nicht. Ein gutes Angebot ist der mobile Pumptrack der städtischen Kinder- und Jugendarbeit.
Regelmässig für Ärger sorgt das Littering. Wieso werfen Menschen ihren Müll nicht einfach in den Abfallkübel?
Da gibt es keine einfache Erklärung. Littering ist ein gesellschaftliches Problem, das vielleicht mit der Erziehung zu tun hat, oder die Leute sind einfach zu faul, ein paar Meter zum Abfalleimer zu laufen. Es gibt gewisse Massnamen, die helfen. In Zürich am See haben sie Container aufgestellt, damit jeder merkt, wo er den Abfall hinschmeissen soll. Was ich auch schon zu hören bekommen habe: Es kommt ja sowieso das Putzwägeli und räumt alles weg.
« Wenn man die Bevölkerung in die Planung und Entscheidungsfindung einbezieht, bekommt man mehrheitsfähige Lösungen.»
Genau, man lernt es natürlich nie, wenn das Mami den Dreck hinter einem aufräumt.
Deshalb versuchen wir ja mit der partizipativen Aktion «Suubers Dübi» auch auf die Thematik aufmerksam zu machen. Raumpaten und Raumpatinnen befreien ehrenamtlich ein von ihnen gewähltes Gebiet wie eine Quartierstrasse, einen Platz oder ein Flussufer von Abfall. Neben dem Fötzelen glaube ich, hat dieses Projekt auch eine präventive Wirkung, wenn Menschen ihre Nachbarn sehen, wie diese – auch ihren – Müll zusammenklauben. Etwas, das übrigens wirklich gut funktioniert.
Auch in anderen Bereichen setzt man in Dübendorf in letzter Zeit auffällig oft auf die Partizipation der Einwohner. Wieso das?
Wenn man die Bevölkerung in die Planung und Entscheidungsfindung einbezieht, bekommt man mehrheitsfähige Lösungen und Denkanstösse, auf die wir im Stadthaus vielleicht gar nicht gekommen wären. Ein gutes Beispiel ist der Spielplatz an der Oskar Bider-Strasse, den die Stadt aufwerten möchte. Erst wurde die Meinung der Anwohner und künftigen Benutzer der kleinen Anlage mittels Umfrage eingeholt, dann wurden die Ideen an einem Mitwirkungstag konkretisiert.
«Ich habe mich ein wenig gewundert, dass in Dübendorf wie auch in Zürich die Rückkehr in den öffentlichen Raum doch recht zögerlich stattgefunden hat.»
Und die Nachbarn haben mitgemacht?
Ich war überrascht, wie viele Personen sich beteiligt haben. Das ist nicht nur gut für das Projekt an sich, weil die unterschiedlichen Bedürfnisse abgeholt werden konnten. Es fand auch ein Austausch unter den Nachbarn statt, was bei allfälligen Konflikten, wie anfangs erwähnt, sehr hilfreich sein kann. Das ist etwas, das sich in Zürich bereits institutionalisiert hat und nicht mehr wegzudenken ist. In Dübendorf sind wir damit ganz am Anfang, diese Aufbauarbeit ist hochspannend.
Hat sich durch Corona die Wahrnehmung des öffentlichen Raums verändert? Immerhin waren viele Plätze und Wege während des Lockdowns gesperrt – eine ganz neue Erfahrung.
Für die Jugendlichen waren all diese Massnahmen eine Katastrophe, weil der soziale Austausch, der für sie so wichtig ist, grösstenteils wegfiel. Jugendliche leben im Hier und Jetzt, sie zu vertrösten, dass die Einschränkungen in zwei, drei Monaten aufgehoben würden, funktioniert nicht. Und dennoch haben sie freiwillig auf vieles verzichtet, für die ältere Generation. Letztlich habe ich mich ein wenig gewundert, dass in Dübendorf wie auch in Zürich die Rückkehr in den öffentlichen Raum doch recht zögerlich stattgefunden hat. Inzwischen haben wir aber wohl wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht. Zumindest haben die Raumpatinnen und Raumpaten gemeldet, dass die Abfallmenge mittlerweile wieder vergleichbar gross ist wie vor der Pandemie.
Zur Person
Alexandra Fink arbeitet seit gut zwei Jahren als Beauftragte öffentlicher Raum in Dübendorf. In dieser Funktion ist sie ein Bindeglied zwischen den verschiedenen Verwaltungsabteilungen und der Politik, treibt die Mitwirkung durch die Bevölkerung voran und ist Leiterin des Projekts SIP Dübendorf.
Fink hat Soziale Arbeit studiert und danach im stationären Bereich und in der offenen Jugendarbeit gearbeitet. Während elf Jahren leitete sie die Offene Jugendarbeit Wollishofen & Leimbach. Sie absolvierte eine Weiterbildung in Management von Prozessen in Gemeinde-, Stadt- und Regionalentwicklung und führte in verschiedenen Gemeinden partizipative Bedarfserhebungen durch.
