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Der verkaterte Weg einer jungen WG zum eigenen Unternehmen

In Greifensee hat eine junge, trinkfreudige WG namens «Turtles» neue Cocktails kreiert, die sie als Paket verschicken. Bis es soweit war, haben die vier viel degustiert und einige Kater durchgeseucht.

Unter dem Namen «Turtle Drinks» verkauft die WG Cocktails wie «Wine Not» mit Mischgetränk, Snacks und Röhrli., Die «Turtles» sind Kim Pasche (rechts), Nicole Kessler, Mohammed Dlela und Jannik Rauin (mit Hund Toru)., In ihrer WG in Greifensee haben sie fünf eigene Drinks kreiert., Sogar die Lavendelblüten gehören im Paket zum Drink «Wasted Hippo» zum Lieferumfang.

Fotos: Christian Merz

Der verkaterte Weg einer jungen WG zum eigenen Unternehmen

In der Tumigerstrasse in Greifensee gibt es einen Arzt, die Feuerwehr und die Turtle-WG. Wer denkt, letzteres seien Mutantinnen und Mutanten, die in den Katakomben der Gemeinde Pizza fressen, ist irgendwo in einer US-Zeichentrickserie der 80er-Jahre hängengeblieben. Die Klingel mit der Aufschrift «Turtelgang» ist jedenfalls ganz überirdisch neben dem Eingang eines modernen Hausteils montiert. Doch klingeln ist unnötig, denn neben der Haustüre wartet bereits Jannik Rauin und raucht eine E-Zigarette. Der 29-Jährige lädt herein, wo schon die anderen drei Turtles warten: Kim Pasche, Nicole Kessler und Mohammed Dlela. Hund Toru ist das jüngste Mitglied der verschworenen Wohngemeinschaft.

Die Stube der WG ist beinahe klinisch sauber, weisse Bodenfliessen, ein Esstisch, ein Fernseher auf drei Paletten gestellt und eine Sofalandschaft, auf dem ein ganzer Kindergarten Platz finden würde. «Das Kriterium für die Wahl eines WG-Sofas war: Es müssen alle darauf Platz haben, um Serien schauen zu können», sagt Nicole Kessler am Esstisch. Und mit alle meint sie auch die anderen beiden WG-Mitglieder, die heute nicht hier sind, aber auch nicht zum eigentlichen Kern der Turtles gehören . «Die eine Hälfte pennt dann jeweils schnell ein», sagt Kim Pasche, «mühsam, dann müssen wir alle Folgen nochmal schauen.»

«Wir haben zwar Brettspiele, aber bei weitem nicht genug für mehr als 20 Tage in Quarantäne.»

Jannik Rauin, Mitglied der «Turtle»-WG

Hinter dem grosszügigen Sofa säumen ein Holzkasten, gefüllt mit hochprozentigem, ein Weinregal – beidseitig mit weiteren Flaschen flankiert – und sechs grosse Holzregale mit allerlei Spirituosen die Wand. Das Angebot an Alkoholika düpiert manch gut geführte Bar. Die Bewohner nennen sie «die wohl grösste Privatbar, welche die Schweiz zu bieten hat».

Trinken für den geschäftlichen Erfolg

Und aus den Spirituosen wollen sie seit Corona Kapital schlagen. Nachdem der Bund Massnahmen gegen die Pandemie verhängt hatte, langweilten sich die WG-Mitglieder, weil ihnen einer ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen genommen wurde: Das Entdecken neuer Bars. Zudem mussten sie, nachdem Mohammed Dlela zweimal positiv auf Covid getestet worden sei, mehr als 20 Tage in Quarantäne. «Wir haben zwar Brettspiele», sagt Jannik Rauin, «aber bei weitem nicht genug für so eine lange Zeit.»

Und die 28-jährige Pasche ergänzt: «Wir haben eine Bar voll Alkohol, das hat uns gerettet.» Sie erzählt, dass sie eines Abends zusammen begonnen haben, einen neuen Drink zu mixen. «Ein paar Stunden später standen 30 Flaschen auf dem Tisch und 20 gebrauchte Gläser.»

«Wir sehen und als Genusstrinker, denn wir trinken zwar oft, aber meist nicht viel.»

Kim Pasche, Mitglied der «Turtle»-WG

Es habe mehrere solcher Abende gegeben, an denen sie intensiv gemischt und degustiert hätten, sagt Nicole Kessler, und ihre Freundin Kim Pasche ergänzt: «Wir haben aber nicht immer bis am Abend damit gewartet.»

Pasches Fazit: «Per Definition wären wir eigentlich Alkoholiker. Aber wir sehen und als Genusstrinker, denn wir trinken zwar oft, aber meist nicht viel.»

Darum «Turtles»

Trotz einigen unvermeidlichen Katern sei die Idee geblieben, die kreierten Drinks unter die Leute zu bringen. «Erst wollten wir die Drinks mit einem Fahrzeug, analog eines Foodtrucks, anbieten.» Doch die Investition in ein solches Projekt wäre zu hoch gewesen, sagt Pasche.

Dann seien sie auf die Idee gekommen, die Zutaten für die Drinks in Paketen an die Kunden zu verschicken. Es war die Geburtsstunde von «Turtle Drinks».

Wieso die WG ihr Unternehmen so taufte und sich selber als Turtle-Gang bezeichnet, weiss Jannik Rauin zu erzählen. Als Landschaftsgärtner pflege er auch den Garten der Eltern des Chefs, sagt er. Die hätten etwa 30 Schildkröten. «Eines Tages habe ich ein Klopfen und ein lustiges Pfeifen gehört. Als ich mich umsah, entdeckte ich zwei der Schildkröten neben mir beim Vögeln.» Die WG ist insbesondere amüsiert darüber, wie Rauin das Geräusch der kopulierenden Schildkröten nachahmen kann.

«Mohammed bringt Ideen von der Arbeit und weiss welche Zutaten gut zusammenpassen.»

Nicole Kessler, Mitglied der «Turtle»-WG

Und so ist der Name Turtles geblieben. Mittlerweile gibt es auf der Internetseite von «Turtle Drinks» fünf Cocktails zu bestellen. Ordert man beispielsweise einen «Fascht en Negroni», so bekommt man einen fertig gemixten Drink in einer versiegelten Flasche mit Korkverschluss und liebevoll designter Etikette, vier eingeschweissten getrockneten Orangenscheiben, Snacks und Röhrli. Die Kreation ist sechs Monate haltbar und für vier Personen gedacht.

Investition und waghalsige Drinks

Bei der Produktion der neu erfundenen Drinks können die vier auch auf das Knowhow aus den eigenen Reihen zählen. Kim Pasche ist KV-Angestellte und macht derzeit eine Ausbildung als Marketing-Fachfrau. Sie besuchte in Miami eine Bartenderschule und arbeitet teilweise zusammen mit dem 32-jährigen Mohammed Dlela in einer Bar, der diese als Chef führt. Dlelas Kenntnisse aus seinem Arbeitsalltag an der Bar schätzen seine Mitbewohner. «Er bringt Ideen von der Arbeit und weiss welche Zutaten gut zusammenpassen», sagt Kessler.

Die WG ist sich aber einig: Der Mann für die waghalsigen und eher bitteren Drinks ist Jannik Rauin. Er experimentiere mit Whisky und Rum, und habe auch den Drink «Fascht en Negroni» ins Leben gerufen. Und werden ihm bittere Drinks in der WG serviert, sage er jeweils: «Ja, schmeckt gut.»

Rund 5‘000 bis 6‘000 Franken hat die WG bisher in das Geschäft gesteckt. In der Gewinnzone sei man noch nicht. Das störe aber auch nicht, weil alle berufstätig seien. Die vier wünschen sich aber, dass mehr Leute ihre Cocktails für den eigenen Konsum bestellten. Stattdessen würden derzeit viele die Cocktails als Geschenk für Freunde oder Familie verschicken lassen.

Deswegen wollen sie bald kleine Fläschchen mit ihren Cocktails anbieten, die auch für unterwegs gedacht sind. «Etwa für Männer, die  auf den Weg in den Ausgang oft noch ein Bier mitnehmen», sagt Pasche.

Lebensmittelinspektor im Haus

Nachdem die Gemeinde Greifensee den Turtles in diesem Jahr das Patent zur Führung eines Klein- und Mittelverkaufsbetriebs erteilt hatte, bekam die WG auch schon Besuch vom Lebensmittelinspektor. Der habe sie auf ein paar Sachen hingewiesen und ihnen gute Tipps gegeben. Etwa, die saubere Trennung der Produktion von der restlichen WG. Dafür haben sie im Keller eine Küche zu einer Art Labor umfunktioniert, wo fein säuberlich jedes Kästchen angeschrieben ist und alles rigoros aufgeräumt ist.

«Die Mitarbeiter des Rio Getränkemarkt in Uster kennen uns mittlerweile gut.»

Kim Pasche, Mitglied der «Turtle»-WG

Dass der Zusammenhalt der vier Turtles eng ist, ist offensichtlich. Kürzlich waren sie zusammen mit dem Auto eine Woche in Süditalien unterwegs. Ausnahmsweise hätten sie dort mal keine Cocktails getrunken, sondern Wein.

Ansonsten hat jedes WG-Mitglied seinen Lieblingsdrink. Was sich auch auf den Bestand der Spirituosen auswirkt. Eine leere Flasche sofort zu ersetzen sei höchstes Gebot, sagt Pasche. «Die Mitarbeiter des Rio Getränkemarkt in Uster kennen uns mittlerweile gut. Auch weil wir zeitweise zweimal am Tag hingingen.»

 

Die fünf Turtle Drinks

Im Shop der Webseite bieten die «Turtles» fünf Drinks an. «Wasted Hippo», « Kaleidoscope», «Fascht en Negroni», « Drop my Brain» und « Wine Not¿». Die Cocktails für vier Personen mit den frischen Zutaten kosten pro Paket 49 Franken, dazu kommen noch Versandkosten. Weitere Infos unter www.turtledrinks.ch

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