Bettswiler Theologe schreibt Lexikon zur Ortshistorie
Mit 79 Jahren ist Prof. Dr. Armin Sierszyn noch kein bisschen müde. Der Theologe und ehemalige Pfarrer von Bauma beschäftigt sich auch in seiner Zeit als Rentner noch intensiv mit seiner Passion: der Ortskunde. «Seit meiner Pensionierung als Pfarrer im Jahr 2008 schreibe ich fast jede Nacht, die Arbeit hält mich geistig fit», sagt Sierszyn.
Solange man auch im hohen Alter einen Sinn im Leben sehe und einem die Arbeit liege, sei man tendenziell gesünder und dem Leben mehr verbunden. «Zum älteren Eisen zähle ich mich eigentlich erst seit dem letzten September, als meine Mutter mit 99 Jahren verstorben ist.» Armin Sierszyn wohnt in Bettswil bei Bäretswil und geniesst einen hervorragenden Blick über das Zürcher Oberland. «Bei gutem Wetter sieht man hier bis in die Berner Alpen.»
Seit jeher rastlos
Mütterlicherseits stammt Sierszyn aus dem alten Zürcher Oberländer Bauernstand. Sein Vater war ein im Zweiten Weltkrieg in der Schweiz internierter Pole. «Auch mein Vater war Bauer und Viehzüchter», sagt Sierszyn. Ihm liegt die Landwirtschaft ebenfalls nahe. «Auf dem Land konnte ich nebst meinen vielen Tätigkeiten stets den nötigen Ausgleich finden.» Der ehemalige Professor bezeichnet die Landwirtschaft als einen «Jungbrunnen» für die geistige Kraft.
Nebst seinem Beruf als Pfarrer war Armin Sierszyn 1973 bis 2013 Professor für Theologie an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel. «Wöchentlich mit Studenten zusammenzuarbeiten und deren Ideale und Vorstellungen kennenzulernen, hat wohl ebenfalls dafür gesorgt, dass ich geistig noch wach und hungrig bin», mein Sierszyn.
Auch als damals 70-jähriger Professor hätte er noch weitergemacht. «Irgendwann kommt man eben in ein Alter, wo es dann heisst, man solle sich zurückziehen.» Oft sei er morgens um 5 Uhr früh von Bettswil aus während drei Stunden bis nach Basel gereist, um sein theologisches Wissen an kommende Generationen weiterzugeben. «Die Kirche stirbt nie, da das Geistige niemals sterben wird.»
Ortsnamen übermitteln Wissen
Die Theologie ist laut Sierszyn eng mit der Heimatkunde verbunden. Dies war für ihn ein Ansporn, ein grosses Lexikon herauszugeben. Von A bis Z ist im Buch von Armin Sierszyn «9000 Orts- und Flurnamen» jede kleinste Ortschaft der Bezirke Pfäffikon und Hinwil aufgelistet. Die ersten 30 Seiten dienen der Einführung, die restlichen 537 Seiten sind wie ein Lexikon gestaltet. «Gerne hätte ich auch noch den Bezirk Uster abgearbeitet, aber das wäre dann doch zu viel geworden», sagt Sierszyn.
Gemäss dem passionierten Ortskundler ist die Namensforschung in der Ortskunde so etwas wie das Fadenkreuz der Geschichte und der Sprachwissenschaft. «Mein eigentlicher Motivator für das Buch war der Lehrer Karl-Werner Glaettli, der 1945 eine Festschrift zum 1200-Jahr-Jubiläum von Hinwil geschrieben hat.» 1978 habe sich Sierszyn erstmals intensiv mit der Ortskunde auseinandergesetzt und im Jahr 1983 brachte er sein erstes Buch mit Flurnamen von Bäretswil heraus.
«Glaettli hatte sich einst mit Hinwil beschäftigt und ich mich schon mit Bäretswil. Ich wollte das unbedingt umfangreich erweitern und ein aktuelleres Werk verfassen», erklärt Sierszyn. Dafür habe er sich intensiv mit Ortsgeschichten, Notariatsprotokollen und historischen Karten aller 21 Gemeinden der Bezirke Pfäffikon und Hinwil beschäftigen müssen.
Hilfe von Historikern
Ganz alleine und ohne jegliche fachliche Hilfe hätte es Armin Sierszyn trotz seiner Erfahrung und Leidenschaft mit Orts-und Flurnamen nicht geschafft, ein solch grosses Lexikon zu verfassen. «Ich habe mich bei vielen Gemeinden gemeldet und direkt nach Ortshistorikern verlangt, um meine Auflistungen überprüfen zu lassen.» Die Ortshistoriker hätten drei Monate Zeit gehabt, seine Arbeit zu prüfen und seien begeistert mitgezogen.
Technische Hilfe erhielt der bald 80-Jährige von seinem Schwiegersohn, einem Computerfachmann. «Ihm habe ich die Auflistung von 9000 Namen gesendet, damit er für jede Gemeinde eine Exelliste erstellen konnte.» Allein in der Gemeinde Bauma habe es sich um 800 bis 850 Orts- und Flurnamen gehandelt, in Bäretswil gar um zirka 1600 Namen.
Mundartnamen und historische Anekdoten
Das vor Orts- und Flurnamen nur so strotzende Sachbuch birgt ein paar interessante wie auch amüsante Anekdoten. So wird erkennbar, wie menschliche Körperteile einst einen grossen Einfluss auf die Namensgebungen von Orts- und Flurnamen hatten. «Viele Namensgebungen wurden von Körperteilen wie dem «Chopf», «Hals», «Rugge» oder sogar dem «Arsch» beeinflusst», sagt Sierszyn. So gibt es in der Gemeinde Wila den Giessen Arschbach. 1541 gab es in der Gemeinde Fischenthal den «Püntenarsch», der einst zu «Bütenars» – heute «Charhörnli», an der Gemeindegrenze zu Bauma, umbenannt wurde.
Auch der Ortsname der Gemeinde Pfäffikon hat eine bewegte Geschichte hinter sich. So nannte man Pfäffikon im Jahr 811 noch «Faffinchowa» und im Jahr 867 «Faffinchovun», was so viel bedeutet wie: bei den Höfen der Leute des Pfaffen. Erst im Jahr 1304 nahm der Ortsname Ähnlichkeit mit dem heutigen an. Damals hiess die Gemeinde «Pfeffinkon».
Das Buch enthält auch einige Kurzgeschichten. So wird der berühmteste Oberländer Dichter Jakob Stutz aus Isikon erwähnt, der 1801 geboren wurde und als Knecht das Hungerjahr 1817 miterlebte. «Er gilt als einer der wichtigsten Kulturhistoriker der Region», sagt Sierszyn. Über den einstigen Kampf um das Burgfräulein Adelheid von Werdegg zwischen dem Jäger Türst und dem Ritter von Gündisau, enthält das Buch von Armin Sierszyn eine Zeichnung seiner Tochter Mirjam Sierszyn aus dem Jahr 1996.
Ein Flurname ist die namentliche Bezeichnung eines kleinräumigen Teils der Landschaft. Flurnamen teilen das Gelände ein und tragen zur Orientierung und Identifizierung bei. Seit mehr als tausend Jahren gibt es ein Heer von Orts-und Flurnamen, die zur Oberländer Heimat und Sprache gehören. Diese spiegeln gesellschaftliche, wirtschaftliche, mentale, religiöse und kulturelle Entwicklungen sowie Zusammenhänge.
