«Die Allgemeinmedizin als Fachrichtung wird oft belächelt»
Herr Kasina, Sie sind viel in der Welt herumgekommen und jetzt im beschaulichen Wila angekommen. Warum sollte es gerade dieser Arbeitsort sein?
Rafal Kasina: Genau, ich bin in Kanada geboren, habe in Polen und Frankreich studiert, zeitweise auch Praktika in den USA gemacht und dann meine Ausbildung in der Schweiz absolviert. Seit 2011 wohne ich hier und durfte hier in grossen und kleinen Spitälern und zuletzt in einer grösseren Praxis arbeiten.
Doch mir war immer klar, dass ich gerne als selbstständiger Hausarzt tätig sein möchte. Beim Bewerbungsprozess auf meinem Weg in die Selbstständigkeit bin ich dann auf Daniela und Hans-Peter Mösch gestossen. Wir hatten mehrere Gespräche und haben uns schnell gefunden. Ich freue mich jetzt, in einer Praxis auf dem Land zu arbeiten.
Seit 2020 gibt es das Gesundheitszentrum Wilacare. War diese neue Einrichtung auch ein ausschlaggebender Punkt?
Auf jeden Fall. Die Infrastruktur in Wila ist sehr gut. Es gibt ein gutes Team, das sich um diverse Belange kümmert. Ausserdem arbeiten neben Doktor Mösch noch weitere Spezialisten bei Wilacare, so kann man sich gegenseitig unterstützen.
Auch mit guter Infrastruktur ist der Hausärztemangel in der Schweiz gross. Vor allem auf dem Land. Wieso haben Sie sich für die Allgemeinmedizin entschieden?
Die Sicherstellung der Grundversorgung ist für mich äusserst interessant. Von körperlichen Schmerzen zu psychischen Problemen, von jungen Patienten bis zu Senioren – die Arbeit als Hausarzt ist sehr vielfältig. Man muss ein sehr breites Wissen haben und sich in vielen Fachgebieten auskennen. Das hat mich stets mehr gereizt als eine Spezialisierung in nur einem Bereich. Spezialist bin ich ja trotzdem, für Allgemeine Innere Medizin.
« Als Hausarzt trägt man ausserdem extrem viel Verantwortung und man muss in diversen Fachgebieten sattelfest sein. »
Hans-Peter Mösch hatte einst eine Ärztin gefunden, die neben ihm in Wila tätig sein wollte. Sie ist aber abgesprungen. Wieso ist der Beruf als Hausarzt so unattraktiv?
Hierfür gibt es sicherlich viele Gründe. Viele junge Medizinerinnen und Mediziner wollen eine Spezialrichtung wählen, weil ihnen gar nicht bewusst ist, was die Allgemeinmedizin zu bieten hat. Das wird im Studium nämlich zu wenig thematisiert.
Die Allgemeinmedizin als Fachrichtung wird vielleicht auch deshalb noch oft belächelt – völlig zu Unrecht. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Als Hausarzt trägt man ausserdem extrem viel Verantwortung und man muss in diversen Fachgebieten sattelfest sein. Mir gefällt diese Herausforderung, andere haben Respekt davor.
In Wila werden Sie nun selbstständig arbeiten, auf eigene Rechnung. Haben Sie vor dieser Herausforderung Respekt?
Natürlich ist es eine neue Situation. Als Selbstständiger hat man mehr Freiheiten, das kann ein Vor- aber auch ein Nachteil sein. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen aus dem Studium möchten das nicht und arbeiten deshalb lieber angestellt in einem Spital oder einer grösseren Praxis. Aber für mich ist es genau das, was ich wollte. Ich habe eine lange Ausbildung absolviert, bin in der Zwischenzeit Facharzt und Ende Oktober werde ich meinen Doktortitel erhalten. Jetzt ist die Zeit reif, den nächsten Schritt zu wagen.
« Wer sich für die Medizin entscheidet, der weiss, dass man im Berufsleben sehr viel arbeiten muss. »
Hans-Peter Mösch sagte einst, dass er mehr arbeite als es ein Vollzeit-Pensum eigentlich vorsehe. Wie werden Ihre Arbeitszeiten aussehen?
In Wila kann ich nun Hans-Peter Mösch etwas entlasten, denn er arbeitet wirklich sehr viel. Es muss sicher immer ein Arzt in der Praxis verfügbar sein. Wer sich für die Medizin entscheidet, der weiss, dass man im Berufsleben sehr viel arbeiten muss. Seien es Nachtschichten im Spital oder lange Arbeitstage. Das ist bei mir nicht anders. Und das wird es auch nicht in einer Hausarztpraxis.
« Ich hätte mich nicht für diesen Schritt entschieden, wenn ich mir keine längerfristige Tätigkeit in Wila vorstellen könnte. »
Die meisten Patientinnen und Patienten kennen bisher nur Hans-Peter Mösch als ihren Hausarzt. Wie stellen Sie sich ihren Start bei Wilacare vor?
Es wird sicherlich Zeit brauchen, bis mich die Patientinnen und Patienten kennen und ich auch sie kennengelernt habe. Ich werde mein Bestes geben und bin mir bewusst, dass ich eine grosse Verantwortung übernehme.
Ist das nun ein Engagement auf Lebenszeit? Werden Sie für immer Hausarzt in Wila sein?
Ich hätte mich nicht für diesen Schritt entschieden, wenn ich mir keine längerfristige Tätigkeit in Wila vorstellen könnte. Aber es wäre nicht klug, wenn ich grosse Zukunftsaussichten wage. Ich lasse alles auf mich zukommen.
Muss man als Hausarzt auf dem Dorf heute noch in der Gemeinde selber wohnen?
Da gibt es verschiedene Ansichten. Aktuell plane ich nicht, mit meiner Familie nach Wila zu ziehen. Wir wohnen aber in der Nähe. Ich bin in 20 Minuten mit dem Auto in der Praxis. Es ist schön, kann ich in der Region arbeiten, in der ich wohne.
