Jäger warnen vor Unfällen mit Wildschweinen
Die Wahrscheinlichkeit mit Wildschweinen zu kollidieren, ist laut Jagdexperten wieder grösser geworden. «Allein im Jahr 2020 mussten Jäger im Kanton Zürich laut Statistik der Kantonspolizei 5000-mal aufgrund von Unfällen oder anderen Vorkommnisse mit Wildtieren ausrücken, für Jäger sozusagen ein Dauerpikettdienst», meint Hans Peter Fäh, der zuständige Jagdaufseher für die Gemeinde Pfäffikon. Für sein Jagdrevier ist Fäh wie alle Jäger 365 Tage im Jahr voll zuständig.
Die Zahl der Unfälle mit Wild wie Rehen ist im Vergleich zu Unfällen mit Wildschweinen zwar höher. Die Zahl beläuft sich im Kanton Zürich auf zirka 1500 Unfälle pro Jahr. Die Zahl der Unfälle mit Wildschweinen belief sich im Jahr 2020 auf 50. «Die Zahl der Wildschweinunfälle wird steigen, wobei es mit diesen Tiere allein wegen ihrer Grösse und ihrem Gewicht mehr rumpeln wird», meint Ernst Fahrni, der Jagdobmann der Jagdgesellschaft Pfäffikon. Ein männliches Wildschwein, ein sogenannter Keiler, kann bis zu 100 Kilogramm wiegen.
«Ein Pöstler kollidierte mit einem Wildschwein und rief einen Arbeitskollegen an, um seine Ladung umzuladen. Da kam plötzlich ein zweiter Keiler angerannt und fing an, den Wagen wild schnaubend zu umkreisen.»
Ernst Fahrni, Jagdobmann Bezirk Pfäffikon
Erst kürzlich musste der Jagdobmann vom Bezirk Pfäffikon, Ernst Fahrni, morgens um drei Uhr wegen einem Unfall mit Wildschweinen ausrücken. «Ein Pöstler kollidierte mit einem Wildschwein und rief einen Arbeitskollegen an, um seine Ladung umzuladen. Da kam plötzlich ein zweiter Keiler angerannt und fing an, den Wagen wild schnaubend zu umkreisen.»
Zum Glück hätten sich die Beiden in dem Wagen einschliessen und retten können. «Wenn ein Tier angefahren ist und sich ein anderes in der Nähe befindet, im schlimmsten Fall eine Muttersau, dann ist der Ärger vorprogrammiert», sagt Fahrni. Er habe die beiden Männer ziemlich verängstigt vorgefunden. Laut Jagdexperten sollte man bei einem solchen Unfall mit Wildschweinen auf jeden Fall im Wagen sitzen bleiben. Genaue Anweisungen (siehe Box).
Mehr Nahrung, weniger Lebensraum
Dass immer häufiger Wildschweine mit dem Menschen in Konflikt gerieten, liege laut Fäh auch daran, dass der Mensch durch Baumassnahmen wie Landstrassen oder Siedlungsgebiete immer weiter in die Lebensräume von Wild eindringt und die Tiere zugleich durch die Landwirtschaft, wie Ackerfelder die nahe an Waldrändern liegen, angelockt werden.
Die grossen Maisschläge und andere nahrhafte Nahrungsmittel wie Eicheln seien für Wildschweine ein willkommenes Kraftfutter. Die generell eher milderen Winter würden ihr Übriges dazu beitragen, dass die Vermehrung zunehme. «Die erhöhte Fortpflanzungsrate der Wildschweine wird von Experten auf 200 Prozent bis 300 Prozent pro Jahr geschätzt», sagt Fäh. Die Wildschweine im Züricher Oberland bewegen sich durchschnittlich in Gruppen von acht bis zehn Tieren, Tendenz steigend. Genaue Zahlen über die Population von Wildschweinen im Kanton gibt es indes nicht.
Feinfühlige Tiere
«Grundsätzlich werden Wildschweine ihrem Namen nur selten gerecht», sagt Fäh. Wildschweine seien friedliebende Tiere, die sich vor den Menschen fürchten und ihnen, wenn möglich, aus dem Weg gehen. «Erst wenn sich die Tiere bedroht fühlen, verletzt sind oder sich in der Situation befinden, ihre Jungen verteidigen zu müssen, kann es ungemütlich und für den Menschen mitunter sehr gefährlich werden.»
Zudem seien Wildschweine sehr intelligent, verfügten über einen hervorragenden Geruchssinn und seien Meister im Überlebenskampf. Egal, welche Witterungsverhältnisse gerade herrschen. «Sie sind Allesfresser und fressen zum Teil sogar Rehböcke.»
«Erst wenn sich die Tiere bedroht fühlen, verletzt sind oder sich in der Situation befinden, ihre Jungen verteidigen zu müssen, kann es ungemütlich und für den Menschen mitunter sehr gefährlich werden.»
Hans Peter Fäh, Jagdaufseher Gemeinde Pfäffikon
Mit der erhöhten Population steigen auch die Probleme. Nicht nur im Bereich von Unfällen. «Auch für die Landwirtschaft stellt die hohe Anzahl an Wildschweinen ein Problem dar. Oft bekomme ich Anrufe von Bauern die meinen, man müsse endlich etwas tun und mehr Tiere abschiessen», erklärt Fäh.
So können Wildschweine in einer Nacht ein ganzes Sonnenblumenfeld zerstören. Bei Maisfeldern hingegen sind die Schäden oft nicht auf den ersten Blick ersichtlich, da die Tiere zwar von aussen in die Felder eindringen, diese jedoch von innen her leerfressen würden.
Schlimme Unfälle
Ein Hauptproblem bei Unfällen mit Wild sei auch die Fahrerflucht. Oft gebe es Fälle, bei denen Autofahrer nach einer Kollision einfach weiterfahren würden. Wobei es bei Wildschweinunfällen eher schwieriger sei, Fahrerflucht zu begehen, da die Schäden meist massiv und Aufpralle mit Tieren von bis zu 100 Kilogramm schwerwiegender seien. «Wer allenfalls einfach weiterfährt und ein Tier ohne Meldung liegen lässt, sollte nicht damit rechnen, dass er oder sie nicht ermittelt und zur Verantwortung gezogen wird», sagt Jagdobmann Fahrni. Die Bussen belaufen sich mittlerweile auf bis zu 1‘000 Franken und der Führerschein könne bis zu drei Monate entzogen werden.
In solchen Situationen seien die Jäger dann stets gefragt, da sie diejenigen seien, welche die verletzten Tiere von ihrem Leid zu erlösen und die Unfallbeteiligten zu schützen haben.
«Zuerst muss man vor allem die Situation klären, was nachts sehr anspruchsvoll ist.»
Tino Schenk, Nachsuchexperte im Oberland
Sind die Jäger einmal vor Ort, beginnt ein längerer Prozess. «Die Unfallaufnahme ist eine grosse administrative Aufgabe», sagt Tino Schenk, der Nachsuchexperte und Hundeführer, der fast täglich im Oberland unterwegs ist. «Zuerst muss man vor allem die Situation klären, was nachts sehr anspruchsvoll ist.» Daraufhin müsse man die Angaben der Leute aufnehmen und rapportieren, dann mit Wärmebildkameras alles ausleuchten und mit der Quersuche von verletzten Tieren in der Umgebung beginnen.
Aber auch an Unfällen unbeteiligte Tiere, die zu einer sogenannten Rotte, also einer Gruppe von Wildschweinen gehören, können in solchen Situationen aufgescheucht sein und sehr gefährlich werden. Schenk lobt diesbezüglich den hervorragenden Geruchssinn von hochausgebildeten Jagdhunden. «Ein Mensch hat die Geruchsweite des Volumens einer Schuhschachtel. Unsere Hunde haben zum Glück einen Geruchssinn, der dem Volumen von drei Turnhallen entspricht.»
Besondere Vorsicht auf Landstrassen sei in den Monaten Oktober, November und Dezember geboten. Wenn die Tage kürzer werden, sind Wildtiere häufiger zur selben Zeit wie Autofahrer unterwegs. Da es sowie im Morgen- und Abendverkehr dunkler ist, erkenne man die Tiere auf der Fahrbahn meist zu spät.
Richtiges Verhalten
Der Jagdaufseher für die Gemeinde Pfäffikon, Hans Peter Fäh, erklärt, wie in einer unangenehmen Situation einer Kollision mit Wildschweinen zu handeln ist:
- Halten Sie nach einer Kollision an
- Schalten Sie die Warnblinker ein
- Fahren Sie an den Strassenrand
- Rufen Sie die Polizei an
- Bleiben Sie auf jeden Fall im Auto sitzen bis ein Jäger vor Ort ist
Kanton warnt vor Schweinepest
«Die afrikanische Schweinepest wird nach Europa kommen», sagt Jürg Zinggeler, der stellvertretende Abteilungsleiter der Jagd und Fischereiverwaltung des Kantons Zürich. Die Frage sei nicht ob, sondern wann. Die afrikanische Schweinepest (ASP) befällt sowohl Hausschweine als auch Wildschweine. «Es kann von heute auf morgen passieren und man weiss wie bei anderen Viren, noch zu wenig über diese Gefahr.» Für den Menschen stelle die afrikanische Schweinepest keine Gefahr dar, werde jedoch durch ihn, zum Beispiel über Fleischtransporte, verbreitet. «Spätestens dann wird man der Jägerschaft wieder dankbar sein», sagt Zinggeler. Das Problem wäre dann, dass die Schweine qualvoll verenden und einfach in der Wildnis liegen bleiben würden. «Dann würden bei der Suche nach toten Tieren die meisten unserer Jagdhunde nicht helfen, da diese hauptsächlich auf die Suche von lebendigen Tieren ausgerichtet sind.» Wenn die ASP ausbreche, müsse man Suchtrupps mit Schutzkleidung in Waldgebiete ausschwärmen lassen und die genauen Ortskenntnisse der Jäger wären dann von Nöten. Jürg Zinggeler ist Mitglied des eines präventiven Stabs beim Bundesamt für Umwelt (BAFU) und wäre mit Hilfe des Veterinäramts daran beteiligt, die afrikanische Schweinepest zu bekämpfen. Bei einem solchen Ausbruch wäre laut dem Zentrum für Fisch-und Wildtiermedizin (FIWI) wie beim Corona-Virus mit schweren wirtschaftlichen Folgen für das betroffene Land zu rechnen. (lda)
