Der «rote Platz» als Vorbote für Tempo 30
Der Rote Platz in Moskau ist weltberühmt, obwohl er eigentlich gar nicht rot gefärbt ist. Der «rote Platz» auf der Gemeindestrasse Im Amt ist dagegen nur gerade in Gutenswil bekannt – der Belag trägt aber tatsächlich die Farbe. Dies hat einen Grund: 2018 wurde ein Gruppe Quartierbewohner mit der Idee einer Verkehrsberuhigungsmassnahme bei der Gemeinde Volketswil vorstellig. Ihr Ziel: Die enge Strasse Im Amt, die über kein Trottoir verfügt und für viele Autofahrende als «Schleichweg» zur Oberlandautobahn dient, sollte mit einem roten Strassenbelag sicherer für die Quartierbewohner gemacht werden. 20‘000 Franken hat der rote Belag damals gekostet, der nach dem Einbau der neuen Wasserleitungen und der Strassensanierung aufgetragen wurde.
Roger Letter, Abteilungsleiter Tiefbau und Werke der Gemeinde Volketswil, hatte das Projekt kurz nach der Fertigstellung den Anwohnerinnen und Anwohnern nochmal vor Ort vorgestellt. Die Gemeinde wolle Erfahrungen mit diesem Strassenabschnitt sammeln und unter anderem mittels Geschwindigkeitsmessungen und Rückmeldungen aus dem Quartier dessen Wirksamkeit überprüfen, sagte er damals.
Kaum Effekt auf Geschwindigkeit
Dies ist mittlerweile geschehen. Heute sagt Letter, dass dabei vor und nach der Farbmarkierung das Geschwindigkeitsniveau gemessen worden sei. Dieses sei bereits vor der roten Markierung deutlich unter 50 Stundenkilometern gelegen. «Durch die Farbmarkierung konnte aber keine weitere signifikante Senkung der Geschwindigkeit nachgewiesen werden. Die Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer ist im Bereich der Kreuzung und der engen Strassenabschnitte aber sicher höher geworden.»
Wie gefährlich ist die Strasse Im Amt?
Auf der Strasse Im Amt in Gutenswil ist man die letzten Jahre von Unfällen verschont geblieben. Wie Stefan Oberlin, Mediensprecher der Kantonspolizei schreibt, seien im Zeitraum kurz nach der Markierung der Strasse – also Anfang 2019 bis 2020 – keine Unfälle registriert worden. Für dieses Jahr liegen die Zahlen noch nicht vor. Von 2017 bis Ende 2018 hat die Kapo ebenfalls keine Unfälle auf der Strecke erfasst.
Durch die markierten Farbstreifen entlang der Strassenränder wirke der Strassenraum optisch eingeengt und der Verkehrsteilnehmer werde tendenziell in Richtung der Strassenmitte gelenkt, sagt Letter. «Dadurch ergibt sich am Strassenrand mehr Raum für Fussgänger und Anwohner.»
Technisch keine Vorteile
Weil aber das Gesamtverkehrskonzept der Gemeinde in Bearbeitung sei, sehe man aktuell davon ab, weitere gestalterische und bauliche Massnahmen auf den Strassen anzubringen. Ende 2022 soll das Konzept dann vorliegen.
«Für eine Tempo-30-Zone war die Zeit damals noch nicht reif. »
Roger Letter, Abteilungsleiter Tiefbau und Werke Gemeinde Volketswil
Aus technischer Sicht sieht Letter keine Vorteile der Einfärbung. Weder sei der Belag günstiger, noch sei er langlebiger als der übliche Schwarzbelag. «Dies ist aber auch nicht überraschend: Hätte der rote Belag Vorteile, wären wohl alle Strassen standardmässig mit einem roten Belag versehen.»
Die Motivation des Versuches sei gewesen, mit einem gestalterischen Farbelement auf das Verhalten der Verkehrsteilnehmer einzuwirken, ohne Verbote oder harte bauliche Massnahmen anzubringen, sagt Letter. «Für eine Tempo-30-Zone war die Zeit damals noch nicht reif. »
Anwohner ist konsterniert
Auch für Marc Keller war der «rote Platz» in Gutenswil erstmal ein Versuch. Als Anwohner hatte zusammen mit anderen Quartierbewohnern die Strassenmarkierung erwirkt. Heute stellt er ernüchtert fest: «Zu Beginn sind viele Autofahrer noch vorsichtig über die rote Markierung gefahren. Dann hat es jedoch schnell einen Gewöhnungseffekt gegeben.» Personen, die die Strasse täglich nutzten, lassen sich durch die rote Bodenfarbe kaum mehr zu einer Temporeduktion verleiten .
Anders beobachtet es Keller, der Wohnsitz und Büro seines Unternehmens Im Amt hat, bei Verkehrsteilnehmern, die seiner Vermutung nach das erste Mal durch den Abschnitt fahren. Diese Automobilisten würden wegen der engen Strassenverhältnisse schon intuitiv langsam fahren. Die rote Markierung sorge dann dafür, dass die Autofahrer ihr Tempo noch weiter drosseln.
«Nachbarn haben mir erzählt, dass sie schon jahrzehntelang vergeblich versuchten, Tempo 30 auf der Strecke zu erwirken.»
Marc Kelle, Anwohner Strasse Im Amt
Dies sei aufgrund des «Nudging» so. Der Begriff aus der Verhaltensökonomie bedeutet so viel wie sanfte Stupser. Das Konzept hat Keller damals dank der Firma Ars Cognitionis aufgegriffen, die sich auf das Thema Nudging spezialisiert hat. Die Firma hat sich inzwischen aufgelöst.
Doch für Keller lebt die Absicht des «roten Platzes» weiter: «Auf der Strasse gilt zwar Tempo 50, doch die Markierung bedeutet auch: bitte aufpassen!»
Ein Weg zu Tempo 30?
Der «rote Platz» sei aber auch für ihn als Kompromiss und als eine Art taktische Zwischenlösung zu verstehen . Dies, weil die Anwohner mit dem Wunsch nach Tempo 30 bei der Gemeinde vorerst abgeblitzt sind. «Nachbarn haben mir erzählt, dass sie schon jahrzehntelang vergeblich versuch t en, Tempo 30 auf der Strecke zu erwirken», sagt Keller. Auch er habe wegen seiner und anderer Kinder diesen Kurs weiterverfolgen wollen, sei bei der Gemeinde aber auf «dieselben Mauern gestossen». «Das Totschlagsargument lautete immer: Der Gemeinderat hat das abgelehnt – es ist kein Thema in Volketswil.» Doch mit der künftig veränderten Zusammensetzung im Gemeinderat und einem auch in Volketswil gewachsenen Verständnis für das Thema würden er und seine Nachbarn neue Hoffnung schöpfen, sagt Keller.
Roger Letter lässt aber durchblicken, dass die Gemeinde nun aber schon vorher einen Kurs Richtung Temporeduktion einschlagen könnte: «Im Moment bereiten wir ein Versuchsprojekt vor, für eine geschwindigkeitsreduzierte Zone im Dorfkern von Gutenswil.»
