Autofahrer müssen sich mit neuem Tempolimit abfinden
Das Gesamtverkehrskonzept, über das die Greifenseer an der Gemeindeversammlung vom Mittwochabend entschieden, ist für das Dorf eine grosse Kiste. Entsprechend war der Andrang im Landenberghaus. 183 Stimmberechtigte kamen, und für die meisten war die Frage entscheidend: Wird heute der Grundstein für flächendeckendes Tempo 30 gelegt oder nicht?
Wieso der Gemeinderat sich für das Ausarbeiten eines Gesamtverkehrskonzepts (GVK) entschieden hatte, erklärte Gemeinderat Thomas Honegger (Grüne): «Stein des Anstosses war die Neue Greifenseestrasse.» Der Entscheid des Gemeinderates gegen das Strassenprojekt des Kantons war sozusagen der Startschuss für das Konzept, in dem ohne Neue Greifenseestrasse geplant wird.
Die Gemeinde fürchtet mit der Strasse werde der Durchgangsverkehr massiv zunehmen und kämpft dagegen an. Greifensee rechnet aber auch ohne die umstrittene Strasse beim motorisierten Verkehr mit einer Zunahme auf den Hauptverkehrsachsen zwischen 51 und 74 Prozent bis ins Jahr 2040.
Vorteile von Tempo-30
Honegger ging bald dazu über, für Tempo 30 zu weibeln. Viele Nachbargemeinden seien am gleichen Punkt wie Greifensee. Schwerzenbach habe sich an der Gemeindeversammlung für flächendeckendes Tempo 30 ausgesprochen und in Uster sei es Teil des Stadtentwicklungskonzepts.
Die Geschwindigkeitsreduktion mache den Verkehr flüssiger und langsamer, sei im Sinn des Klima-und Lärmschutzes, biete eine höhere Verkehrssicherheit und eine bessere Aufenthalts- und Lebensqualität.
Wenig Begeisterung beim Gewerbe
Nicht anfreunden mit dem neuen Temporegime konnte sich Marc Scheiwiller, Unternehmer und Präsident des Gewerbevereins Greifensee-Nänikon. Der Verkehr verschwinde auch mit Tempo 30 nicht, sagte er. Zudem kritisierte er, dass sich Autofahrer und Velofahrer im Zug der Tempo-30-Massnahme neu die Strasse teilen müssen, wie das beispielsweise für die Stationsstrasse vorgesehen ist. Dort nutzen heute Velofahrer und Fussgängern gemeinsam das Trottoir. «Wenn man als Unternehmer mit dem Firmenbus auf der Strasse unterwegs ist, ist ein Velofahrer im toten Winkel eine Gefahr.»
Dem pflichtete ein Greifenseer bei. Der gemeinsame Rad-/Gehweg sei einst «für viel Geld» erstellt worden. «Wenn ich mir vorstelle, dass nun Familien mit Kindern auf der schmalen Strasse fahren müssen, dann glaube ich nicht, dass die Unfallzahlen gleich tief wie heute bleiben.»
Weiter sorgten sich einige, dass Tempo 30 für die Rettungskräfte zum Problem werde, weil die sich nicht übermässig über das Tempolimit hinwegsetzten könnten, wie eine Frau meinte. «Bei einem Herzinfarkt sind beim Warten auf das Ambulanzfahrzeug wenige Minuten relevant.»
Sicherheit der Kinder
Mehrere Votanten bekundeten aber ihre Sympathie für das Konzept, bei dem die Bevölkerung an zwei Workshops hatte mitwirken können und über deren Ergebnisse an drei Veranstaltungen informiert wurde. Ein Anwesender rechnete gar den Bremsweg oder die Auswirkung auf die Fahrzeit bei Tempo 30 aus. «Mir ist die Sicherheit der Kinder wichtiger, als die paar Sekunden, die ich mit langsamer fahren verliere.»
Neben Tempo 30 beinhaltet das GVK noch viele andere Massnahmen. Das Konzept enthält Pläne für den Öffentlichen Verkehr und den Velo- und Fussgängerverkehr. Honegger erinnerte daran, dass an der Gemeindeversammlung nur über ein Konzept als Ganzes entschieden werde. 70 einzelne Massnahmen sollen dann separat von den Stimmberechtigten beschlossen werden.
Doch der Gemeinderat betonte: «Tempo 30 ist eine Schlüsselmassnahme. Diese hängt mit ganz vielen anderen Massnahmen zusammen.» Dass dies so ist, bekam an dem Abend noch Gewerbevereinspräsident Marc Scheiwiller zu spüren, der die Geschwindigkeitsreduktion auf den Hauptstrassen mit einem Antrag streichen lassen wollte.
Doch mit einer allfälligen Zustimmung hätten die Anwesenden gleich das gesamte GVK gekippt, was Scheiwiller dann doch nicht wollte und den Vorstoss wieder zurückzog. Doch er stellte einen weiteren Antrag. Diesmal wollte er, dass alle 20er-Zonen, die unter anderem bei den Kindergärten geplant sind, gestrichen werden. Das Anliegen war jedoch chancenlos und wurde mit 109 zu 63 Stimmen deutlich verworfen.
Anträge gegen Fusswege
Mit zwei weiteren Anträgen meldeten zwei Greifenseerinnen ihre Bedenken an. Sie wollten geplante Fusswegverbindungen aus dem GVK streichen lassen. Die beiden Frauen waren als Anwohnerinnen der geplanten Wege direkt betroffen und sprachen stellvertretend für eine Gruppe Quartierbewohner. Doch auch diese Anträge fanden keine Mehrheit.
Die Bedenken der Bevölkerung werde der Gemeinderat bei der Ausarbeitung der einzelnen Projekte aber sicherlich Rechnung tragen, so Gemeindepräsidentin Monika Keller (FDP). Und sie erinnerte daran, dass Greifensee für die Einführung von Tempo 30 auf den Kantonsstrassen auf den Kanton angewiesen sei. Deshalb gelte trotz GVK: «Wenn der Kanton nicht mitmacht, bleibt Tempo 50.»
In der Schlussabstimmung war dann der Entscheid zum Gesamtverkehrskonzept deutlich. Diesem wurde ohne Änderungen mit grossem Mehr zugestimmt. Auf die Frage eines Greifenseers, wann denn nun Tempo 30 eingeführt werden soll, antwortete Thomas Honegger: «Tempo 30 kommt in den ersten fünf Jahren.» Dabei dauere die Einführung auf den Kantonstrassen wohl etwas länger als auf den Gemeindestrassen. Letztlich entscheide aber ohnehin die Stimmbevölkerung von Greifensee über das neue Temporegime.
Ja zur Horterweiterung
Auch das zweite Geschäft des Abends nahmen die Stimmberechtigten klar an. Sie genehmigten den Projektierungskredit in der Höhe von 650’000 Franken für die Horterweiterung und die Sanierung des Schulhauses Breiti einstimmig. Damit folgt nun das Planwahlverfahren. Bis die Bauarbeiten beginnen, dauert es allerdings noch eine Weile – der Gemeinderat rechnet mit einem Zeithorizont von drei bis vier Jahren.
