Gegen die Anpassung der Schulgrenzen formiert sich erneut Widerstand
Im März scheiterte die Grenzbereinigung der beiden Primarschulgemeinden von Turbenthal und Wila. Die Stimmberechtigen in Wila lehnten die Vorlage ab. Nun findet am 28. November eine Abstimmung über die neuen Primarschulgemeindeordnungen von Turbenthal und Wila statt.
Der Hauptstreitpunkt bleibt derselbe: In den neuen Gemeindeordnungen sind die Gebiete so aufgeführt, dass sie den Grenzen der Politischen Gemeinden entsprechen. Das Gemeindegesetz verlangt diese Umsetzung bis 2022.
Ein Anschlussvertrag ist auch in der neuen Vorlage nicht vorgesehen. Das bedeutet, dass Schüler von Tablat und der rechten Seite des Steinenbachtals neu ins Schulhaus Schmidrüti in die Primarschule respektive nach Turbenthal oder Neubrunn in den Kindergarten gehen, anstatt wie heute ins Wilemer Eichhalde-Schulhaus.
Gelegenheit zur Aussprache
Im Frühjahr sorgte das für Unmut bei den betroffenen Eltern, die gegen diesen Vorschlag mobil machten. Sie waren insbesondere enttäuscht, dass sie von den Schulbehörden nicht transparent informiert worden sind.
Die beiden Primarschulgemeinden haben dies nun vor der erneuten Abstimmung nachgeholt. Vor rund zwei Wochen wurden die von der Grenzbereinigung betroffenen Familien an eine Informationsveranstaltung eingeladen, und zwar von der Primarschule Wila und der Primarschule Turbenthal.
«Es ist uns wichtig, dass die betroffene Bevölkerung transparent und aus erster Hand informiert wird.»
Gabriella Pfaffenbichler, Präsidentin der Primarschulgemeinde Turbenthal
«Das Ziel der Veranstaltung war, über den Stand der Dinge zu informieren, zu erklären, warum es nicht zu Anschlussverträgen gekommen ist, und Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen», erklärt Gisela Wahl, die Präsidentin der Primarschule Wila. «Ebenso wollten wir Gelegenheit zur Aussprache bieten und die Schule Schmidrüti vorstellen.»
Altersdurchmischt in Wila und Schmidrüti
An der Veranstaltung nahmen deshalb auch Markus Küng, Schulleiter Schule Neubrunn-Schmidrüti, und Matthias Drescher, Lehrperson im Schulhaus Schmidrüti, teil. «Es ist uns wichtig, dass die betroffene Bevölkerung transparent und aus erster Hand informiert wird. Dabei konnten möglicherweise auch gewisse Missverständnisse ausgeräumt werden», sagt Gabriella Pfaffenbichler, Präsidentin der Primarschule Turbenthal.
Ein wichtiges Thema an der Informationsveranstaltung war auch die Übergangslösung. «Die Primarschule Wila hat per Sommer 2021 zu einem Modell mit jahrgangsgemischten Klassen gewechselt. Es ist vorgesehen, dass Kinder den begonnen Klassenzug bei der gleichen Lehrperson beenden können», erläutert Pfaffenbichler.
« Meine kleinen Töchter wären täglich 2h oder mehr im Bus an einen Sessel gefesselt.»
Jakob Hirzel, Vater aus Gosswil
Konkret heisst das, dass am Ende des Kindergartens, der zweiten oder der vierten Klasse ein Übertritt an die Primarschule Turbenthal stattfindet. «Die Kinder werden also vom Schulmodell her keinen grossen Wechsel mehr erleben. Auch in Schmidrüti wird mit dem Modell vom altersdurchmischten Lernen gearbeitet», so Pfaffenbichler.
Mehrere Busse möglich
Doch die allermeisten der betroffenen Eltern sind mit dieser Lösung nicht zufrieden. Sie stören sich beispielsweise an den Busfahrten auf schmalen, kurvenreichen Strassen. Das beunruhigt Jakob Hirzel, der mit seiner Familie in Gosswil wohnt.
Zudem stört ihn die lange Fahrzeit. Er habe ausgerechnet, dass wenn nur ein Bus im Einsatz stehe, die Fahrt in die Schule für ein Kind bis zu 45 Minuten dauern kann – und das bis zu vier Mal am Tag. « Meine kleinen Töchter wären täglich 2 Stunden oder mehr im Bus an einen Sessel gefesselt. Zeit, in der sie rumrennen, spielen, oder Velo fahren könnten. Das bringe ich nicht übers Herz », erläutert er.
« Ergo- und Psychomotoriktherapien finden nicht in Schmidrüti statt. Somit kämen zu den täglichen Fahrten noch ‹Spezialfahrten› hinzu.»
Renate Benicky, Mutter aus Tablat
Gabriella Pfaffenbichler wollte zu dieser konkreten Berechnung keine Stellung nehmen. In Einzelgesprächen werde man die Situation mit den betroffenen Eltern anschauen: «Wir sind auch jetzt schon darauf bedacht, den Kindern angemessene Busfahrten zuzumuten und genügend lange Mittagspausen.» Es sei ausserdem möglich, dass mehrere Busse zum Einsatz kommen.
Doch die Schulbusfrage bereitet weiteren Eltern Kopfzerbrechen. Renate Beniczky, die mit ihrer Familie in Tablat wohnt, macht sich Sorgen, wie man mit Kindern umgeht, die zusätzliche Fördermassnahmen benötigen.
« Ergo- und Psychomotoriktherapien finden nicht in Schmidrüti statt. Somit kämen zu den täglichen Fahrten noch ‹Spezialfahrten› hinzu.» Da die Kinder ohnehin schon für den Turnunterricht nach Turbenthal gebracht werden, sei das ein grosser Zeitfaktor. «Ich frage mich deshalb, ob das für das Wohl der Kinder wirklich die beste Lösung ist.»
Für Jakob Hirzel ist die Schulbusfrage zusätzlich aus Sicht der erwachsenen Steuerzahler relevant: Es werde von den Schulbehörden nämlich mit den Kosten argumentiert. «Doch wenn mehr Busse zum Einsatz kommen, wird es automatisch teurer. Als HSG-Absolvent bin ich bis anhin überzeugt, dass es eine bessere Lösung gäbe, die ein finanzielles Win-Win für alle Beteiligten wäre.» Darauf möchte er hinarbeiten.
Viele Schulwechsel
Laut Hirzel stören sich die meisten der betroffenen Eltern auch an den vielen Schulwechseln: «Als Kleinkinder gehen die Kinder in Wila in die Spielgruppe und auf den Spielplatz. Im Kindergarten würden sie in einem Bus nach Turbenthal oder ins noch weiter entfernte Neubrunn verfrachtet.»
In der Primarschule würden die Kinder dann nach Schmidrüti gefahren werden und die Sekundarschule wieder in Wila besuchen. «Bei jedem Wechsel wären die Kinder Fremde in einem ihnen unbekannten Umfeld.» Das sei für sie nicht förderlich, da gerade im Kindesalter verlässliche und konstante Beziehungen prägend seien, ist Hirzel überzeugt.
Bis am 1. Januar
Viele der betroffenen Eltern hoffen weiterhin, dass sich die beiden Primarschulgemeinden auf einen Anschlussvertrag einigen würden, damit ihre Kinder weiterhin die Schule und den Kindergarten in Wila besuchen können. Denn es ist bereits jetzt klar, dass die Grenzbereinigung vorgenommen wird – auch wenn die Gemeindeordnung am 28. November an der Urne abgelehnt wird. In diesem Fall muss nämlich der Kanton eingreifen.
«Bei der Grenzbereinigung wäre nach zweimaliger Ablehnung an der Urne wahrscheinlich nur noch eine Ersatzvornahme denkbar.»
Karin Weyermann, Schreiberin des Bezirksrats Pfäffikon
Die Gemeinden sind aufgrund des überarbeiteten Gemeindegesetzes bis am 1. Januar 2022 verpflichtet, die Grenzen der Schulgemeinden an diejenigen der politischen Gemeinden anzupassen. Ausserdem müssen sie bis dann ihre Gemeindeordnungen überarbeiten.
Keine Übergangslösung von der Aufsichtsbehörde
«Haben die Primarschulgemeinden Wila und Turbenthal bis zu diesem Zeitpunkt die Grenzen nicht bereinigt und in der Gemeindeordnung allenfalls notwendige Anpassungen nicht vorgenommen, liegt ein rechtswidriger Zustand vor», bestätigt Karin Weyermann auf Anfrage. Sie ist die Schreiberin des Bezirksrats Pfäffikon.
Im folgenden Fall müsste eine aufsichtsrechtliche Massnahme geprüft werden: «Bei der Gemeindeordnung wäre eine Weisung zur Überarbeitung und nochmaligen Abstimmung denkbar. Bei der Grenzbereinigung wäre nach zweimaliger Ablehnung an der Urne wahrscheinlich nur noch eine Ersatzvornahme denkbar.»
Konkret heisst das, dass auf ein bestimmtes Datum die Grenzbereinigung erfolgt – auf Beschluss der Aufsichtsbehörde: «Sehr wahrscheinlich auf den Beginn eines neuen Schuljahres», erklärt Weyermann. «Der zuständigen Aufsichtsbehörde wäre es allerdings kaum möglich, Übergangsregelungen festzusetzen, wie sie die Schulpflegen derzeit in Aussicht stellen.»
