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«Politiker brauchen Apéros»

Stadtpräsidentin Barbara Thalmann zeigte am Montag in der Feier zu Ehren von Kantonsratspräsident Benno Scherrer dessen Errungenschaften für Uster auf. Dieser wiederum erklärte den Apéro als Inbegriff für Verhandlungserfolg.

Benno Scherer (2. v.l.) wurde am Montag als höchster Zürcher gefeiert., Über 200 geladene Gäste nahmen am Anlass teil. Teile der SVP boykottierten den Anlass wegen der Covid-Zertifikatspflicht., SP-Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (links) und SP-Regierungspräsidentin Jacqueline Fehr waren auch an der Feier im BZU., Geschenke gab es hüben..., ...und drüben. Benno Scherrer schenkte Barbara Thalmann Wein.

Fotos: Christian Merz

«Politiker brauchen Apéros»

Ein bisschen warten musste Kantonsratspräsident Benno Scherrer (GLP) auf seine Wahlfeier. Eigentlich wurde der Ustermer ja bereits an der Kantonsparlamentssitzung Anfang Mai turnusgemäss ins Amt gewählt. Wegen Corona wurde das Fest jedoch auf den gestrigen Montag verlegt. Rund 200 Leute waren dann an der Nachwahlfeier dabei mit Start im Bildungszentrum Uster (BZU).

Zu den geladenen Gästen gehörten Scherrers Ratskolleginnen und Ratskollegen, Mitglieder des Regierungsrats, Vertretungen der Gerichte, Kirchen und weitere Gäste. Zugang gab es nur mit Covid-Zertifikat, überwacht von einem Sicherheitsdienst. Diese Eintrittsbeschränkung bewog einige Politiker der SVP-Fraktion im Vorfeld dazu, wie etwa der Volketswiler Benjamin Fischer (SVP, den Anlass zu boykottieren, und dies auch medienwirksam kundzutun.

Dafür folgte der Ustermer Stadtrat der Einladung und sorgte für ein Stück Exekutivgewalt an der Feier, die an der frischen Luft auf einem Vorplatz hinter dem Bildungszentrum stattfand. Beäugt von Kantonsschülerinnen und Berufsschülern trafen die Kantonsrätinnen und Kantonsräte kurz nach Mittag ein. Mitten im Pulk lief ein gut gelaunter Benno Scherrer, der am Morgen noch als höchster Zürcher die Sitzung  im Kantonsparlament leitete.

Mit Wasser zu Wein

Unter den geladenen Gästen war auch Rita Famos, die höchste Reformierte der Schweiz. Sie prostete mit Wasser Stadtrat Jean-Francois Rossier (SVP) zu, der sich ebenso dem Wein hingab wie auch Gatte und Stadtrat Cla Famos (FDP). Währenddessen fachsimpelte Stefan Feldmann (SP) mit dem Greifenseer Gemeinderat Thomas Honegger (Grüne), die sich beide aus dem Kantonsrat kennen.

Dass sich der gefeierte Scherrer im BZU indes wie ein Fisch im Wasser fühlen musste, sprach Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (SP) in ihrer Rede an. Denn erstens sei er als Kantonsratspräsident in dieser kantonalen Institution quasi der Hausherr, zweitens als Ustermer auf heimischen Boden und drittens als Berufsschullehrer an seinem Arbeitsort.

«In dem Fall weiss ich schlichtweg nicht, wie ich das machen soll.»

Benno Scherrer (GLP), Kantonsratspräsident aus Uster

Wie gewissenhaft Scherrer die Feier anging, zeigte sich in einer Anekdote, die Thalmann zum Besten gab. «Schon im Sommer 2019 ist er ans Fête des Vignerons nach Vevey gereist, um dort nach einem passenden Wein für die heutige Feier zu suchen.»

Der dritte höchste Zürcher

Nach Martin Bornhauser im Jahr 2001 und Regula Thalmann 2008 ist Benno Scherrer bereits der dritte Kantonsratspräsident aus Uster in den letzten 20 Jahren. Mit seinem Engagement als Ustermer Gemeinderat zwischen 2006 und 2013 sei Scherrer Wegbereiter für das Energiestadt-Gold-Label und fürs Zeughausareal gewesen, sagte Thalmann. Auch das Barrierenproblem sei ihm bewusst gewesen, und er habe nach Verbesserungen gefragt. Dieses Geschäft werde ihm jetzt wohl wieder im Kantonsrat begegnen, weil dafür Lösungen mit dem Kanton gefragt seien.

Benno Scherrer ergriff ebenfalls kurz das Wort und zeigte sich auch von seiner ernsten Seite. Politisch habe er durchaus noch Arbeit in Uster, so müsse er als Sekundarschulpräsident eine Gebietsbereinigung nach Gemeindegesetz umsetzen. Damit sprach er den vergeblichen Versuch von Uster an, die Schulgemeinde Nänikon-Greifensee zu einer Auflösung zu bewegen. «In dem Fall weiss ich schlichtweg nicht, wie ich das machen soll.» Ansonsten stellte Scherrer das BZU ins Zentrum der Rede.

Er appellierte an die Gäste, sich auszutauschen und sich besser kennenzulernen. Man müsse Leute kennen, um mit ihnen zu verhandeln. «Politiker brauchen Apéros», so Scherrer.

Armeesammlung in Uster

Danach ging es ans Nachmittagsprogramm, das zehn verschiedene Stationen wie das Spital Uster, das Swissjazzorama oder ein Rundgang durch die Firm Uster Technologies beinhaltete. Fernere Stationen wie das Sammlungszentrum «Historisches ­Armeematerial Kommunikation und Übermittlung» im Buchholz wurde mit einem bereitstehenden Car aufgesucht.

«Ich habe Militärdienst geleistet, war aber kein begeisterter Soldat.»

Stefan Feldmann (SP), Stadtrat Uster

Die Reiseleitung in diesem Bus übernahm Scherrer gleich selber und sorgte dafür, dass keiner im falschen Bus sass. Seine Motivation, die Sammlung von Armee-Objekten zu sehen, war, dass er dieses noch überhaupt nicht kenne. Auch für Stadtrat Stefan Feldmann (SP) war es derselbe Beweggrund. Doch es gab noch einen anderen: «In der Pfadi war Morsen meine Lieblingsbeschäftigung. Ich könnte heute noch problemlos meinen Namen morsen», sagte Feldmann. Anders dagegen ist seine Leidenschaft zum Militär einzustufen: «Ich habe Militärdienst geleistet, war aber kein begeisterter Soldat.»

«Schlaue Fragen»

Angekommen beim Sammlungszentrum im  sogenannten Posten «Museumsstadt Uster», nahm Ueli Ritter, Präsident  der verantwortlichen Stiftung Historisches Armeematerial Führungsunterstützung, die Gäste in Empfang. Anschliessend führten zwei Personen durch das Zentrum, das aber laut Besucherführungschef Hans Bühler «kein Museum» sei, sondern nur im Rahmen von Besucherführungen zugänglich. «Nichts anfassen, nicht rauchen!», sagte Bühler.

Auf dem rund zweistündigen Rundgang zeigte Bühler ausgestellte Objekte, die die Entwicklung der Kommunikation in der Schweizer Armee ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 2008 dokumentieren. Mehrere hundert von über 15 000 gesammelten Geräten, Fahrzeugen und Dokumenten waren dort ausgestellt. Benno Scherrer nutzte die Gelegenheit, um die eine oder andere Frage an Bühler zu stellen, «schlaue Fragen», wie dieser meinte. Und verblüffte mit Wissen über den Prager Frühling und die Lochkartensteuerung für Waschmaschinen der Firma Schulthess. Velofahrer Scherrer trat dann auch zur Demonstration eines Tretgenerators in die Pedale und erzeugte so Strom.

Zu Hans Bühlers Frage nach den Besonderheiten der Brieftaube, antwortete Scherrer: «Sie sind lautlos und ohne CO2-Ausstoss.» Und Kollege Stefan Feldmann ergänzte: «Und es gab einen Riesenaufstand, als deren Auflösung beschlossen wurde.»

Scherrer übergab den Gastgebern des Sammlungszentrum als Dank ein Handtuch vom Werkheim Uster und führte die Gruppe zeitgerecht zum für Politiker notwendigen Apéro in die Landihalle in Uster.

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