Nach acht Jahren muss der Unterstand weg
Alles begann mit einer Anzeige. Im Jahr 2014 errichteten die Beteiligten der Kulturfabrik einen massiven Velounterstand auf dem alten Fabrikareal, um endlich einen Platz für die vielen Fahrräder zu schaffen. Den Unterstand baute man auf Eigeninitiative hin und ohne eine Baubewilligung. Als daraufhin ein Nachbar aus der Umgebung Anzeige bei der Stadt Wetzikon erstattete, musste der Trägerschaftverein Kulturfabrik Wetzikon handeln.
Laut Thomas Gerber, Leiter des Geschäftsbereichs Bau und Infrastruktur der Stadt Wetzikon, habe der Trägerschaftverein Kulturfabrik Wetzikon noch im selben Jahr ein Baugesuch bei der Baudirektion eingereicht. Daraufhin stellte sich heraus, dass der Velounterstand aufgrund seiner Lage eine kantonale Baubewilligung benötigt hätte. Eine solche wurde jedoch nie erteilt. Das Baugesuchsverfahren habe laut Gerber aufgrund von verschiedensten Abklärungen sowie Sistierungen bis ins Jahr 2021 angedauert. Nun sei die Sistierung des Verfahrens endgültig aufgehoben und ein definitiver Baurechtsentscheid gefällt worden.
«Zum einen steht der Velounterstand im Nahbereich des nebenan vorbeifliessenden Aabachs und andererseits beeinträchtigt dieser die denkmalpflegerischen Bedingungen der ehemaligen Giesserei Honegger.»
Thomas Gerber, Leiter Bau und Infrastruktur der Stadt Wetzikon
Schwierige Bedingungen
Der negative Entscheid ist gemäss Gerber auf den Gewässerschutz und denkmalpflegerische Gründe zurückzuführen. «Zum einen steht der Velounterstand im Nahbereich des nebenan vorbeifliessenden Aabachs und andererseits beeinträchtigt dieser die denkmalpflegerischen Bedingungen der ehemaligen Giesserei Honegger». Aufgrund dieser Umstände habe der Kanton einen negativen Entscheid getroffen und das Baugesuch nachträglich und trotz aller Bemühungen nicht bewilligen können. Somit stehe der Entscheid für die Entfernung des Velounterstands endgültig fest.
Fehler seitens der «Kulti»
Judith Brunner ist seit 26 Jahren mit ihrem Atelier für Werbetechnik in der Kulturfabrik eingemietet. Somit ist sie auch automatisch Mitglied des Trägerschaftvereins. Als der Velounterstand aufgebaut wurde, war sie in der Baugruppe mit dabei, die zwei Zimmermänner für den Bau beauftragte, die ihre Schreinerei direkt in der Kulti führten.
«Aufgrund des blockierten Fluchtwegs in einem Brandfall wurden wir damals von der Feuerwehr darauf hingewiesen, dass die vielen Fahrräder in der Kulti aus dem Weg müssten. Deshalb haben wir uns für den Bau des Velounterstands entschieden, der uns zirka 20’000 Franken gekostet hat», sagt Brunner. Sie räumt ein: «Wir waren zugegebenermassen etwas blauäugig, ohne Bewilligung zu bauen. Nach dem Bau hat uns ein Nachbar angezeigt, weshalb die Stadt nachträglich auf eine Bewilligung insistieren musste. Wie verlangt haben wir daraufhin auch ein Baugesuch eingereicht.» Wie sich nun gezeigte habe, erfolglos.
Ungenügender Abstand
Gemäss Judith Brunner ist der Denkmalschutz weniger das Problem. «Mit den Behörden hatten wir noch vor kurzem bezüglich Denkmalschutz Gespräche geführt, wobei eine grosse Kompromissbereitschaft bemerkbar wurde.» Viel mehr Probleme gebe es im Bereich des Hochwasserschutzes.
«Das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) besteht auf einen Abstand von 18 Metern zwischen dem Unterstand und dem Bach. Leider sind gerade einmal fünf Meter Abstand gegeben», sagt Brunner. Wobei Brunner anmerkt: «Es handelt sich um einen enorm robusten Unterstand. Da müsste es schon ein Hochwasser geben, wie ich es zuletzt 1984 in Wetzikon erlebt habe. Wobei der Bach auch damals nicht überlief.»
Die Baudirektion des Kantons Zürich gewichtet den Denkmalschutz höher: «Der Velounterstand steht im Konflikt mit dem denkmalpflegerischen Interesse, da der südliche Bereich der Hochbauten und der Villa von störenden Eingriffen frei zu halten ist», sagt die Mediensprecherin Isabelle Rüegg.
Die Gebäudeeingänge und Vorplätze würden durch den Unterstand versperrt. Zudem passe die Konstruktion nicht zu der bestehenden Architektur des Fabrikensembles der Giesserei Honegger. «Andere Orte hätten sich für die Errichtung des Velounterstandes besser geeignet», sagt Rüegg. Bezüglich des Gewässerschutzes hebt sie hervor: «Bei allfälligen Instandsetzungsarbeiten in Nähe des Aabachs ist die nötige Bewegungsfreiheit zu wahren.» Hinzu kämen Landschaftsschutzinteressen.
Mangelndes Entgegenkommen
Judith Brunner vermisst die Unterstützung der Stadt Wetzikon: «Wir haben auf eine Ausnahmebewilligung gehofft. Eine solche wäre für unseren Standort auch möglich gewesen, da ja auch der öffentliche Raum betroffen ist.» Brunner wundert sich über den Entscheid, da die Themen Nachhaltigkeit und Ressourcenverschwendung gerade in aller Munde seien. «Da wurde die Verhältnismässigkeit zu wenig oder gar nicht geprüft.»
Aus ihrer Sicht verstecke sich die Stadt hinter dem Entscheid des Kantons. «Die Kulti ist eine Institution und eine Bereicherung für Wetzikon. Das sollte auch der Stadt bewusst sein.» Die Beteiligten der Kulti seien längst keine weltfremden Idealisten mehr, die nicht wüssten, dass man sich an Regeln halten müsse. «Wir möchten generell das Miteinander fördern und sind immer bereit, uns an Regeln zu halten», sagt Brunner. Wenn auf behördlicher Seite aber kein Entgegenkommen beabsichtig sei, so gestalte sich das eher schwierig.
«Wir möchten generell das Miteinander fördern und sind immer bereit, uns an Regeln zu halten.»
Judith Brunner, Mitglied des Trägerschaftvereins Kulturfabrik Wetzikon
Rekurs lohnt sich nicht
Ein Rekurs lohne sich laut Brunner nicht: «Wir haben uns informiert und herausgefunden, dass uns ein Rekurs bis zu 50’000 Franken, also mehr als das Doppelte was der Unterstand wert ist, kosten könnte.» Dieser Betrag wäre für die Kulturfabrik nicht erschwinglich.
Somit sei ein Rückbau des Unterstands fällig. «Wir möchten den Unterstand nicht einfach auf dem Areal verbrennen und ein schönes Feuer geniessen, sondern wollen ihn irgendwo anders installieren lassen, wo man ihn ganz legal brauchen kann.» Wo der Unterstand künftig stehen wird, ist noch unklar. Judith Brunner hätte sich über eine Ausnahmebewilligung seitens der Stadt gefreut.
