Auf Wikipedia fehlen die Oberländer und Tösstaler Artikel
Wie viele Einwohner hat Nepal? Wo entspringt die Töss? Wer im Internet nach diesen oder ähnlichen Fragen sucht, landet oft auf der Plattform Wikipedia. Fast zwei Millionen Artikel befinden sich aktuell in der deutschen Version der Online-Enzyklopädie. Gratis verfügbar für alle.
Auch wenn jeder und jede auf Wikipedia Artikel erstellen und bearbeiten kann, sind 20 Jahre nach der Gründung nicht alle Themenbereiche gleich gut abgedeckt. Wenn man nach spezifischen Informationen sucht, die das Oberland oder das Tösstal betreffen, stösst man schnell an seine Grenzen.
Das möchte Zürioberland-Kultur ändern und veranstaltet aus diesem Grund am 25. September einen Workshop in Turbenthal. Das Ziel des Anlasses: Interessierte sollen in Zukunft bestehende Artikel zum Oberland und Tösstal überarbeiten und neue Artikel schreiben.
Arbeit ohne Ende
Geleitet wird die Veranstaltung von drei Wikipedia-Kennern: Der Pfäffiker Historikerin Nina Santner, dem Wilemer Historiker Wolfgang Wahl und Dominik Landwehr, Kulturwissenschaftler aus Winterthur. Alle drei würden gemäss eigener Aussage nicht nur über ein breites regionalhistorisches Wissen verfügen, sondern sie erstellen und bearbeiten alle auch selber Artikel auf Wikipedia.
Für die drei Experten ist klar, dass Handlungsbedarf besteht: « Die regionalen Themen und Orte sind nur sehr knapp dargestellt und lassen Inhalte der neueren Forschung vermissen, beispielsweise bei der Tösskorrektion», meint Wahl.
«Dazu sind Kenner der Region mit breitem regionalhistorischem Wissen gesucht.»
Wolfgang Wahl, Historiker aus Wila
Man hoffe, dass alle Kulturorganisationen der Region bald auf der Plattform vertreten seien sowie die eine oder andere Persönlichkeit, sagt Santer. In einem vorherigen Projekt « Kulturerbe Zürcher Oberland 2011-2015 » seien bereits Themen definiert worden, die für die Region wichtig sind, aber noch keinen Eingang auf Wikipedia gefunden haben. «Da gibt es Arbeit ohne Ende.»
Ein grosses Plus
Doch am Workshop sollen nicht nur neue Themen bearbeitet oder Artikel aktualisiert werden: «Es ist an sich nicht schwierig, einen Artikel auszubauen und zu aktualisieren, wenn die nötigen Quellen vorhanden sind. Dafür ist am Workshop gesorgt», so Wahl.
«Die Erfahrung zeigt, dass gerade die Vielfalt der Interessen und Erfahrungen der Wikipedia-Autoren ein grosses Plus ist.»
Dominik Landwehr, Kulturwissenschaftler aus Winterthur
Es gebe nämlich eine weitere Baustelle: «Was fehlt, ist die Überarbeitung von zu langen Texten und die Vernetzung der Einzelthemen.» Dies soll sich ebenfalls ändern. «Dazu sind Kenner der Region mit breitem regionalhistorischem Wissen gesucht.»
Der Workshop steht aber allen Interessierten offen, betont Dominik Landwehr. «Die Erfahrung zeigt, dass gerade die Vielfalt der Interessen und Erfahrungen der Wikipedia-Autoren ein grosses Plus ist.»
Verdichten und Zusammenfassen
Der Schwerpunkt des Workshops liege auf dem gemeinsamen Schreiben von Artikeln: «Es wird eine Liste mit Artikeln geben, die überarbeitet oder neu geschrieben werden müssen. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer kann in dem Thema einsteigen, das ihn oder sie interessiert», sagt Landwehr. Ebenso könne man sich jederzeit helfen lassen von den Experten oder anderen Teilnehmenden.
«Wer will, darf – wer nicht will, muss nichts»
Nina Santner, Historikerin aus Päffikon
Die Teilnehmenden sollen an der Veranstaltung lernen, was einen Wikipedia-Artikel auszeichnet und welche Regeln es zu beachten gibt. « Ein guter Artikel muss nicht lang sein, aber er muss bestehendes Wissen verdichten und zusammenfassen und Hinweise auf weitere Quellen geben können», meint Landwehr.
Zum Weltwissen beitragen
Für diese Arbeit solle man abstrakt und analytisch denken können. «Und man soll die Freude und Neugier mitbringen, so etwas auszuprobieren.» Mit dem Workshop sei die Arbeit ohnehin noch nicht getan: «Ein Wikipedia-Artikel ist nie fertig, wenn er einmal geschrieben ist.»
Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach der Veranstaltung am Ball bleiben wollen, sei dies schön. Aber: «Wie immer bei Wikipedia geschieht alles aus Engagement und ohne Druck. Wer will, darf – wer nicht will, muss nichts», betont Santner. Ausserdem könne man jederzeit auf Mentorinnen und Mentoren zugehen, die beim Editieren helfen können.
Sie mag den unkomplizierten Umgang unter «Wikipedianern» und ist gerne Teil dieser weltweiten Wissens-Community. «Wo sonst kann ich mit seriöser Quellenarbeit jederzeit zum Weltwissen beitragen und mich auch wieder daran bedienen?»
Begleitung am Anfang
Trotzdem wissen alle drei Kursleitende, dass die Online-Enzyklopädie nicht grundlos öfters in der Kritik steht. Beispielsweise, weil Artikel über Frauen untervertreten sind oder es bei umstrittenen Themen zu ausufernden Diskussionen auf der Plattform kommt, mit rauem Umgangston. Dies würde viele abschrecken weiter Artikel zu bearbeiten und zu erfassen.
«Gerade deshalb ist wichtig, dass sich Anfänger begleiten lassen. Man muss ja nicht gleich mit einem extrem umstrittenen Thema anfangen», erklärt Landwehr. Die meisten Themen seien dies nämlich nicht.
Nicht nur schreiben
Der Wikipedia-Workshop findet am 25. September in der Gemeindeverwaltung Turbenthal statt. Zur Veranstaltung gehört auch ein Rahmenprogamm. Zum Beispiel mit einem Besuch im Museum der Textilfabrik Boller Winkler oder im Ortsmuseum Turbenthal.
Mehr Informationen findet man auf der Website von Zürioberland Kultur. Anmelden kann man sich per E-Mail bei Dominik Landwehr. Die Teilnehmerzahl ist beschränkt. (bes)
