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«Ich habe mich gefragt, ob ich zu konformistisch geworden bin»

Seit gut einem Monat ist Ivo Hasler der Präsident des Gemeinderats – Zeit für ein paar Fragen: Wie ist der Zustand der Dübendorfer Politik? Wo ist der Ostschweizer Dialekt geblieben? Und macht das Ganze eigentlich Spass?

Ivo Hasler wohnt in der Überbauung Zwicky Süd, die er als Projektleiter selber mitentwickelt hat., In die Politik fand er über seine Tätigkeit als Vorstandsmitglied der Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1.

Christian Merz

«Ich habe mich gefragt, ob ich zu konformistisch geworden bin»

Ivo Hasler, 2018 wurden Sie in den Gemeinderat gewählt, drei Jahre später präsidieren Sie den Rat. Das ging aber schnell.
Ivo Hasler: (lacht) Stimmt. Normalerweise ist man erst drei Jahre lang Stimmenzähler, bevor man als zweiter Vize auf den Bock gewählt wird, und dann dauert es noch zwei weitere Jahre. In meinem Fall ging es halt so schnell, weil die SP turnusgemäss an der Reihe war mit dem Ratspräsidium und meine Fraktion offenbar von Anfang an Vertrauen in mich hatte.

Im Gegensatz zu Ihrer – zum damaligen Zeitpunkt umstrittenen – Vorgängerin Flavia Sutter wurden Sie mit einem Glanzresultat gewählt. Freut Sie das uneingeschränkt?
Ich habe mich schon auch gefragt, ob ich jetzt zu konformistisch geworden bin in dem Sinn, dass Leute, die in der Politik den Mund aufmachen, häufig nicht so viele Stimmen erhalten. Ich denke aber, dass ich meinen Prinzipien immer treu geblieben bin. So gesehen sehe ich das gute Resultat als Respektsbekundung – und freue mich darüber.

Dennoch: Sie sind erst kurz vor der Wahl in die SP eingetreten, brauchte es als Politik-Neuling keine Überwindung, sich überhaupt für dieses Amt aufstellen zu lassen?
Nein, gar nicht. Ich habe in meinem Leben alles immer mit grossem Engagement und Interesse gemacht – meist im Sinne von «ganz oder gar nicht» –, woraus sich stets neue Möglichkeiten ergeben haben. Als gwundriger Mensch finde ich neue Herausforderungen spannend. Und da ich nicht vorhabe, bald wieder aus Dübendorf wegzuziehen, sehe ich das Ratspräsidium auch als willkommene Gelegenheit, neue Menschen und Orte kennenzulernen.

Sie leben seit fünf Jahren in Dübendorf. Wie sieht es im Allgemeinen mit Ihrer Integration in der Stadt aus? Sind Sie in einem Verein?
Dafür habe ich leider schlichtweg keine Zeit. Vereine erachte ich aber für unentbehrlich für ein gutes Zusammenleben in einem Ort. Deshalb ist es wichtig, dass es sich aktuelle und potenzielle Vereinsmitglieder auch leisten können, in Dübendorf zu wohnen. Dazu kommt die Gefahr, dass die Menschen in einem urbanisierten Ort wie Dübendorf immer weniger kommunal gebunden sind. Dem muss man entgegenwirken durch Quartierschulen und eine Infrastruktur, die das Leben in einem Quartier lebenswert macht und letztlich für eine Identifikation mit dem Wohnort sorgt.

Wurden Sie denn als Ratspräsident schon an Vereinsanlässe oder andere Veranstaltungen eingeladen oder wirkt da Corona noch nach?
Bis jetzt ist noch nichts reingekommen, das hat aber wohl vor allem etwas mit der allgemeinen Sommerpause zu tun. Ich habe mir auch schon überlegt, Vereine und Institutionen aktiv anzugehen. Die Musikschule zum Beispiel fände ich sehr spannend. Ideologisch bin ich offen, die Armee nicht ausgenommen, schliesslich habe ich selber die RS absolviert. Und immerhin zwei WKs.

«Es hat sich etwas getan, denn mittlerweile sind im Gemeinderat Koalitionen bis weit in die Mitte möglich.»

Was erwarten sie im politischen Bereich von Ihrem Amtsjahr?
Raumplanerisch wird in nächster Zeit einiges auf uns zukommen…

… und ausgerechnet jetzt müssen Sie als Ratspräsident ein Jahr lang schweigen.
(lacht). Ja, das gehört halt dazu. Aber immerhin kann ich mich ganz normal in der Kommission und der Fraktion einbringen. Und ich habe bei Stimmgleichheit den Stichentscheid.

Was ist Ihre Meinung zum Zustand der Dübendorfer Politik?
Als ich in den Rat eingetreten bin, habe ich auf linker Seite viele konsternierte Stimmen gehört; man sei halt in der Opposition und im Parlament praktisch chancenlos, hiess es. Doch da hat sich schon etwas getan, denn mittlerweile sind Koalitionen bis weit in die Mitte möglich, weshalb etwa die Schuldenbremse abgeschmettert werden konnte. Vieles ist nicht mehr so eindeutig wie früher. Das ist spannend, weil sich die Leute in ihrer Argumentationen jetzt doppelt und dreifach anstrengen müssen, da die Mehrheiten praktisch jederzeit kippen können.

Sie lieben die Debatten im Parlament?
Im Gemeinderat ist es halt häufig ein Schaulaufen für die Öffentlichkeit. Aber die Debatten in der Kommission sind meistens spannend, weil kontrovers. Ohne Kontroverse kommt man nicht weiter. Die Diskussionen sind manchmal hart, aber man hört einander zu und hat die Gelegenheit, sein Fachwissen einzubringen.

Und das möchten Sie jetzt auch im Stadtrat tun? Im kommenden Frühling stellen Sie sich ja zur Wahl…
Ja, mir liegen Diskussionen auf Sachebene mit Menschen, die verschiedene Interessen haben. Und in der Exekutive passiert viel am Tisch, weil man sich arrangieren und konstruktive Lösungen suchen muss. Zudem bin ich der Meinung, dass die Ratslinke, die immerhin ein Viertel des Parlaments ausmacht, auch in die Regierung gehört.

Aber wieso braucht es überhaupt eine linke Beteiligung? Vor wenigen Wochen hat der Stadtrat Tempo 30 im Stadtzentrum eingeführt, linker geht es ja kaum.
Es stimmt, der Stadtrat vertritt durchaus auch linke Interessen. Aber in jedem politischen Gremium sollte ein möglichst breites Spektrum vertreten sein, weil das den Diskurs verbessert. Des Weiteren ist es eine Tatsache, dass Personen, die aus der Architektur und Raumplanung kommen, in der Politik untervertreten sind. Hier würde ich mich gerne einbringen.

«Ich hätte sofort verzichtet, wenn aus der SP eine Frau angetreten wäre.»

Ich hätte eher gedacht, dass die SP mit einer Frau antreten wird.
Frauen sind im Dübendorfer Stadtrat stark untervertreten. Ich hätte sofort verzichtet, wenn aus der SP eine Frau angetreten wäre.

Sie sind in einem Dorf im Thurgau aufgewachsen, den Ostschweizer Dialekt hört man Ihnen aber kaum mehr an. Haben Sie sich den bewusst abtrainiert?
(lacht) Wer weiss, vielleicht neige ich dazu, mich sprachlich zu assimilieren? Nein, ich lebe seit über 20 Jahren im zürcherischen Sprachraum, da hat sich meine Aussprache wohl ein wenig angeglichen.

Zur Person
Ivo Hasler ist 42 Jahre alt und Architekt. Seine berufliche Laufbahn begann er mit einer Lehre als Maschinenkonstrukteur mit Berufsmittelschule. Es folgte ein Musikstudium, das er nach einem Jahr abbrach, um Architektur zu studieren.
Hasler hat als Projektleiter die Überbauung Zwicky Süd in Dübendorf mitentwickelt. Seit fünf Jahren lebt er zusammen mit seinem Partner in der Siedlung. Über seine Tätigkeit als Vorstandsmitglied der Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1 fand er in die Politik. Musik macht er weiterhin, aber als Hobby.

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